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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Siebzehnte Homilie [Kap. IV, Vers 32 - V, Vers 4]

1.

Vers 32:"Seid vielmehr gütig gegeneinander und barmherzig und vergebt einander, sowie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Kap. V, Vers 1: Seid Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder,

V.2: und wandelt in Liebe, sowie auch Christus uns geliebt und sich selbst als Gabe und Opfer an Gott für uns hingegeben hat zum lieblichen Geruche."

Das Vergangene macht einen stärkeren Eindruck als das Zukünftige und erscheint großartiger und glaubwürdiger. Deshalb beruft sich auch Paulus bei seiner Ermahnung auf bereits Geschehenes. Wegen der Person Christi wirkt dieses um so überzeugender. Wohl ist auch das Wort: Vergib, und es wird dir vergeben werden, und: Wenn ihr nicht vergebt, so wird auch euch nicht vergeben werden [vgl. Lk 6,37f.], wenn zu weisen und zukunftsgläubigen Männern gesprochen, von ergreifender Wirkung; aber Paulus sucht nicht bloß durch Hinweis darauf, sondern auch durch Berufung auf das bereits Geschehene zur Einkehr zu bewegen. Jenes ermöglicht die Vermeidung der Strafe, dieses die Erlangung der Tugend. Ahme Christus nach! Gott nachzuahmen, das allein ist ein ausreichender Antrieb zur Tugend. Dieses ist wirksamer als jenes, weil Gott "seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und über Gerechte und Ungerechte regnen läßt"1 . Paulus sagt nicht bloß einfachhin, daß wir Gott nachahmen sollen, sondern daß wir ihn in den Dingen nachahmen sollen, worin wir selbst Gutes erfahren. Er will, daß wir das Herz eines Vaters gegeneinander haben. Unter Herz nämlich ist die Menschenfreundlichkeit und Erbarmung zu verstehen. Da es aber nun einmal nicht möglich ist, daß wir in diesem Menschlichen Leibe weder selbst andere kränken, noch von anderen gekränkt werden, so hat er ein zweites Heilmittel ausfindig gemacht: das gegenseitige Verzeihen. ["Vergebt einander", sagt er, "sowie auch Gott euch vergeben hat."]Indes stimmt dieser Vergleich nicht ganz. Denn wenn du gegen einen Menschen Nachsicht übst, so übt jener sie auch gegen dich; Gott gegenüber aber kannst du keine Nachsicht üben. Weiteres: Du vergibst nur einem Mitknechte, Gott aber einem Knechte, einem Feinde, einem Hasser. -

Es heißt: "Sowie auch Gott euch vergeben hat in Christus." Auch unter diesen Worten verbirgt sich ein tiefer Sinn. Der Apostel will sagen: Gott hat uns nicht einfach und leichthin vergeben, sondern um den Preis seines Sohnes. Um dir verzeihen zu können, hat er seinen Sohn geopfert; du aber gewährst häufig selbst da keine Verzeihung, wo sie augenscheinlich weder mit Gefahr noch mit Verlust für dich verbunden ist. - "Seid Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, sowie auch Christus uns geliebt und sich selbst als Gabe und Opfer an Gott für uns hingegeben hat zum lieblichen Geruche." - Damit du nicht etwa meinest, es habe so geschehen müssen, höre, wie er betont: "Er hat sich selbst hingegeben." Der Herr, so will er sagen, hat doch [den Feind] geliebt, liebe du ebenso den Freund! Vielmehr du wirst es nicht in diesem Grade vermögen; liebe ihn gleichwohl, so gut du kannst! O was kann es seligeres geben als diese Sprache! Kein Königreich, nichts auf Erden läßt sich damit vergleichen. Du ahmst Gott nach, du wirst Gott ähnlich, wenn du dem Nächsten verzeihst. Man soll lieber Beleidigungen verzeihen als Geldschulden nachlassen. Denn durch Nachlassung von Geldschulden wirst du nicht Nachahmer Gottes; durch Verzeihung von Beleidigungen aber ahmst du Gott nach. Wie kannst du noch sagen: Ich bin arm und kann nichts nachlassen, wenn du selbst das nicht nachläßt, was du nachlassen kannst? Erblickst du vielleicht auch hierin einen Verlust? Und nicht vielmehr einen Gewinn, einen Reichtum, einen Überfluß? - Siehe, ein anderer, noch edlerer Beweggrund! "Als geliebte Kinder" sagt er. Ihr habt noch einen anderen zwingenden Grund, Gott nachzuahmen, nicht nur, weil ihr Wohltaten von ihm empfangen habt, sondern auch, weil ihr seine Kinder heißest. - "Als geliebte Kinder." Da nicht alle Kinder in die Fußstapfen ihrer Väter treten, sondern nur die geliebten, darum sagt er: "als geliebte Kinder." - "Wandelt in Liebe!" Sieh da die Grundlage von allem! Ist diese vorhanden, so gibt es keine Heftigkeit, keinen Zorn, kein Geschrei, keine Lästerung; das alles ist mit einem Male entfernt.

Deshalb setzt er die Hauptsache an das Ende. Warum bist du ein Kind Gottes geworden? Weil dir verziehen worden ist. Aus demselben Grunde, aus welchem du so großer Ehre gewürdigt wurdest, verzeih auch deinem Nächsten! Sage mir einmal, wenn dich jemand aus dem Kerker und aus unsäglichen Leiden in den Königspalast führte, - doch lassen wir diesen Vergleich fallen; - wenn dir jemand on der ärgsten Fieberhitze und bereits in den letzten Zügen durch eine Arznei hülfe, würdest du da nicht ihn, ja selbst den Namen der Arznei über alles hochschätzen? Wenn wir schon Zeit und Ort, wo uns geholfen wurde, werthalten wie unser eigenes Leben, um wieviel mehr erst das Heilmittel selbst. So halte denn treu an der Liebe fest! Durch sie bist du ja gerettet, durch sie ein Kind Gottes geworden. Und wenn du einen anderen retten kannst, wirst du nicht dasselbe Heilmittel anwenden und alle ermahnen: Vergebet, damit euch vergeben werde? Solche eindringlichen Vorstellungen zeugen von einer dankbaren, hochherzigen, edlen Seele. - Sowie auch Christus uns geliebt hat." Du verschonst deine Freunde, er seine Feinde; was der Herr tut, steht also viel höher. Wann ist das "Sowie" ganz zutreffend? Offenbar nur dann, wenn wir den Feinden Gutes tun. "...und sich selbst für uns als Gabe und Opfer an Gott hingegeben hat zum lieblichen Geruche." Siehst du, daß das Leiden für die Feinde ein süßer Wohlgeruch und ein angenehmes Opfer vor Gott ist? Und wenn du stirbst [für die Feinde], dann wirst du ein Opfer sein: das heißt Gott nachahmen.

V.3: "Jedwede Unzucht aber und Unreinigkeit oder Habsucht werde nicht einmal unter euch genannt, wie es sich für Heilige geziemt."

Er hat von der bitteren Leidenschaft des Zornes gesprochen, nun geht er auf das geringere Übel über. Denn daß die Begierlichkeit ein geringeres Übel ist, magst du aus dem mosaischen Gesetz entnehmen, wo es zuerst heißt: "Du sollst nicht töten!, was eine Folge des Zornes ist, und dann erst: "Du sollst nicht ehebrechen"2 , was aus der Begierlichkeit hervorgeht. Gleichwie nämlich die Bitterkeit und das Geschrei und jegliche Art von Bosheit und Lästerung u. dgl, vom Zorne herrührt, so von der Begierlichkeit die Unzucht, Unreinigkeit, Habsucht. Es ist ein und dieselbe Begierlichkeit, mit welcher wir nach Geld und nach Wollust verlangen. - Wie er darum dort das Schreien verbot als die Veranlassung zum Zorne, so hier schamlose Reden und Possenreißen als die Veranlassung zur Unzucht. Er fährt nämlich fort;

V.4: "...auch Schamlosigkeit und törichtes Gerede oder Possenreißerei, was sich nicht gehört, sondern vielmehr Danksagung."

Meide in Wort und Benehmen jede Zweideutigkeit und Unanständigkeit, so hast du die unreine Flamme erstickt. - "Es werde nicht einmal unter euch genannt", das heißt, es soll sich nie und nirgends zeigen.

1: Mt 5,45
2: Ex 20,13f.;Dt 5,17 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger