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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Sechzehnte Homilie [Kap. IV, Vers 31-32]

1.

Vers 31: "Alle Bitterkeit und Heftigkeit und Zorn, alles Schreien und Lästern werde weggeschafft aus euch samt aller Bosheit!

V.32: Seid vielmehr gütig gegeneinander und barmherzig und vergebt einander, sowie auch Gott euch vergeben hat."

Es genügt nicht, das Böse zu meiden, wenn man des Himmelreiches teilhaftig werden soll, man muß sich auch des Guten befleißigen. Um der Hölle zu entgehen, müssen wir uns fernhalten von der Bosheit; um den Himmel zu gewinnen, müssen wir festhalten an der Tugend. Oder wißt ihr nicht, daß man auch bei den weltlichen Gerichten, wenn die Handlungen eines jeden untersucht werden und die ganze Bürgerschaft versammelt ist, also verfährt? Denn auch bei den weltlichen Gerichten war es von alters her Sitte, nicht denjenigen mit goldenem Kranze zu krönen, der dem Staate keinen Schaden zugefügt hatte - das reicht eben nur hin, um nicht gestraft zu werden -, sondern denjenigen, der große Verdienste aufweisen konnte. Nur so konnte einer zu dieser Auszeichnung gelangen. Doch da wäre mir beinahe - ich weiß selbst nicht wie - eine Bemerkung entgangen, die ich ganz besonders euch notwendig machen muß. Der erste Teil meiner Unterscheidung bedarf einer kleinen nachträglichen Verbesserung. Nachdem ich nämlich versichert, daß es, um nicht der Hölle zu verfallen, genüge, wenn wir das Böse meiden, kam mir während des Sprechens eine furchtbare Drohung in den Sinn, welche Strafe und Züchtigung nicht denen auferlegt, die sich etwas Böses zuschulden kommen ließen, sondern denen, die etwas Gutes versäumten. Wie lautet diese Drohung? Wenn jener schreckliche Tag herangekommen und die Leute versammelt sind, sagt die Schrift, wird der Richter auf dem Throne sitzen und die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke aber zu seiner Linken stellen.

Dann wird er zu den Schafen sagen: "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt in Besitz das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an; denn ich war hungrig und ihr habt mich gespeist" [Mt 25.31 ff.]. Soweit ist alles in Ordnung; sie sollen für ihre so große Menschenfreundlichkeit den entsprechenden Lohn empfangen. Was für ein Lohn aber könnte darin liegen, daß jene, welche den Dürftigen von ihrem Hab und Gut nicht mitgeteilt haben, nicht bloß mit der Beraubung der himmlischen Seligkeit bestraft, sonder in das Feuer der Hölle verwiesen werden? Auch darin kann ein sehr guter Sinn liegen, nicht weniger als in dem Vorausgehenden. Wir werden nämlich dadurch belehrt, daß diejenigen, die das Gute tun, die Seligkeit des Himmels genießen, diejenigen aber, die zwar keine Schuld auf sich geladen, aber das Gute unterlassen haben, zugleich mit den Übeltätern in das Feuer der Hölle werden verstoßen werden. Wenn man nicht etwa sagen will, die Unterlassung des Guten sei ein Stück Schlechtigkeit; denn sie verrät Trägheit. Trägheit aber ist ein Stück Schlechtigkeit, oder, besser gesagt, nicht ein Stück, sondern die Grundlage und Wurzel des Bösen. Denn Müßiggang ist aller Laster Anfang. Wir wollen daher nicht so unvernünftig sein, Fragen aufzuwerfen wie diese: An welchen Ort wird jener kommen, der nichts Böses. aber auch nichts Gutes getan hat? Denn das Gute unterlassen heißt so viel als das Böse tun. Angenommen, du hättest einen Dienstboten, der weder stiehlt noch schimpft, noch widerspricht, die Trunksucht und alle anderen Laster beherrscht, dabei aber immerfort müßig dasitzt und nichts von dem tut, was ein Dienstbote seinem Herrn zu leisten schuldig ist: sage mit, wirst du ihn nicht durchpeitschen und auf das empfindlichste züchtigen? Ja, sagst du. - Er hat aber doch nichts getan.

Gerade das ist böse. - Machen wir die Anwendung auch auf die übrigen Lebensverhältnisse! Denken wir uns einen Feldarbeiter: Er beschädigt unser Eigentum durchaus nicht, er geht nicht auf unseren Nachteil aus, er stiehlt nicht, nur bleibt er mit verschränkten Armen zu Hause sitzen, ohne zu säen, ohne die Furchen zu ziehen, ohne die Ochsen einzuspannen, ohne den Weinstock zu pflegen oder sonstige ländliche Arbeiten zu verrichten. Werden wir einen solchen nicht bestrafen? Und doch hat er kein Unrecht getan, wir können ihm nichts vorwerfen. Aber gerade darin hat er Unrecht getan, denn nach der allgemeinen Auffassung begeht man Unrecht dadurch, daß man seiner Pflicht nicht nachkommt. - Sage mir ferner, wenn jeglicher Arbeiter oder Handwerker zwar keinen Menschen schädigte, der ein anderes Gewerbe treibt, ja nicht einmal den Zunftgenossen, sondern lediglich müßig ginge, wäre damit nicht unser ganzes gesellschaftliches Leben zerstört und zugrunde gerichtet?

Sollen wir auch auf den Körper zu sprechen kommen? Gesetzt, die Hand schlage nicht das Haupt, schneide nicht die Zunge ab, steche nicht die Augen aus, tue überhaupt nichts Böses der Art; nur bleibe sie untätig und leiste dem ganzen Körper ihren Dienst nicht: verdiente sie es da nicht, abgehauen zu werden, statt daß man sie untätig und zum Verderben des ganzen Körpers herumträgt? Wie sodann, wenn der Mund zwar nicht die Hand aufzehrte, noch den Leib irgendwo bisse, aber seinen eigentlichen Dienst gänzlich versagte? Wäre es da nicht besser, er würde verstopft? Wenn also bei den Dienstboten, bei den Handwerkern und bei dem ganzen Körper nicht bloß die Verübung des Bösen, sondern auch die Unterlassung des Guten ein großes Unrecht ist, so ist dies wohl in weit höherem Maße noch bei dem Leibe Christi der Fall.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger