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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Sechzehnte Homilie [Kap. IV, Vers 31-32]

3.

Was kann es aber für einen Feind Ärgeres geben, als mitansehen zu müssen, wie sein Gegner von allen Bewunderung und Beifall erntet? Was kann für einen Feind bitterer sein, als sich vor den Augen seines Gegners von allen verachtet zu sehen? Wenn du dich an ihm rächst, so wirst du geradeso verurteilt und stehst mit deiner Rache allein; wenn du ihm aber vergibst, so werden alle sich statt deiner an ihm rächen. Und gerade der Umstand, so viele als Rächer gegen sich zu haben, ist für den Feind viel unerträglicher als für dich der Gedanke, beleidigt worden zu sein. Öffnest du den Mund, so werden jene schweigen, wenn du aber schweigst, so triffst du den Feind nicht mehr mit deiner einen Zunge, sondern mit den unzähligen Zungen der anderen und vervielfältigst deine Rache. Fängst du zu schimpfen an, so werden viele es dir sogar verübeln; man wird nämlich sagen, das seien Ausbrüche der Leidenschaft; wenn dagegen ein anderer, der von der Beleidigung nicht berührt ist, ihm gehörig den Pelz wäscht, dann ist eine solche Ahndung gewiß frei von jedem falschen Verdachte. Wenn jene, die keine Kränkung erfahren haben, infolge deiner außerordentlichen Milde mitempfinden und mitleiden, als wären sie selbst die Gekränkten, so ist eine solche Rache frei von jeder schlimmen Auslegung.

Wie aber, höre ich fragen, wenn sich niemand meiner annimmt? - Es ist nicht denkbar, daß die Menschen so von Stein seien, daß sie nicht beim Anblick solcher Weisheit von Bewunderung ergriffen würden. Wenn sie sich auch nicht gleich im ersten Augenblick deiner annehmen, später bei ruhiger Überlegung werden sie dies [sicherlich] tun und den andern mit Schimpf und Spott verfolgen. Und sollte niemand sonst dich bewundern, so wird dich ganz gewiß der Gegner bewundern, wenn er es auch nicht offen ausspricht. Wohnt uns doch das Gefühl für das Gute so unbestechlich und unwandelbar inne, daß wir es anerkennen müssen, auch wenn wir in den tiefsten Abgrund der Schlechtigkeit versunken wären. Oder warum glaubst du, daß Jesus Christus, unser Herr, sagt: "Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin"? [Mt 5,39]. Nicht deshalb, weil der Mensch, je langmütiger er ist, um so mehr sich und dem Feinde den größten Nutzen schafft? Deswegen befiehlt er, auch die andere [Wange] hinzuhalten, damit er die Leidenschaft des Zürnenden beschwichtige. Denn wer ist so tierisch roh, daß er dadurch nicht beschämt würde? Von den Hunden wird folgendes erzählt: Wenn sie jemanden noch so wütend anbellen und verfolgen, so kann dieser ihre ganze Wut bändigen, indem er sich rücklings auf den Boden wirft und nicht mehr rührt. Wenn nun schon die Hunde vor dem, der sich bereitwillig mißhandeln lassen will, scheu zurückweichen, wie viel mehr das vernunftbegabte Menschengeschlecht!

Doch es lohnt sich, einen Gedanken nicht zu übersehen, der mir vor kurzem eingefallen ist und den ich beispielsweise angeführt habe. Welcher ist nun dieser? Wir sagten von den Juden und ihren Vorgesetzten, es treffe sie der Vorwurf, daß sie auf Wiedervergeltung ausgegangen seien. Allerdings erlaubte ihnen das Gesetz: „Aug' um Aug', Zahn um Zahn" [Ex 21,24; Lev 24,20], aber nicht, damit sie einander die Augen ausreißen sollten, sondern damit sie aus Furcht vor Wiedervergeltung sich willkürlicher Mißhandlungen enthielten und so weder anderen Übles zufügten, noch selbst von anderen Übles erduldeten. Das Gesetz sagte deshalb: "Aug' um Aug', um dem Gegner die Hände zu binden, nicht um die deinigen zur Wiedervergeltung zu erheben; nicht bloß um von deinen Augen das Verderben abzuwehren, sondern auch um die des andern unversehrt zu erhalten. - Doch zu meiner Frage: Weshalb trifft, obschon die Wiedervergeltung erlaubt war, diejenigen ein Vorwurf, welche von diesem Rechte Gebrauch machten? Was soll das heißen?

Hier handelt es sich um die Unversöhnlichkeit. Das Gesetz erlaubt zwar dem Beleidigten sofortige Vergeltung, um, wie gesagt, den Beleidiger in Schranken zu halten; Unversöhnlichkeit aber gestattet es durchaus nicht; denn diese ist nicht mehr das Werk der Heftigkeit und des aufwallenden Zornes, sondern überlegter Bosheit. Gott verzeiht aber nur denen, welche infolge kränkender Behandlung sich zu augenblicklicher Rache hinreißen lassen. Darum heißt es: "Aug' um Aug"; und wiederum: "Die Wege der Rachsüchtigen führen zum Tode" [Spr 12,28]. Wenn nun schon [im Alten Bunde], wo das Gesetz: "Aug' um Aug'" galt, solch schwere Strafe für die Unversöhnlichkeit festgesetzt ist, um wieviel mehr dann für diejenigen, welchen geheißen ward, Unbilden bereitwillig zu ertragen? Laßt uns also nicht unversöhnlich sein, sondern den Zorn ersticken, damit wir uns der göttlichen Erbarmung würdig machen! Denn es heißt: "Mit dem Maße, mit welchem ihr meßt, wird euch wieder gemessen werden: und mit dem Gerichte, mit welchem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden" [Mt 7,2]. Damit wir in diesem Leben den Fallstricken entrinnen und an dem bevorstehenden Tage die Verzeihung Gottes erlangen mögen, durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater gleichwie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen. -

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger