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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Sechzehnte Homilie [Kap. IV, Vers 31-32]

2.

Deshalb führt uns auch der heilige Paulus in einem vom Bösen weg und zur Tugend hin. Denn was nützt es, sag an, alles Unkraut auszurotten, wenn kein guter Same ausgestreut wird? Die unvollendet gebliebene Arbeit wird uns wiederum zu demselben Schaden ausschlagen. Darum bleibt Paulus bei der Sorge um unser Heil nicht dabei stehen, die Ausrottung und Entfernung des Bösen zu verlangen, sondern geht unverzüglich dazu über, auf die Anpflanzung des Guten hinzuweisen. Nachdem er nämlich gesagt: "Alle Bitterkeit und Heftigkeit und Zorn, alles Schreien und Lästern werde weggeschafft aus euch samt aller Bosheit", fährt er fort: "Seid vielmehr gütig gegeneinander, barmherzig und vergebt einander!" Es handelt sich hier um bleibende Eigenschaften und Grundrichtungen. Dabei reicht die Ablegung der einen Gewöhnung nicht aus, uns sofort die entgegengesetzte anzueignen, sondern es bedarf, um in den Besitz der Tugenden zu gelangen, wiederum der Tatkraft, und zwar einer nicht geringeren Anstrengung, als um das Böse zu fliehen. Wird ja auch ein körperlich Schwarzer, wenn er diese Farbe verliert, darum nicht sofort weiß. Doch wir wollen nicht länger bei dem Körperlichen verweilen, sondern unsere Beispiele lieber aus dem Gebiet der Willensfreiheit hernehmen! Wer nicht Feind ist, ist darum durchaus noch nicht Freund; es gibt ein Mittleres, das weder Feindschaft noch Freundschaft ist, in dem sich die Mehrzahl der Menschen zumeist uns gegenüber befindet. Wer nicht weint, muß darum durchaus noch nicht lachen, es ist ein Zwischenzustand möglich. So auch hier: Wer nicht böse ist, ist noch lange nicht gütig, und wer nicht jähzornig aufbraust, noch lange nicht barmherzig; vielmehr bedarf es erneuter Bemühung, um diese Tugenden sich anzueignen.

Nun beachte, wie der heilige Paulus nach den Gesetzen einer Musterwirtschaft den vom Gutsbesitzer ihm anvertrauten Boden reinigt und bestellt! Erst beseitigt er das Unkraut, nunmehr fordert er, daß er edle Gewächse trage. "Seid gütig!" sagt er; denn bleibt das Land nach Ausrottung der Dornen brach liegen, so wird es wiederum nur unnützes Kraut hervorbringen. Deshalb muß ihm Zeit und Ruhe dazu von vornherein benommen werden, indem man es mit gutem Samen und Pflanzen anbaut. So entfernt er den Zorn und setzt dafür die Güte; so entfernt er die Bitterkeit und setzt dafür die Barmherzigkeit; so rottet er Bosheit und Lästerung aus und pflanzt dafür Versöhnlichkeit. Denn das besagen die Worte: "Vergebt einander!" Seid versöhnlich! will er sagen. Diese Nachsicht steht höher als die Nachsicht in Geldsachen. Denn wer einem andern das geliehene Geld nachläßt, tut zwar ein gutes und rühmliches Werk;: aber seine Nachsicht beschränkt sich doch nur auf dessen leibliches Wohl, wenn sie ihm auch durch geistige Gnaden zum Heile seiner Seele vergolten wird; wer aber Beleidigungen nachsieht, nützt sowohl seiner Seele als auch der Seele dessen, dem er verzeiht. Denn er macht auf diese Weise nicht nur sich selbst, sondern auch den anderen milder. Wir verwunden nämlich die Seele unserer Beleidiger nicht so sehr durch Rache als durch Verzeihung, weil wir sie dadurch rühren und beschämen. In jenem Falle nützen wir weder uns selbst, noch ihnen, sondern schaden beiden, weil wir, nach Art der jüdischen Vorsteher auf Wiedervergeltung ausgehend, bei jenen die Erbitterung noch heftiger entflammen; erwidern wir dagegen die Beleidigung mit Milde, so entwaffnen wir den Zorn des anderen vollständig und errichten in seinem Innern gleichsam ein Tribunal, das für uns die Abstimmung vornimmt und ihn strenger verurteilt als wir. Er wird gegen sich selbst erkennen und entscheiden müssen, und er wird jeglichen Anlaß ergreifen, um die ihm geliehene Summe von Langmut mit Zinsen heimzuzahlen, wohl wissend, daß, wenn er sie nur in gleichem Maße zurückgäbe, er auf diese Weise im Rückstand bliebe, weil er nicht selbst damit den Anfang gemacht, sondern sich erst an uns ein Beispiel genommen hat, folglich zu wenig erstattete. Daher wird er sich bemühen, das Maß zu überbieten, um den Mangel, den er durch das Zuspätkommen in der Vergeltung sich zugezogen, durch das Übermaß an Vergeltung zu decken und den Rückstand, in welchem er sich der Zeit nach dem früher Beleidigten gegenüber befindet, durch ein Übermaß an Milde auszugleichen. Edeldenkende Menschen nämlich grämen sich nicht so sehr über das Böse, als über das Gute, das ihnen von den Beleidigten erwiesen wird. Denn es ist im höchsten Grade boshaft, schimpflich und verächtlich, Gutes nicht wieder mit Gutem zu vergelten; dagegen erntet es [allenthalben] lauten und ungeteilten Beifall, wenn man erlittene Beleidigungen nicht mit Gleichem vergilt. Deshalb werden die Leute dadurch am empfindlichsten getroffen. Wenn du dich daher rächen willst, so räche dich auf folgende Weise: Vergilt das Böse mit Gutem, damit du den Beleidiger zum Schuldner machest und selbst einen herrlichen Sieg davontragest! Du hast Böses erlitten? Tue deinem Feinde Gutes; das sei deine Rache! Wenn du dich rächst, so werden alle dich und ihn in gleicher Weise tadeln; wenn du es aber geduldig hinnimmst, so werden umgekehrt die Leute dir Beifall und Bewunderung zollen, den andern aber mit Schmähungen überhäufen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger