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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Fünfzehnte Homilie [Kap. IV, Vers 31]

1.

Vers 31: "Alle Bitterkeit und Heftigkeit und Zorn, alles Schreien und Lästern werde weggeschafft aus euch samt aller Bosheit!?

Gleichwie das Geschlecht der Bienen sich niemals in ein unreines Gefäß niederläßt - deshalb besprengen die Bienenzüchter den Platz mit Räucherwerk und Salben und Spezereien und die Körbe, in welche die jungen Schwärme gefaßt werden sollen, mit wohlriechenden Weinen und dergleichen, damit kein unangenehmer Geruch sie beleidige und wieder vertreibe -, so verhält es sich auch mit dem Hl. Geiste. Unsere Seele ist gleichsam ein Behälter, ein Bienenkorb, geeignet, die Schwärme der Gnadengaben des Heiligen Geistes in sich aufzunehmen; ist aber darin Galle, Bitterkeit und Leidenschaft, so fliegen die Schwärme davon. Deshalb unterzieht dieser heilige und weise Landwirt unsere Gefäße einer gründlichen Reinigung, ohne Gartenmesser oder sonst ein eisernes Werkzeug; er ruft uns zum Fange dieses geistigen Bienenschwarmes und reinigt [uns] beim Fassen desselben durch Gebet und Fasten und dergleichen mehr. Sieh nur, wie er unser Herz blank fegt! Er hat die Lüge verbannt, verbannt den Zorn. Wiederum zeigt er, wie das Übel am leichtesten an der Wurzel sich ausrotten lasse: wenn wir nämlich, sagt er, keine Bitterkeit im Herzen haben... Gleichwie es bei der winzigen Galle zu geschehen pflegt, falls durch Reißen des Behälters eine kleine Störung entsteht.

...Wenn nämlich die Galle schärfer und immer schärfer wird, so vermag das Gefäß, das sie bisher enthielt, nicht mehr, die Hitze und Schärfe des also beschaffenen Stoffes zu ertragen. Wie von einem gewaltigen Feuer durchfressen, ist es nicht mehr imstande, sie in den bestimmen Schranken festzuhalten, sondern muß, infolge der übermäßigen Schärfe berstend, sie austreten lassen zum Schaden des ganzen Körpers. Und gleich wie ein in die Stadt gebrachtes Raubtier, und wäre es noch so gefährlich und unerträglich, solange es hinter Schloß und Riegel bleibt, niemandem im geringsten schaden kann, es mag toben und brüllen; wenn es aber von Wut erfaßt die Gitter zerbricht und das Freie gewinnt, die ganze Stadt mit Verwirrung und Bestürzung erfüllt und alles in die Flucht jagt: geradeso ist auch die Galle geartet. Solange sie innerhalb der gehörigen Grenzen bleibt, bereitet sie uns kein großes Ungemach; wenn aber das sie umschließende Häutchen reißt, und nichts mehr sie aufhält, in den ganzen Organismus sich zu ergießen, dann freilich, dann färbt sie, trotz ihrer fast verschwindenden Quantität, wegen ihrer außerordentlich intensiven Qualität alle anderen Bestandteile des Körpers mit dem ihr eigenen Krankheitsstoffe. Zunächst trifft sie nach Lage und Beschaffenheit auf das Blut und steigert die demselben innewohnende Wärme zu brennender Hitze, verbreitet sich sodann vermöge ihrer Flüssigkeit über alle umliegenden Teile und macht sie gallig, greift schließlich auch die übrigen Glieder an, und nachdem sie so alles mit ihrer Verderbnis durchsetzt hat, raubt sie dem Menschen Sprache und Leben.

Warum nun haben wir dies alles mit solcher Ausführlichkeit geschildert? Damit wir aus der sinnlichen Bitterkeit ersehen, welch unerträgliches Laster die geistige Bitterkeit ist, wie sie vor allem die Seele, die sie gebiert, gänzlich verwüstet, indem sie das Unterste zu oberst kehrt und damit wir infolge davon uns hüten, sie an uns selbst zu erfahren. Denn wie jene den ganzen Organismus, so verzehrt diese die ganze Denkweise und reißt den von ihr Ergriffenen in den Abgrund der Hölle. - Damit wir nun das sorgfältig erwägen, dieses Übel fliehen und das wilde Tier bändigen oder vielmehr mit der Wurzel ausrotten, laßt uns die Aufforderung des hl. Paulus befolgen, der nicht bloß sagt: Alle Bitterkeit werde überwältigt, sondern: "Alle Bitterkeit werde weggeschafft aus euch!" Was brauche ich mich lange abzumühen? Warum soll ich das wilde Tier bewahren, da es in meiner Macht steht, es aus der Seele zu verbannen, gänzlich zu entfernen, über die Grenzen zu jagen? Befolgen wir also die Mahnung Pauli: "Alle Bitterkeit werde weggeschafft aus euch!" Aber o der Verkehrtheit, die uns gefangen hält! Während wir alle Kräfte gegen sie aufbieten sollten, sind in Wirklichkeit einige unverständig genug, sich ihretwegen glücklich zu preisen, sich mit dem Übel zu brüsten, damit zu prahlen und sich von anderen beneiden zu lassen. Der und der ist ein bitterböser Mensch, heißt es; das ist ein Skorpion, eine Schlange, eine Natter; man hält ihn für gefährlich. Guter Freund, was fürchtest du den Bösen? - Er könnte mir schaden, sagst du, er könnte mich verderben. Ich bin unerfahren in seiner Bosheit; ich fürchte, er könnte mich, der ich ein schlichter Mensch bin und von seinen Kunstgriffen nichts ahne, in seine Fallstricke locken, könnte uns in die Netze verwickeln, die er zu unserer Verführung aufgestellt hat.

Da muß ich lachen. - Warum denn? - Weil das Reden von Kindern sind, die sich da fürchten, wo es nichts zu fürchten gibt. Nichts verdient so verachtet, nichts so verlacht zu werden als ein bitterböser Mensch. Denn nichts steht auf so schwachen Füßen als die Bitterkeit; sie macht töricht und unverständig.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger