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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Fünfzehnte Homilie [Kap. IV, Vers 31]

2.

Oder seht ihr nicht, daß die Bosheit blind ist? Habt ihr nicht gehört, daß, wer andern eine Grube gräbt, selbst hineinfällt? - Wie? Also braucht man sich vor einer Seele, die ganz von unordentlicher Aufregung erfüllt ist, nicht zu fürchten? Soll das heißen, man müsse die bösen Menschen fürchten wie Besessene, Wahnsinnige und Narren - denn auch diese tun alles ohne Überlegung -, so sage ich ja; meint man aber damit, sie seien zu fürchten wegen ihrer Geschicklichkeit -, dann nein. Denn zur Geschäftstüchtigkeit ist nichts so sehr erforderlich als Einsicht; der Einsicht aber ist nichts so sehr abträglich als Schlechtigkeit, Bosheit und heimtückisches Wesen. Betrachtet doch die Körper der Gallsüchtigen! Wie häßlich nachdem jegliche Blüte an ihnen verwelkt! Wie saft- und kraftlos und zu allem untauglich! So sind auch die gallsüchtigen Seelen. Denn die Gelbsucht der Seele ist nichts anderes als die Bosheit. Die Bosheit ist nicht Kraft, ganz gewiß nicht. Soll ich euch meine Behauptung wiederum an einem Beispiele veranschaulichen, indem ich euch das Bild eines hinterlistigen Menschen und das eines ungeheuchelten Charakters vor Augen führe? Ein hinterlistiger Mensch war Absalom; alle wußte er für sich einzunehmen. Sieh, wie weit seine Heimtücke ging! Er ging umher, sagt die Schrift [vgl.2 Kön 15,2 ff], und fragte einen jeden: Findest du dein Recht?, um ihn so an sich zu fesseln. David dagegen war ungeheuchelt. Betrachte nun das Ende von beiden! Vergegenwärtige dir die Größe der Torheit, die jenen erfüllte! Nur darauf bedacht, seinen Vater zu schädigen, ward er in allem andern blind. Nicht so David; denn "wer in Einfalt wandelt, der wandelt sicher" [Spr 10,9]; mit Recht, wer sich nicht in fremde Angelegenheiten mischt, wer nichts Böses im Schilde führt.

Folgen wir daher dem heiligen Paulus, bemitleiden und beweinen wir die von Bitterkeit Erfüllten und bieten wir alles auf, die Bosheit aus ihrer Seele zu entfernen! Denn ist es nicht ungereimt, daß wir zwar die Galle, die in unserem Körper ist, trotz der Nützlichkeit dieses Stoffes - denn ohne Galle kann der Mensch nicht bestehen, wobei ich selbstverständlich hier nur den organischen Stoff meine -, ist es nicht ungereimt, frage ich, daß wir zwar diese nach Kräften entleeren, obschon sie uns wichtige Dienste leistet, daß wir dagegen weder Mühe noch Fleiß anwenden, um die Galle in der Seele zu entleeren, die doch zu gar nichts taugt, vielmehr den größten Schaden anrichtet? "Wer unter euch", sagt der Apostel, sich weise zu sein dünkt, der werde ein Tor, damit er weise werde!"[1 Kor 3,18].Vernimm ferner, was Lukas erzählt: "Sie nahmen Speise zu sich in Fröhlichkeit und Einfalt des Herzens, Gott lobpreisend, und waren beliebt beim ganzen Volke" [Apg 2,46 f.]. Oder sehen wir nicht, wie auch jetzt noch die Schlichten und Einfältigen allgemein geachtet werden? Niemand beneidet einen solchen um sein Glück, niemand beschimpft ihn im Unglück; vielmehr freuen alle sich, wenn es ihm wohlergeht, und fühlen Mitleid, wenn ihm ein Unfall zustößt. Wenn aber ein böser Mensch sich je einmal wohlbefindet, so seufzt alles, als ob sich ein Unglück zugetragen hätte; hingegen freut sich wiederum alles, wenn es ihm schlecht geht. Laßt uns also diese Leute bemitleiden! Wohin sie sich auch wenden mögen, allenthalten begegnet ihnen die allgemeine Feindschaft. Jakob war offen und gerade, dennoch gewann er den Vorrang vor dem tückischen Esau. Denn "in eine boshafte Seele geht die Weisheit nicht ein" [Wh 1,4].

"Alle Bitterkeit werde weggeschafft aus euch!" Auch nicht der kleinste Überrest bleibe davon zurück! denn dieser kann auf die geringste Veranlassung hin gleich einem Feuerfunken das ganze Innere in Brand aufgehen machen. Wir wollen daher genau erwägen, was Bitterkeit ist. Nehmen wir einen Menschen an, der verstockt, der hinterlistig, der zum Übeltun bereit, der argwöhnisch ist. Von diesem wird stets Leidenschaft und Zorn erzeugt. Eine solche Seele kann unmöglich in Ruhe sein; die Wurzel der Leidenschaft und des Zornes aber ist die Bitterkeit. Ein solcher Mensch ist stets auch mißvergnügt und läßt seine Seele nie zur Ruhe kommen, weil er immer nachgrübelt, immer mürrisch bleibt. Diese Leute müssen eben, wie schon gesagt, selber zuerst die bösen Früchte ihres Lasters ernten. "...und Schreien", setzt der Apostel hinzu: Was? Auch das Schreien willst du verbieten? Ja; denn so verlangt es die Sanftmut. Das Geschrei ist ein Roß, das den Zorn als Reiter trägt. Feßle das Roß, und du hast den Reiter in deiner Gewalt. Mögen sich dies besonders die Frauen gesagt sein lassen, die bei jeder Gelegenheit ein großes Geschrei erheben! Nur in einem Falle ist es heilsam, seine Stimme laut zu erheben, nämlich bei Predigt und Unterricht; sonst aber nirgends, nicht einmal beim Gebete. Und willst du es aus eigener Erfahrung lernen: Schreie nie, und du wirst nie zürnen. Siehe den Weg, nicht in Zorn zu geraten! Denn wie es nicht möglich ist, in Zorn zu geraten, ohne zu schreien, so ist es auch nicht möglich, den Zorn zu meiden, wenn man schreit, Rede mir nicht von schwerem Zorn, von Unversöhnlichkeit, von angeborener Bitterkeit und Galligkeit! Wir sprechen jetzt davon, daß man sich von der Leidenschaft nicht fortreißen lassen darf.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger