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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Dreizehnte Homilie [Kap. IV, Vers 17-24]

1.

Vers 17: "So sage ich denn und beschwöre euch im Herrn, daß ihr nicht mehr wandelt, wie auch die Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes,

V.18: verfinstert im Verstande, entfremdet dem Leben Gottes durch die ihnen innewohnende Unwissenheit, durch die Unempfindlichkeit ihres Herzens,

V.19: welche in ihrer Stumpfheit sich der Unzucht ergeben haben, zur Ausübung jeglicher Unlauterkeit, unersättlich."

Nicht bloß an die Epheser sind diese Worte gerichtet, sondern sie werden in dieser Stunde auch zu euch gesprochen, und zwar nicht von uns, sondern von Paulus, oder vielmehr weder von uns noch Paulus, sondern von der Gnade des Heiligen Geistes. Ihr müßt also in der Verfassung sein, als ob sie dieses spräche. So höre denn, was sie spricht: "Dies also sage ich und beschwöre euch im Herrn, daß ihr nicht mehr wandelt, wie auch die Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes, verfinstert im Verstande, entfremdet dem Leben Gottes durch die ihnen innewohnende Unwissenheit, durch die Unempfindlichkeit ihres Herzens," - Wenn es also Unwissenheit, wenn es Unempfindlichkeit ist, warum machst du daraus einen Vorwurf? Der Unwissende verdient doch billigerweise nicht Strafe und Vorwurf, sondern vielmehr Belehrung in dem, was er nicht weiß. - Sieh nur, wie der Apostel ihnen sogleich jede Entschuldigung abschneidet! Er sagt: "Welche in ihrer Stumpfheit sich der Unzucht ergeben haben und der Ausübung jeglicher Unlauterheit, unersättlich."

V.20: "Ihr aber habt Christus nicht so kennengelernt."

Er zeigt hier, daß an der Unempfindlichkeit ihr Lebenswandel die Schuld trägt; dieser Lebenswandel aber ist die Folge eigener Gleichgültigkeit und Stumpfheit. - "Welche", sagt er, "in ihrer Stumpfheit sich ... ergeben haben." Wenn du daher die Stelle vernimmst: "Gott hat sie verworfenem Sinne preisgegeben" [Röm 1,28], so erinnere dich dieses Ausspruches: Sie haben sich selbst preisgegeben. - Wenn sie sich nun selbst preisgaben, wie konnte dann Gott sie preisgeben? Wenn aber Gott sie preisgab, wie konnten sie sich selbst preisgeben? Du siehst doch den Widerspruch, der darin zu liegen scheint? - Der Ausdruck: "er hat preisgegeben" bedeutet soviel als: er hat zugelassen. Siehst du, daß der unlautere Lebenswandel die Voraussetzung eben solcher Grundsätze bildet? "Jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht zum Licht" [Joh 3,20]. Wie könnte auch ein befleckter Mensch, der ärger als die im Kote sich wälzenden [Schweine] mit allen Weiberkörpern sich besudelt, der der Habgier frönt und kein Verlangen nach Sittsamkeit kennt, sich zu sittsamem Leben entschließen? Sie trieben ihr Unwesen, sagt der Apostel, wie man ein Handwerk treibt. Daher die Unempfindlichkeit, daher die Umnachtung des Verstandes. Man kann auch beim hellen Sonnenschein im Finstern sitzen, wenn die Augen ihre Sehkraft eingebüßt haben; diese aber büßen sie ein durch Zufuhr böser Säfte oder durch übermäßiges Triefen. Geradeso geht es auch hier: Wenn die Dinge dieses Lebens in mächtigen Wogen das Sehorgan unseres Verstandes überschwemmen, wird dieses verdunkelt. Und sowie wir, tief unten im Wasser sitzend, die Sonne nicht schauen könnten, weil die über uns liegende Wassermasse gleichsam eine Scheidewand bildet, so entsteht auch in den Augen des Verstandes "Unempfindlichkeit des Herzens," d. h. Gefühllosigkeit, wenn keine Furcht mehr die Seele erschüttert. "Keine Gottesfurcht", sagt die Schrift, ist vor seinen Augen" [Ps 13,3].

Und wiederum: "Der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott"[ebd 13,1]. Diese Unempfindlichkeit aber geht aus nichts anderem hervor als aus dem gänzlichen Mangel des Gefühls. Das ist es, was alle Poren verschließt. Wenn ein böser Fluß sich auf einen Fleck zieht und hier hartnäckig festsetzt, so stirbt das bestreffende Glied ab und wird gefühllos; man mag es brennen oder schneiden oder was immer damit anfangen, es fühlt nichts davon. So mag man auch jenen, die sich einmal der Wollust ergeben haben, mit dem Worte wie mit Feuer und Stahl zu Leibe rücken, es greift sie nichts an, es dringt nichts in sie ein. Das Organ dafür ist bei ihnen nun einmal erstorben. Kann man diese Gefühllosigkeit nicht beheben, so daß die wiedergesundeten Organe dem Eindruck zugänglich werden, so ist alles, was man anfängt, vergeblich. - "Unersättlich", sagt der Apostel. Mit diesem Worte hat er ihnen jegliche Rechtfertigung benommen. Wenn sie es nicht [selbst] gewollt hätten, konnten sie sich frei erhalten von Habsucht, Wollust, Schwelgerei und Befriedigung der Leidenschaften. Sie konnten die irdischen Güter, die Freuden und Genüsse mit Maß gebrauchen; weil sie sich aber derselben ohne Maß bedienten, so verdarben sie alles. -

"Zur Ausübung der Unlauterkeit", sagt Paulus. Siehst du, wie er ihnen jeden Milderungsgrund abspricht, indem er von "Ausübung der Unlauterkeit" redet? Nicht zufällig, will er sagen, gerieten sie in Sünden, sondern sie verübten die ärgsten Greuel handwerksmäßig und gingen dabei mit Absicht und Überlegung zu Werke. - "In jeglicher Unlauterkeit". Unlauterkeit ist jede Art von Ehebruch, Konkubinat, Päderastie, Verführung, jede Art von Ausschweifung und Wollust. - "Ihr aber habt Christus nicht so kennengelernt", fährt er fort,

V.21: "wenn anders ihr von ihm gehört habt und über ihn unterrichtet worden seid, wie es der Wahrheit in Jesus entspricht."

Der Ausdruck: "wenn anders ihr von ihm gehört habt" enthält keinen Zweifel, sondern im Gegenteil eine nachdrückliche Bekräftigung, wie es auch an einer anderen Stelle heißt: "Wenn anders es gerecht ist bei Gott, daß er denjenigen, die euch in Trübsal versetzen, mit Trübsal vergelte" [2 Thess 1,6]. Der Sinn seiner Worte ist der: Nicht dazu habt ihr Christus kennengelernt. "Wenn anders ihr von ihm gehört habt und über ihn unterrichtet worden seid, wie es der Wahrheit in Jesus entspricht",

V.22: "daß ihr ableget in Ansehung eures früheren Wandels den alten Menschen".

Christus kennengelernt zu haben, heißt also auch soviel als: recht leben; denn wer schlecht lebt, weiß nichts von Gott, und Gott will nichts von ihm wissen. Höre nämlich, was Paulus anderswo sagt: "Sie geben vor, Gott zu kennen, durch ihre Werke aber verleugnen sie ihn" [Tit 1,16]. - "Wie es der Wahrheit in Jesus entspricht, daß ihr ableget in Ansehung eures früheren Wandels den alten Menschen." Das heißt: Nicht auf diese Voraussetzungen hin hast du den Bund geschlossen. Bei uns herrscht nicht Eitelkeit, sondern Wahrheit; wie die Glaubenslehren wahr sind, so muß auch das Leben wahr sein. Denn die Sünde ist Eitelkeit und Lüge, die Rechtschaffenheit des Lebens aber Wahrheit. Die Sittsamkeit ist in der Tat Wahrheit, denn sie besitzt ein erhabenes Ziel; die Zuchtlosigkeit dagegen endet in nichts. Darum fügt der Apostel hinzu: "...der dem Verderben anheimfällt durch seine trügerischen Lüste." Wie seine Lüste dem Verderben anheimfallen, so auch er selbst.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger