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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Dreizehnte Homilie [Kap. IV, Vers 17-24]

3.

Es ist demnach unsere Pflicht, das Gewand der Gerechtigkeit nicht abzulegen, das der Prophet auch ein Gewand des Heiles nennt, damit wir Gott gleichförmig werden; denn auch er ist in Gerechtigkeit gekleidet. Dieses Gewand wollen wir anziehen. Es anziehen heißt aber nichts anderes als: es niemals ablegen. Höre nämlich, was der Prophet spricht: "Er zog den Fluch an wie ein Kleid, und er wird über ihn kommen" [Ps 108,18]. Und wiederum: "Von Licht umflossen wie von einem Gewande"[ebd 103,2]. Auch wir pflegen von den Menschen zu sagen: Der und der hat den und den angezogen. Der Apostel will also, daß wir nicht einen oder zwei oder drei Tage bloß, sondern immerfort in der Tugend verbleiben und niemals von diesem Gewande entblößt seien. Denn leibliche Nacktheit ist für den Menschen nicht derart beschämend, als das Entblößtsein von Tugend. Dort sehen nur die Mitknechte seine Schande, hier aber der Herr und die Engel. Gestehe: Wenn du jemand auf offener Straße nackt daherkommen siehst, berührt dich das nicht peinlich? Was sollen wir dann sagen, wenn du entblößt von diesem Gewande herumläufst? Siehst du nicht dieses Bettelvolk, das wir gewöhnlich Lotagen [Zigeuner] nennen? Wie sie umherziehen und wie wir sie sogar bedauern? Gleichwohl aber wird ihnen keine Nachsicht zuteil; denn wir finden es unverzeihlich, wenn sie im Würfelspiele ihre Kleider verlieren. Wie soll da Gott uns verzeihen, wenn wir das Gewand der Tugend verloren haben? Denn wenn der Teufel einen von Tugend entblößt sieht, so schwärzt und verdunkelt er ihm sogleich das Gesicht, verwundet ihn und quält ihn gar sehr.

Wir wollen uns abtun vom Gelde, damit wir nicht von Gerechtigkeit entblößt werden! Die Hülle des Geldes zerstört dieses Gewand; es ist ein Dornenkleid. In der Natur der Dornen liegt es, daß wir um so mehr entblößt werden, je mehr wir davon anziehen. Die Üppigkeit entblößt von diesem Gewande; denn sie ist ein Feuer, und das Feuer verzehrt dieses Gewand. Eine Motte ist der Reichtum, gleichwie die Motte alles zerfrißt und selbst die Seide nicht verschont, so auch er. - Laßt uns daher all dieses ablegen, damit wir gerecht werden, damit wir den neuen Menschen anziehen! Nichts wollen wir an uns behalten, was alt ist, nichts, was bloß zum Schein dient, nichts, was der Verderbnis unterliegt!.

Die Tugend ist nicht mühsam, nicht schwer erreichbar. Siehst du nicht die Mönche im Gebirge? Sie verlassen Haus und Hof, Weib und Kind, Rang und Würden, verbannen sich aus der Welt, schließen sich, in Sack gekleidet, mit Asche bestreut, mit Halsringen beschwert, in enge Zellen ein, und damit noch nicht zufrieden, peinigen sie sich durch fortdauerndes Fasten und Kasteien. Wenn ich solches jetzt von euch verlangte, würdet ihr nicht alle zurückschrecken? Würdet ihr die Forderung nicht unerträglich finden? Ich sage euch gar nicht, daß ihr solches tun müßt; ich wünschte es wohl, doch ich schreibe es nicht vor. Was also? Bediene dich der Bäder, pflege deinen Leib, nimm teil am öffentlichen Leben, besitze ein Haus, laß dir von Dienerschaft aufwarten, genieße Speise und Trank - nur verbanne allenthalben das Zuviel! Denn das ist es, was die Sünde erzeugt; ein und dieselbe Sache wird durch Übermaß zur Sünde. Das Zuviel ist daher nichts anderes als Sünde. Siehe: Wenn der Unmut sich über Gebühr regt, dann artet er in Schmähungen aus, dann begeht er lauter Ungerechtigkeiten; desgleichen die sinnliche Liebe, die Liebe zum Gelde, die Liebe zum Ruhme, die Liebe zu allen übrigen Dingen.

Komme mir nicht mit der Ausrede: Jene Männer konnten es! Denn viele, die weit schwächlicher, reicher und verwöhnter waren [als du] haben jene harte und strenge Lebensweise angenommen. Doch was rede ich von Männern? Mädchen unter zwanzig Jahren, die ihre ganze Zeit im Schatten des Hauses zugebracht hatten, in Gemächern voll Salbenduft und wohlriechendem Räucherwerk, auf zarten Polstern ruhend, selbst zart von Natur und durch die sorgfältige Pflege noch mehr verweichlicht, den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt als sich zu putzen, mit goldenem Geschmeide zu schmücken und allem erdenklichen Luxus zu frönen, nie sich selbst bedienend, sondern von zahlreichen Dienerinnen umgeben, angetan mit Gewändern, die an Üppigkeit den üppigen Körper noch übertrafen, mit feinem, zartem Linnen, beständig in einer Atmosphäre von Rosenduft und ähnlichen Wohlgerüchen lebend: solche Mädchen haben plötzlich vom Feuer der Liebe Christi ergriffen, alle jene Schlaffheit der Natur abgelegt, ihrer Verzärtelung und Jugend vergessend gleich trefflichen Wettkämpfern jene weichliche Lebensweise aufgegeben und sich mitten in den Kampf gewagt. Was ich sage, wird vielleicht unglaublich scheinen, ist aber doch reine Wahrheit. Diese so zarte Mädchen haben, wie ich höre, sich selbst in solch harte Zucht genommen, daß sie die rauhesten härenen Bußkleider auf bloßem Leibe tragen, mit ihren zarten Füßen ohne Schuhe gehen, auf einem Streulager schlafen oder vielmehr den größten Teil der Nacht hindurch wachen, sich weder um Salben noch sonst einen der früheren Toilettengegenstände kümmern, sondern das vordem so sorglich gepflegte Haupt vernachlässigen, indem sie die Haare einfach und aufs Geratewohl aufbinden, lediglich um den Anstand nicht zu verletzten. Sie nehmen nur eine Mahlzeit am Abend ein; diese Mahlzeit besteht nicht aus Gemüse und Brot, sondern aus Weizenmehl, Bohnen, Kichererbsen, Oliven und Feigen. Unablässig spinnen sie Wolle und verrichten viel beschwerlichere Arbeiten als die der Hausmägde.

Wieso? Sie übernehmen die Pflege der Kranken, tragen deren Betten, waschen ihnen die Füße: viele von ihnen versehene sogar der Dienst des Kochens. Soviel vermag das Feuer der Liebe Christi; so sehr überragt der gute Wille selbst die Natur. Indes, es liegt mir ferne, solches von euch zu verlangen, da ihr euch nun einmal von Weibern überholen lassen wollt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger