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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Elfte Homilie [Kap. IV, Vers 4-16]

6.

Du entsetzest dich bei diesen Worten? Wenn ich sage: Ohrfeige mich! entsetzest du dich; deinen Herrn aber zerfleischst du, ohne dich zu entsetzen? Die Glieder deines Herrn zerstückelst du, ohne zu zittern? Die Kirche ist das Vaterhaus, ein Leib und ein Geist. - Willst du dich an mir rächen, so bleibe bei meiner Person stehen! Warum rächst du dich an Christus statt an mir? Oder vielmehr, warum "schlägst du aus gegen den Stachel"?1 . Rache nehmen ist unter keinen Umständen gut; aber wenn einer uns beleidigt hat, dafür einen anderen zu mißhandeln, ist noch viel schlimmer. Von uns ist dir Unrecht widerfahren? Warum kränkst du dann den, welcher dir kein Unrecht getan hat? Das ist heller Wahnsinn. Es ist nicht Heuchelei, was ich jetzt sage, und nicht leeres Gerede, sondern der wahre Ausdruck meiner innersten Gesinnung: Ich wollte, daß jeder von denen, welche mit euch gegen uns erbittert sind und infolge dieser Verbitterung zu ihrem eigenen Schaden sich absondern, uns ins Gesicht schlüge oder uns den entblößten Rücken mit Geißelhieben zerfleischte, mögen seine Vorwürfe begründet sein oder nicht, und seinen Zorn an uns ausließe, statt das zu wagen, was sie jetzt wirklich wagen. In diesem Falle läge nichts daran, wenn einem nichtigen und unbedeutenden Menschen solches begegnete. Ohnehin würde Gott auf meine, des Beleidigten und Mißhandelten, Fürbitte euch die Sünde vergeben; nicht als traute ich mir selbst so Großes zu, sondern, weil der Beleidigte, wenn er für seinen Beleidiger betet, mit großer Zuversicht auf Erhörung rechnen darf.

"Wenn jemand gegen einen Menschen gesündigt hat", heißt es, "so kann man ihm Verzeihung erflehen"2 . Und wenn ich es nicht vermöchte, so würde ich mich an andere Heilige wenden und ihre Fürbitte anrufen; und sie brächten dies gewiß zustande. Wen aber sollen wir jetzt anrufen, da Gott selbst von uns beleidigt wird? Siehe, welch verkehrte Zustände bei uns eingerissen sind! Von denen, welche zu dieser Kirche gehören, erscheinen manche gar nie, oder nur einmal im Jahre und auch dann nur aufs Geratewohl, wie es sich eben trifft; andere kommen zwar häufiger, doch auch sie ohne Nutzen, da sie ungescheut mitsammen plaudern und nichtigen Scherz treiben; diejenigen endlich, welche scheinbar den regsten Eifer betätigen, diese wieder sind es, welche das beklagte Unheil anstiften. Wenn ihr also ebenfalls nur aus solchen Gründen eifrig seid, so wäre es besser, auch ihr gehörtet zu den Gleichgültigen; oder vielmehr das Bessere wäre, wenn weder jene gleichgültig noch ihr von falschem Eifer beseelt wäret. Nicht euch, die ihr hier anwesend seid, meine ich, sondern jene Abtrünnigen. Ein solches Beginnen ist Ehebruch. Wenn du es nicht ertragen kannst, diesen Vorwurf über jene zu hören, darfst du ihn folgerichtig auch über uns nicht dulden. Eine von beiden Parteien muß Unrecht haben. - Wenn ihr es nun auf unserer Seite vermutet, so sind wir bereit, das Vorsteheramt abzutreten, an wen immer ihr wollt; nur sei in der Kirche Einheit. Wenn wir aber auf rechtmäßige Weise zu dem Amte gekommen sind, so wirket dahin, daß jene, welche widerrechtlich den Sitz eingenommen haben, der angemaßten Würde entkleidet werden!

Dies habe ich gesagt, nicht als ob ich gebieten wollte, sondern weil ich über eure Sicherheit zu wachen habe. Da jeder von euch in dem Alter steht, um von seinen Handlungen Rechenschaft geben zu können, so bitte ich euch, glaubet ja nicht, daß ihr alle Verantwortung auf unsere Schultern laden dürfet, und daß ihr selber ohne Verantwortung seid, damit ihr nicht dereinst eure Selbsttäuschung vergeblich bejammert. Wir werden wohl über eure Seelen Rechenschaft ablegen, aber nur, wenn wir es an uns haben fehlen lassen, wenn wir nicht ermahnt, wenn wir nicht gewarnt, wenn wir nicht [gebeten und] beschworen haben. Darnach aber laßt auch mich sagen: "Ich bin rein vom Blute aller"3 , und: "Meine Seele wird Gott retten"4 . Bringet vor, was ihr wollt, und wenn die Ursache eurer Absonderung eine gerechte ist, werde ich euch entschuldigen. Aber ihr könnt nichts dafür vorbringen. Deshalb ermahne ich euch, steht selbst hinfort unerschütterlich fest und führet die Getrennten wieder zurück, damit wir einmütig unsern Dank zu Gott emporsenden; denn sein ist die Ehre in alle Ewigkeit! Amen.

1: vgl. Apg 26,14
2: 1 Kön 2,25
3: Apg 20,26
4: vgl. Ez 3,19

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger