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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Elfte Homilie [Kap. IV, Vers 4-16]

4.

All das, was der Apostel hier sagt, zielt auf die Demut hin. Was liegt denn daran, meint er, wenn dieser und jener mehr empfängt? Er hat den nämlichen Geist empfangen, der von demselben Haupte entsendet wird, der in gleicher Weise wirksam ist, in gleicher Weise erfaßt. - "Zusammengefügt und verbunden", d. h. größter Achtsamkeit wert. Denn der Körper muß nicht bloß schlechthin, sondern sehr kunstgemäß gestaltet sein; wenn er davon abweicht, ist er nicht mehr gestaltet. Du mußt also nicht bloß mit dem Leibe vereinigt bleiben, sondern auch den Platz einnehmen, der dir zukommt; denn sobald du denselben verläßt, stehst du nicht mehr in Verbindung und empfängst nicht mehr den Geist. Oder siehst du nicht, wie bei Knochenverrenkungen infolge eines Unfalls ein Knochen, wenn er seinen eigenen Platz verläßt und den eines anderen einnimmt, dem ganzen Körper schadet, ja oft den Tod verursacht? Mitunter wird er sogar nicht für wert erachtet, noch weiter beibehalten zu werden. Nicht wenige nämlich lassen ihn [vielfach] herausnehmen, wenn auch seine Stelle leer bleibt. Denn das Zuviel ist überall vom Übel. So ist es auch mit den Grundbestandteilen; sobald sie das ihnen eigentümliche Verhältnis verschieben, schädigen sie das Ganze. Dies ist der Sinn der Worte: "zusammengefügt und verbunden". Daraus magst du entnehmen, wie wichtig es ist, daß jeder an dem Platze bleibe, der ihm gehört, und nicht einen anderen einnehme, der ihm in nichts gebührt. Du trägst zur Verbindung der Glieder bei, jener unterstützt von oben. Denn wie es beim Körper sogenannte Aufnahmeorgane gibt, so auch beim Geiste; von oben aber geht alles aus. So ist z. B. das Herz Organ für den Atem, die Leber für das Blut, die Milz für die Galle usw.; sie alle aber sind vom Gehirn abhängig. Also hat auch Gott getan, da er den Menschen hoch ehrte und nicht von ihm getrennt sein wollte: er hat sie zwar von sich als dem obersten Lebensgrund abhängig gemacht, hat sie aber als seine Mitarbeiter aufgestellt; dem einen teilte er diese, dem anderen jene Verrichtung zu. Der Apostel z. B. ist das zweckdienlichste Gefäß des Leibes [Christi], da er von ihm alles empfängt; so daß er durch das Wort, wie durch Blutadern und Arterien, allen das ewige Leben zuströmen macht. Der Prophet sagt die Zukunft voraus und dient dem gleichen Zwecke. Er aber, der die Glieder verbindet, verleiht ihnen das Leben. "Für die Vollendung der Heiligen, für die Verrichtung des Dienstes." -

Die Liebe erbaut; sie bewirkt, daß alle untereinander auf das innigste vereinigt, fest verbunden und zusammengefügt werden. Wenn wir also des vom Haupte ausgehenden Geistes teilhaftig werden wollen, so laßt uns zusammenhalten! Es gibt nämlich zwei Arten der Trennung vom kirchlichen Leibe: die eine, wenn wir in der Liebe erkalten; die zweite, wenn wir etwas zu tun wagen, was uns der Zugehörigkeit zu jenem Leibe unwürdig macht. In beiden Fällen sondern wir uns von der Gemeinschaft ab. -

Wenn wir aber aufgestellt sind, um andere aufzubauen, welche Strafe steht dann denen bevor, die vielmehr noch Spaltungen hervorrufen? - Nichts ist so sehr imstande, Trennung in der Kirche hervorzurufen, als die Herrschsucht; nichts erzürnt Gott so sehr als Trennung in der Kirche. Und hätten wir auch unzählig viel Gutes getan -: wenn wir die kirchliche Gesamtheit zerreißen, werden wir dafür nicht weniger bestraft werden als jene, welche seinen Leib zerfleischt haben. Letzteres ward der ganzen Welt zum Heile, wenn es auch nicht in dieser Absicht geschah; ersteres dagegen bringt nie und nimmer Nutzen mit sich, sondern schlägt zum größten Schaden aus. - Diese meine Worte gelten nicht bloß der Obrigkeit, sondern auch den Untergebenen. Ein heiliger Mann tat einen Ausspruch, der vermessen erscheint; aber gleichwohl tat er ihn. Wie lautet er? "Nicht einmal das Blut des Martyrium vermöge diese Sünde auszutilgen." Denn sage mir, weshalb bezeugst du mit deinem Blute? Tust du es nicht Christus zu Ehren? Wenn du aber für Christus dein Leben dahingibst, wie magst du die Kirche verwüsten, für welche Christus sein Leben hingegeben hat? Höre, was Paulus sagt: "Ich bin nicht wert Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgte und verwüstete"1 . Dieser Schaden ist nicht geringer als der von den Feinden der Kirche angerichtete, sondern um vieles größer. Jener macht die Kirche noch herrlicher, dieser würdigt sie auch in den Augen der Feinde herab, wenn sie von ihren eigenen Kindern bekriegt wird. Sie erblicken darin einen schlagenden Beweis für die innere Unwahrheit der Kirche, daß die in ihr Geborenen und Erzogenen und in ihren Geheimnissen genau Unterrichteten plötzlich Feindseligkeiten gegen sie beginnen.

1: 1 Kor 15,9

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger