Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Elfte Homilie [Kap. IV, Vers 4-16]

3.

Siehst du die Würde? Jeder baut auf, jeder trägt zur Vollendung bei, jeder dient. Der Apostel fährt fort:

V.13: "Bis wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollkommenen Mannheit, zum Vollmaße der Altersreife Christi gelangen."

Unter Altersreife versteht er hier die vollkommene Erkenntnis. Gleichwie nämlich der Mann feststeht, die Kinder aber wankelmütig sind, so verhält es sich auch mit den Gläubigen. - Er sagt: "zur Einheit im Glauben"; d. h. bis es sich erweist, daß wir alle einen Glauben haben. Denn das ist die Einheit des Glaubens, wenn wir alle eins sind, wenn wir alle gleichermaßen die Zusammengehörigkeit erkennen; bis dahin müssen wir arbeiten. Wenn du die Gnadengabe dazu erhalten hast, um andere aufzubauen, so siehe zu, daß du dich nicht selbst zerstörst, indem du andere beneidest! Gott hat dich ausgezeichnet und aufgestellt, daß du anderen zur Vollendung verhelfest: denn auch der Apostel war zu diesem Zwecke da; zu diesem Zwecke weissagte und mahnte der Prophet, verkündete der Evangelist das Evangelium, [diesem Zwecke diente] der Hirte und Lehrer; sie alle hatten ein Werk übernommen. Rede nur nicht von der Verschiedenheit der Gnadengaben: Ein Werk oblag ihnen allen. Denn wenn alle gleichmäßig glauben, dann ist die Einheit gegeben. Daß er dies mit dem Ausdruck "zur vollkommenen Mannheit" sagen will, ist klar. Anderswo spricht er von uns als von Unmündigen, selbst wenn wir vollkommen reif sind; aber da ist sein Gesichtspunkt ein anderer. Da nämlich nennt er uns Unmündige im Hinblick auf die zukünftige Erkenntnis; er sagt, daß unsere Erkennen Stückwerk ist, gebraucht den Ausdruck "durch einen Spiegel" und dergleichen mehr1 . Hier dagegen faßt er etwas anderes ins Auge, nämlich die Veränderlichkeit; wie er auch sonstwo schreibt: "Für Vollkommene aber ist die feste Speise"2 . - Siehst du, in welchem Sinne er dort von Vollkommenheit spricht? In welchem Sinne er es hier tut, magst du aus den Worten ersehen, die er beifügt:

V.14: "Damit wir schon nicht mehr Kinder seien."

Dies, sagt er, ist das Maß, daß wir das Wenige, welches wir erhalten haben, mit allem Eifer, mit Festigkeit und Beständigkeit bewahren. - "Damit wir schon nicht mehr ..." Das "nicht mehr" deutet an, daß sie [die Epheser] früher daran gelitten haben. Der Apostel rechnet auch sich selbst dazu und ermahnt sich zugleich mit den Aufgezählten. Deshalb, sagt er, gibt es so viele Werkleute, damit der Bau nicht wanke, damit er nicht weiche, damit die Steine unverrückt bleiben. Denn auf diese beziehen sich die folgenden Ausdrücke: das Hin- und Herwogen, das Umhergetriebenwerden, das Schwanken. "Damit wir schon nicht mehr Kinder seien", sagt er, "hin- und herwogend und umhergetrieben von jedem Winde der Lehre, durch das Würfelspiel der Menschen, durch die arglistigen Kunstgriffe der Verführung zum Irrtum." "Die umhergetrieben werden", sagt er, "von jedem Winde." Er fährt im Bilde fort und zeigt, in welcher Gefahr sich die wankelmütigen Seelen befinden. - "Von jedem Winde" heißt es, "durch das Würfelspiel der Menschen, durch die arglistigen Kunstgriffe der Verführung zum Irrtume." Würfelspieler werden die genannt, welche sich der Brettsteine bedienen. Ihnen gleichen die Arglistigen, wenn sie einfältige Seelen für sich gewinnen; denn auch sie versetzen und verwechseln alles unter der Hand. - Paulus berührt hier auch den Lebenswandel, indem er fortfährt:

V.15: "...sondern [damit wir] die Wahrheit üben und in Liebe zu ihm in allen Stücken heranwachsen, der das Haupt ist, Christus,

V.16: durch welchen" - er redet von Christus - "der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch jedes Band der Hilfeleistung, nach der jedem einzelnen Gliede zugemessenen Wirksamkeit das Wachstum des Leibes vollzieht, zu seiner Erbauung in Liebe."

Der sprachliche Ausdruck ist hier sehr dunkel, weil er alles auf einmal sagen wollte. Der Sinn der Worte ist dieser: Gleichwie der Geist vom Gehirn ausgehend vermittelst der Nerven das Gefühl nicht unterschiedslos allen Gliedern mitteilt, sondern nach Verhältnis der einzelnen Glieder, dem empfänglicheren mehr, dem weniger empfänglichen weniger - denn das ist die Wurzel, nämlich der Geist -: so auch Christus. Seine Vorsehung und Gnadenverleihung bewirkt in den mit ihm gleich Gliedern verbundenen Seelen das Wachstum nach Verhältnis, in dem einem jeden Gliede zukommenden Maße. - Was heißt aber: "durch das Band der Hilfeleistung?" Das heißt: durch das Gefühl. Denn jener Geist, der vom Haupte aus die Glieder unterstützt, wirkt in der Weise, daß er jegliches Glied erfaßt. Man kann es auch so ausdrücken: Der Körper wächst sich in der Weise aus, daß er nach Verhältnis seiner Glieder die entsprechenden Kräfte erhält; oder so: Die Glieder wachsen in der Weise, daß sie nach Verhältnis des eigenen Maßes die nötigen Kräfte empfangen; oder auch so: Der Geist bewirkt das Wachstum in der Weise, daß er von oben reichlich zuströmt, alle Glieder erfaßt und je nach dem Grade der Empfänglichkeit unterstützt. - Weshalb aber der Zusatz: "in Liebe"? Weil sonst jener Geist nicht herabkommen kann. Gleichwie nämlich, im Falle eine Hand vom Körper getrennt ist, der aus dem Gehirn kommende Geist, der sie Verbindung sucht und nicht findet, nicht aus dem Körper herausdringt und auf die abgeschlagene Hand übergeht, sondern, wenn er ein Glied nicht an seiner Stelle trifft, es gar nicht erfaßt: geradeso geht es auch hier, wenn wir nicht durch die Liebe verbunden sind.

1: vgl.1Kor 13,9.11 f.
2: Hebr 5,14

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Dritte Homilie [Kap. ...
. Vierte Homilie [Kap. ...
. Fünfte Homilie [Kap. ...
. Sechste Homilie [Kap. ...
. Siebente Homilie [Kap. ...
. Achte Homilie [Kap. ...
. Neunte Homilie [Kap. ...
. Zehnte Homilie [Kap. ...
. Elfte Homilie [Kap. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. Zwölfte Homilie [Kap. ...
. Dreizehnte Homilie ...
. Vierzehnte Homilie ...
. Fünfzehnte Homilie ...
. Sechzehnte Homilie ...
. Siebzehnte Homilie ...
. Achtzehnte Homilie ...
. Neunzehnte Homilie ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger