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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Elfte Homilie [Kap. IV, Vers 4-16]

2.

Und warum der eine mehr, der andere weniger? Das tut nichts zur Sache, versichert er, sondern ist ohne Belang; denn jeder trägt zur Erbauung bei. Er zeigt dadurch, daß nicht zufolge eigenen Verdienstes der eine mehr, der andere weniger empfangen habe, sondern um der anderen willen, wie Gott es eben zugemessen hat. Denn auch an anderer Stelle spricht er: "Er hat jedem einzelnen Gliede seinen Platz angewiesen, wie er wollte"1 . Den Grund gibt er nicht an, um keine Niedergeschlagenheit in den Zuhörern hervorzurufen.

V.8: "Darum heißt es: Er stieg zur Höh' hinauf, führte die Gefangenen mit sich fort und teilte unter den Menschen seine Gaben aus"2 .

Als wenn er sagen wollte: Was überhebst du dich? Alles ist Gottes Werk. Der Prophet sagt in dem Psalme: "Er hat Gaben genommen unter den Menschen", der Apostel dagegen: "Er hat Gaben ausgeteilt unter den Menschen." Der Sinn ist der gleiche.

V.9: "Daß er aber hinaufstieg, was heißt es anders, als daß er zuerst herabgestiegen in die Niederungen der Erde?

V.10: Der herabstieg ist derselbe wie der, der hinaufstieg über alle Himmel, damit er alles erfülle."

Denke bei diesen Worten ja nicht an eine Veränderung des Wesens! Der Apostel verfährt hier geradeso wie im Briefe an die Philipper. Gleichwie er dort, um zur Demut zu ermahnen, Christus als Beispiel anführt, so auch hier mit den Worten: "Er ist herabgestiegen in die Niederungen der Erde." Denn wäre dieses nicht seine Absicht gewesen, so war das Wort überflüssig, das er dort gebraucht: "Gehorsam geworden bis zum Tode"3 . - Aus dem Hinaufsteigen folgert der Apostel das [vorherige] Herabsteigen. - Mit den Niederungen der Erde meint er den Tod, nach der Anschauungs- [und Ausdrucks]weise der Menschen. So sagt Jakob: "Ihr werdet meine grauen Haare mit Gram in die Unterwelt bringen"4 . Und bei dem Psalmisten wieder heißt es: "Ich werde denen gleich, die in die Grube fahren"5 , d. h. den Toten.

Warum führt Paulus diese Stelle hier an? Und welches ist die Gefangenschaft, von der er spricht? - Die des Teufels. Er nahm den Tyrannen gefangen, den Teufel, den Tod, den Fluch und die Sünde. Siehst du die Beute und die Trophäen? - "Daß er aber hinaufstieg, was heißt es anders, als daß er zuvor herabgestiegen?" Das ist gegen den Anhang des Paul von Samosata gesprochen. - "Der herabstieg, ist derselbe, der auch hinaufstieg über alle Himmel, damit er alles erfülle." Es heißt: er ist herabgestiegen in die Niederungen der Erde, über die hinaus es keine tieferen mehr gibt, und: er ist hinaufgestiegen über alle Himmel, über die hinaus es keinen höheren mehr gibt. Darin liegt der Beweis für seine Herrschaft und Macht; denn schon von Anfang an war alles erfüllt.

V.11: "Er selbst bestellte einige zu Aposteln, einige zu Propheten, einige zu Evangelisten, einige zu Hirten und Lehrer,

V.12: für die Vollendung der Heiligen, für die Verrichtung des Dienstes, für den Aufbau des Leibes Christi."

Was er an anderer Stelle sagte: "Darum hat ihn auch Gott erhöht"6 , das sagt er auch hier: "Der herabstieg ist derselbe, der auch hinaufstieg." Es schadet ihm nichts, daß er in die Niederungen der Erde hinabstieg, noch auch hinderte es ihn, sich über alle Himmel zu erheben. Je mehr man sich also erniedrigt, desto mehr wird man erhöht. Denn gleichwie man das Wasser um so mehr in die Höhe treibt, je tiefer man es fallen läßt, und gleichwie man mit dem Speere um so sicherer trifft, aus je weiterem Abstande man wirft, so geht es auch bei der Demut. Freilich, wenn wir bei Gott von einem Hinaufsteigen reden, müssen wir notwendig zuerst an ein Herabsteigen denken; wenn aber bei einem Menschen, nicht ebenso. - Sodann weist der Apostel auch hin auf die Vorsehung und Weisheit Christi und sagt: Der so Herrliches gewirkt und so Großes vermocht und der es nicht verschmäht hat, um unsertwillen bis in die Tiefen der Erde hinabzusteigen, der hat gewiß nicht blindlings die Verteilung der Gnadengaben vorgenommen. Anderswo schreibt er diese Tätigkeit dem Geiste zu, indem er spricht: "Über die euch der Heilige Geist zu Bischöfen bestellt hat, um die Kirche des Herrn zu weiden"7 ; hier dem Sohne; wieder an anderer Stelle Gott [dem Vater]. -

"Er selbst bestellte sie der Kirche, einige zu Aposteln, einige zu Propheten." Im Briefe an die Korinther aber schreibt er: "Ich habe gepflanzt, Apollo begossen, Gott aber gab das Gedeihen"8 ; und weiterhin: "Der pflanzt und der begießt, sind eins; jeder aber wird seinen Lohn erhalten nach seiner Arbeit"9 . So ist es auch hier. Was verschlägt es, wenn du weniger beiträgst? Du hast ja nur soviel erhalten. - Erstens "Apostel"; denn diese waren im Besitze sämtlicher Gnadengaben. Zweitens "Propheten"; es gab nämlich solche, die zwar nicht Apostel, aber Propheten waren, wie Agabus. Drittens "Evangelisten"; solche, die nicht allenthalben umherreisten, sondern nur das Evangelium verkündeten, wie Priscilla und Aquila. "Hirten und Lehrer", denen ein ganzes Volk10 anvertraut war. - Wie? Waren die Hirten und Lehrer geringer? Ganz gewiß: hinter denen, welche umherreisten und das Evangelium verkündeten, standen diejenigen zurück, die einen festen Wohnsitz hatten und innerhalb eines einzigen Bezirkes beschäftigt waren, wie Timotheus und Titus. Übrigens läßt sich die Abstufung und Rangordnung nicht aus unserer Stelle nachweisen, sondern aus einem anderen Briefe, nämlich 1 Kor 12,28 ff. - "Er selbst bestellte", heißt es; also keine Widerrede! - - "Für die Vollendung der Heiligen, für die Verrichtung des Dienstes, für den Aufbau des Leibes Christi."

1: 1 Kor 12,18
2: vgl. Ps 67,19
3: Phil 2,8
4: Gen 44,29
5: Ps 142,7
6: Phil 2,9
7: Apg 20,28
8: 1 Kor 3,6
9: ebd 3,8
10: =Diözese

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger