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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Zehnte Homilie [Kap. IV, Vers 4-5]

1.

Vers 4: "Ein Leib und ein Geist; sowie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung euerer Berufung."

Wenn der heilige Paulus zu etwas Großem ermahnt, so macht er als Geistesmann von hoher Einsicht stets die übernatürlichen Beweggründe geltend. Er hat dieses von dem Herrn gelernt. So sagt er auch an anderer Stelle: "Wandelt in Liebe, wir auch Gott uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat!"1 . Und wiederum: "So sollt ihr gesinnt sein, wie auch Christus Jesus gesinnt war, welcher, als er in Gottes Gestalt war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein"2 . Dies nun tut er auch hier; denn wenn es sich um wichtige Vorschriften handelt, dann kennt sein Eifer und seine Begeisterung keine Schranken. Was sagt er nämlich, um uns zur Einigkeit zu ermahnen? " Ein Leib und ein Geist, sowie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung.

V.5:" Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe."

Was bedeutet "ein Leib"? Die Gläubigen der ganzen Welt, in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Also auch diejenigen, welche vor der Ankunft Christi gottgefällig gelebt haben, sind mit ein Leib. Wieso? Weil auch sie von dem Messias Kenntnis hatten. Woher wissen wir das? Aus den Worten des Herrn: "Abraham, euer Vater, frohlockte, daß er meinen Tag sehen werde; er sah ihn und freute sich"3 . Und wiederum: "Wenn ihr dem Moses glaubtet, so würdet ihr auch mir glauben; denn von mir hat er geschrieben"4 und die Propheten. Sie hätten aber nicht von ihm geschrieben, wenn sie ihn nicht gekannt hätten; denn sie wußten gar wohl, was sie sagten. Da sie ihn aber kannten, beteten sie ihn auch an. Also sind auch sie mit ein Leib. - Der Leib ist nicht vom Geiste getrennt; sonst wäre er ja kein Leib. Denn auch von streng folgerichtig Verbundenem pflegt man zu sagen: Es ist ein Leib5 . So nehmen auch wir zur Bezeichnung der Einigkeit den Leib. -

Ein Haupt; wenn aber ein Haupt, dann auch ein Leib. - Der Leib besteht aus edlen und unedlen Gliedern. Jedoch erhebt sich weder das vornehmere Glied über das ganz schlichte, noch beneidet letzteres das erstere. Obschon nicht alle Glieder das gleiche leisten, sind sie doch in Anbetracht ihrer Notwendigkeit, und weil alle notwendig geworden und zu verschiedenen Verrichtungen bestimmt, gleicher Ehren wert; sonst aber sind die einen von größerer, die andern von geringerer Bedeutung. Das Haupt z. B. ist der vorzüglichste Teil des ganzen Körpers, da es alle Sinne in sich vereinigt und der Sitz der Seele ist und da man ohne Haupt nicht leben kann. Mit abgehauenen Füßen dagegen haben schon viele noch lange Zeit gelebt. Daher ist das Haupt nicht nur der Stellung, sondern auch der Wirksamkeit und dem Range nach besser als die Füße. - Wozu nun sage ich dies? Es gibt in der Kirche viele; es gibt solche, die nach oben gerichtet sind gleich dem Haupte, die die himmlischen Dinge betrachten gleich den Augen im Haupte, die weit von der Erde entfernt sind und keine Gemeinschaft mit ihr haben, andere dagegen nehmen den Rang der Füße ein, welche die Erde treten, freilich den Rang gesunder Füße. Denn nicht das Treten der Erde, sondern das Laufen zum Bösen gereicht den Füßen zum Vorwurf. "Denn ihre Füße", heißt es, "laufen zum Bösen"6 . Es sollen also, will der Apostel sagen, weder jene sich hochmütig gegen die Füße erheben, noch diese von Neid gegen jene erfüllt sein; denn dadurch wird die jedem eigentümliche Schönheit benommen und die jedem, zukommende Tätigkeit gehemmt. Ganz natürlich; wer dem Nächsten nachstellt, stellt in erster Linie sich selbst nach. Wollten etwa die Füße das Haupt nicht tragen bei einem notwendigen Ausgange, so schädigen sie durch die Regungslosigkeit und Trägheit auch sich selber; und will das Haupt sich nicht um die Füße kümmern, so nimmt es selber zuerst Schaden. -

Ja, daß die Glieder des Leibes sich nicht gegeneinander erheben, begreift sich; das liegt schon in der Ordnung der Natur. Aber wie ist es möglich, daß sich nicht ein Mensch gegen den andern erheben sollte? Gegen die Engel erhebt sich niemand, sowenig als diese gegen die Erzengel, und sowenig hinwiederum die vernunftlosen Wesen sich höher dünken können, als ich bin. Wo aber die Natur vollkommen gleich und die Begabung ein und dieselbe ist, und keiner vor dem anderen etwas voraus hat: wie sollte man sich da nicht gegeneinander erheben? - Gerade deshalb darfst du dich nicht gegen den Nächsten erheben. Denn wenn alles gemeinsam ist und der eine vor dem anderen nichts voraus hat, woher der wahnwitzige Übermut? Wir besitzen dieselbe Natur, gleicherweise Seele und Leib, wir atmen dieselbe Luft, wir gebrauchen dieselben Lebensmittel: woher die Selbstüberhebung? Der Umstand, daß wir durch die Tugend über unkörperliche Mächte zu obsiegen vermögen, ist allerdings geeignet, zum Stolze zu verleiten. Indes dürfte dies nicht eigentlich Stolz sein. Denn mit Fug und Recht dünke ich mich höher als der Teufel, und zwar sehr viel höher. Sieh nur, wie auch Paulus dem Teufel gegenüber sich fühlte! Als derselbe nämlich Großes und Wunderbares von ihm aussagte, brachte er ihn zum Schweigen und ließ sich nicht einmal Schmeicheleien von ihm gefallen. Denn da jene Magd, welche vom Pythonsgeist besessen war, ausrief: "Diese Menschen sind Diener des höchsten Gottes, die euch den Weg des Heiles verkünden"7 , fuhr er ihn heftig an und stopfte ihm sein unverschämtes Maul. Und anderswo wieder schreibt er: "Zermalmen wird Gott den Satan in Bälde unter euren Füßen"8 . Die Verschiedenheit der Natur war doch hier ohne Belang?

1: Eph 5,2
2: Phil 2,5 f.
3: Joh 8,56
4: Joh 5,46
5: = ein organisches Ganzes
6: Spr 1,16;Is 59,7
7: Apg 16,17
8: Röm 16,2o

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger