Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Zehnte Homilie [Kap. IV, Vers 4-5]

3.

Doch wir müssen das Bild noch glänzender gestalten. Diese Kirche ist nicht aus gewöhnlichen Steinen erbaut, sondern aus Gold und Silber und kostbarem Gestein, und reichlich ist überall das Gold angebracht. Aber, o der bitteren Tränen! All das hat die Tyrannei des Ehrgeizes, diese alles verzehrende Flamme, in hellen Brand gesteckt, ohne daß einer der Sache Herr geworden wäre. Wir stehen vielmehr da und staunen den Brand an, sind aber nicht mehr imstande, das Schadenfeuer zu löschen. Und selbst wenn wir auf kurze Zeit die Glut zu dämpfen vermögen, nach zwei bis drei Tagen wiederholt sich hier dasselbe, was sich auch bei einer Feuersbrunst zu ereignen pflegt: ein unter der Asche fortglimmender Funke [bricht in Flammen aus], zerstört alles und wütet gleich dem ersten Male. Und die Ursache davon? Der Ehrgeiz hat gerade die Grundsäulen der Kirche verzehrt, uns, die wir die Decke trugen, hat zuerst jene, welche den ganzen Bau zusammenhalten, dem Feuer überliefert. Deshalb konnte dieses leicht auch die übrigen Wände ergreifen. Hat beim Brande eines Hauses das Feuer einmal das Holzwerk erfaßt, so gewinnt es dadurch größere Gewalt gegen das Mauerwerk; hat es aber die Säulen erfaßt und zu Boden gestürzt, so braucht es nichts weiter, um alles übrige in Flammen aufgehen zu lassen; denn wenn die Stützen und Träger des Oberbaues einfallen, so folgt ihnen dieser von selbst und ohne weiteres nach. So ist es jetzt auch mit der Kirche gegangen; alles hat das Feuer ergriffen. Wir suchen Ehre bei den Menschen und brennen vor Ruhmbegierde, ohne das Wort Jobs zu beherzigen: "Wenn ich auch unfreiwillig sündigte, scheute ich mich vor übergroßer Menge?"1 . Sieh da eine tugendhafte Seele! Ich schämte mich nicht, sagt er, vor der ganzen Versammlung meine unfreiwilligen Sünden zu offenbaren. Wenn aber er sich nicht schämte, so dürfen wir um so weniger uns schämen. Denn die Schrift sagt: "Bekenne du zuerst deine Missetaten, damit du gerechtfertigt werdest!"2 . Mit großer Heftigkeit hat dieses Schadenfeuer gewütet, alles ist zerstört und vernichtet.

Wir haben Gott verlassen und sind Sklaven des Ehrgeizes geworden. Wir können die Untergebenen nicht mehr zurechtweisen, weil wir selbst von dem nämlichen Fieber angesteckt sind. Wir, die von Gott gesetzt sind, die anderen zu heilen, bedürfen selbst der Heilung. Was für eine Heilshoffnung bleibt da noch übrig, wenn die Ärzte selbst fremder Hilfe benötigen? Dies sollen nicht bloß leere Worte, nicht eitle Klagen sein. Ich habe es gesagt, auf daß wir alle gemeinsam samt Weib und Kind, mit Asche bestreut und in das Bußkleid gehüllt, ohne Unterlaß fasten und zu Gott flehen, er möge uns seine Hand reichen und den schrecklichen Brand löschen. Denn wir brauchen in der Tat seine Hand, die gewaltige, die wunderbare. Größeres als von den Niniviten muß von uns geschehen. "Noch drei Tage", hieß es, "und Ninive wird zerstört werden"3 . Das war eine furchtbare Ankündigung, voll der stärksten Drohung. Wie sollte es auch nicht? Erwarten zu müssen, daß nach drei Tagen die Stadt ihr Grab sein und alle durch ein Strafgericht umkommen werden! Ist es schon ein unerträgliches Unglück, wenn es sich trifft, daß in einem Hause zwei Kinder auf einmal sterben, und hielt Job unter allen seinen Verlusten diesen für den unerträglichsten, daß das Haus über all seinen Kindern zusammenstürzte und sie solcherart dahingerafft wurden: was müßte es dann für ein Anblick gewesen sein, nicht ein Haus, nicht zwei Kinder, sondern eine Bevölkerung von 120 000 Menschen unter den Trümmern begraben zu sehen? Ihr könnt das Entsetzliche eines solchen Unglücks ermessen.

Ist ja auch uns vor kurzem eine solche Drohung geworden, nicht durch die Stimme eines Propheten - denn wir sind es nicht wert eine solche Stimme zu hören -, sondern durch einen Warnungsruf von oben , der vernehmlicher ertönte als Popsaunenschall [ein Erdbeben]. Doch, wie gesagt, in der Schrift heißt es: "Noch drei Tage, und Ninive wird zerstört werden." In der Tat eine fruchtbare Drohung, aber in keinem Punkte der gegenwärtigen Lage entsprechend. Nicht das: "Noch drei Tage", noch auf das: "Ninive wird zerstört werden"; vielmehr sind schon viele Tage verflossen, seitdem die Kirche des Erdkreises zerstört ist und zu Boden liegt, da alle gleichmäßig von dem Übel ergriffen sind, die Würdenträger aber um so viel mehr, als bei ihnen die Nötigung eine größere ist. Wundert euch also nicht, wenn ich aufgefordert habe, mehr zu tun als die Niniviten! Weshalb? Nicht mehr Fasten allein predige ich jetzt, sondern weise hin auf jenes Heilmittel, welches auch den Fall der genannten Stadt aufhielt. Worin bestand dieses? "Es sah der Herr", erzählt die Schrift, "daß ein jeder abstand von seinen bösen Wegen, und er änderte seinen Entschluß bezüglich des Übels, das er ihnen angedroht hatte"4 .

So wollen es auch wir miteinander machen; wir wollen abstehen von der Sucht nach Geld, von der Sucht nach Ehre und Gott bitten, er möge seine Hand ausstrecken und die gefallenen Glieder wieder aufrichten! Denn wir haben nicht die gleiche Strafe zu befürchten. Damals stand nur Einsturz von Steinen und Holz bevor und leiblicher Tod; jetzt dagegen droht nichts Derartiges, sondern stehen Seelen in Gefahr, dem Feuer der Hölle übergeben zu werden. Flehen wir zu Gott, bekennen wir unsere Schuld, danken wir ihm für die Vergangenheit, bitten wir ihn für die Zukunft, auf daß wir gewürdigt werden, von diesem bösen und gefährlichen Untier befreit, Dank emporzusenden zu dem allgütigen Gott und Vater, mit welchem dem Sohne gleichwie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: vgl. Job 31,33 f.
2: vgl. Is 43,26
3: vgl. Jon 3,4
4: Jon 3,10

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Zweite Homilie [Kap. ...
. Dritte Homilie [Kap. ...
. Vierte Homilie [Kap. ...
. Fünfte Homilie [Kap. ...
. Sechste Homilie [Kap. ...
. Siebente Homilie [Kap. ...
. Achte Homilie [Kap. ...
. Neunte Homilie [Kap. ...
. Zehnte Homilie [Kap. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. Elfte Homilie [Kap. ...
. Zwölfte Homilie [Kap. ...
. Dreizehnte Homilie ...
. Vierzehnte Homilie ...
. Fünfzehnte Homilie ...
. Sechzehnte Homilie ...
. Siebzehnte Homilie ...
. Achtzehnte Homilie ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger