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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Zehnte Homilie [Kap. IV, Vers 4-5]

2.

Siehst du, daß der Unterschied der Naturen nichts zur Sache tut, sondern nur jener des Willens? Durch ihre Willensrichtung also stehen die Dämonen tief unter allen. - Ja, sagt man, gegen einen Engel erhebe ich mich nicht; denn der Abstand zwischen mir und ihm ist zu groß. - Auch gegen einen Menschen darfst du dich nicht erheben, so wenig wie gegen einen Engel. Denn der Engel unterscheidet sich von dir der Natur nach, und das ist weder für ihn ein Lob noch für dich eine Schande; der Mensch aber unterscheidet sich vom Menschen nicht gleicherweise der Natur, sondern dem Willen nach; und auch unter den Menschen gibt es Engel. Wenn du dich daher gegen Engel nicht erhebst, darfst du es noch viel weniger gegen Menschen, die in dieser1 Natur Engel geworden sind. Denn wenn ein Mensch tugendhaft wird gleich einem Engel, so steht er weit höher über dir als ein solcher. Warum denn nur? - Weil der die Vollkommenheit, welche diesem von Natur aus eignet, durch freien Willen erworben hat; und weil der Engel auch räumlich von dir getrennt ist und in dem Himmel wohnt, während er neben dir wandelt und dir Anlaß zur Nacheiferung gibt. Ja im Grunde ist ein solcher noch weiter von dir entfernt als ein Engel. Denn "unser Wandel", sagt der Apostel, "ist im Himmel"2 . Zur Bestätigung dessen vernimm, wo sein Haupt sitzt! Auf dem königlichen Throne, sagt die Schrift. So weit aber dieser Thron von uns entfernt ist, so weit auch er. - Aber ich sehe ihn Ehre genießen, wendet man ein, und werde dadurch zur Eifersucht getrieben! - Das ist es eben, was allenthalben das Oberste zu unterst gekehrt und nicht bloß die Welt, sondern auch die Kirche mit zahllosen Wirren erfüllt hat. Gleichwie rauhe Stürme, wenn sie aus verkehrter Richtung in einen windstillen Hafen fallen, denselben gefährlicher machen denn jegliches Riff und jegliche Meerenge: ebenso richtet auch die Ruhmsucht überall, wo sie Eingang findet, Zerstörung und Verwirrung an.

Ihr seid schon oft beim Brande großer Gebäude dabeigewesen. Ihr habt da gesehen, wie der Rauch zum Himmel emporwirbelt und, weil niemand Miene macht, das Unheil zu löschen, sondern jeder nur auf sich bedacht ist, das Feuer in aller Ungestörtheit um sich greift. Oft steht die ganze Stadt im Kreise herum, aber nur um das Unglück anzugaffen, nicht um zu helfen und zu retten. Keiner von allen, die da herumstehen, rührt - wie man beobachten kann - ein Glied [zur Hilfe], sondern jeder von ihnen streckt nur die Hand aus, um einen neu Hinzukommenden die Stelle zu zeigen, wo die Lohe unaufhörlich aus einem Fenster hervorbricht, oder das Gebälk einstürzt oder eine ganze Mauer von den Stützen sich losreißt und jäh zu Boden kracht. Es gibt da auch verwegene und tollkühne Menschen die Menge, die sich ganz nahe an die brennenden Gebäude heranwagen, aber nicht um zu rettend mit Hand anzulegen und das Schadenfeuer zu löschen, sondern um den Anblich besser zu genießen, da sie aus nächster Nähe alles übersehen können, was den Fernstehenden vielfach entgeht. Mag es auch ein herrlicher und großer Palast sein, für sie ist es anscheinend nur ein tragisches, bis zu Tränen rührendes Schauspiel. Und es ist in der Tat ein tragisches Schauspiel, zu sehen, wie die Säulenkapitäle zu Staub werden, wie viele Säulen selbst in Trümmer fallen, teils durch die Wirkung des Feuers vernichtet, teils niedergerissen von den Händen der Werkleute, um dem Feuer nicht weitere Nahrung zu bieten. Da kann man Statuen sehen, welche vordem in reichem Schmucke unter der schützenden Decke standen und jetzt, des Daches beraubt, kahl und bis zur Unkenntlichkeit entstellt in die freie Luft starren. Und wer vermöchte erst den im Innern des Hauses aufbewahrten Reichtum zu schildern?

Die goldenen Gewänder und das Silberzeug? Wo ehedem kaum der Herr mit seiner Gemahlin Zutritt hatte, wo in Schatzkammern die zahlreichen Kleider und Spezereien, die [kostbaren] Edelsteine verwahrt lagen, da ist jetzt ein einziger, qualmender Schutthaufen; Badediener, Mistsammler, entlaufende Sklaven, kurz alles mögliche Gesindel treibt sich darin herum; das ganze Innere besteht nur mehr aus Wasser und Feuer und Kot und Asche und verkohltem Holzwerk. - Warum aber habe ich dieses Bild weiter ausgeführt? Nicht etwa in der Absicht, einzig bloß die Schilderung eines Hausbrandes zu geben - denn welches Interesse könnte mich dabei leiten -, sondern um euch, so viel wie möglich, das Unglück der Kirche zu veranschaulichen. In der Tat, gleich einem Brande oder einem vom Himmel herabfahrenden Wetterstrahl hat es gerade die Decke der Kirche getroffen. Und niemanden rüttelt dies auf, sondern während das Vaterhaus brennt, schlafen wir einen tiefen und unempfindlichen Schlaf. Was hat dieses Feuer nicht schon ergriffen? Welche von den in der Kirche aufragenden Bildsäulen? Ist ja die Kirche nichts anderes als ein aus unseren Seelen erbautes Haus. Dieser Bau aber ist nicht in allen seien Bestandteilen von gleichem Werte, sondern von den Steinen, die ihn bilden, sind die einen herrlich und glänzend, die anderen zwar geringer und dunkler als diese, aber doch wieder weit besser als andere. Da kann man viele sehen, welche die Stelle des Goldes einnehmen, des Goldes, das die Decke ziert. Da kann man viele andere sehen, welche den Schmuck der Statuen vertreten. Da kann man Leute sehen, welche den Säulen gleich dastehen; denn man pflegt auch Menschen Säulen zu heißen, da selbe nicht bloß durch Festigkeit, sondern auch durch Schönheit mit ihren vergoldeten Kapitälen eine reiche Zierde bieten. Da kann man eine Volksmenge sehen, welche gleichsam weithin den Zwischenraum ausfüllt und die weiten Umfassungsmauern darstellt. Denn die große Menge nimmt die Stelle der Steine ein, mit denen die Wände gebaut sind.

1: gebrechlichen
2: Phil 3,20

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger