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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Neunte Homilie [Kap. IV, Vers 1-3]

1.

Vers 1: "So bitte euch denn ich, der Gefesselte im Herrn, daß ihr würdig wandelt des Berufes, wozu ihr berufen seid,

V. 2: mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, einander in Liebe ertragend,

V. 3: beflissen, die Einigkeit des Geistes durch das Band des Friedens zu bewahren."

Wir haben gezeigt, daß die Kraft der Kette des hl. Paulus groß ist und strahlender als Wunderzeichen. Nicht umsonst also, wie es scheint, und nicht aufs Geratewohl führt er sie an, sondern um durch sie besonders tief [auf die Gläubigen] einzuwirken. Und was sagt er? "So bitte euch denn ich, der Gefesselte im Herrn, daß ihr würdig wandelt des Berufes, wozu ihr berufen seid." Wie? "Mit aller Demut, mit Sanftmut und Geduld, einander in Liebe ertragend." Nicht das Gefesseltsein an sich ist rühmlich, sondern das Gefesseltsein um Christi willen. Deshalb sagt er: "der Gefesselte im Herrn", d. h. um Christi willen. Nichts kommt dem gleich. Doch diese Kette reißt uns wiederum von dem zu behandelnden Stoffe weg und lenkt uns ab, und wir vermögen nicht zu widerstehen, sondern lassen uns von ihr fortreißen, geflissentlich und freiwillig und gern. Ja, könnte ich nur stets über die Kette des hl. Paulus sprechen! Doch erlahmet nicht in eurer Aufmerksamkeit! Ich will nur noch eine Frage beantworten, die von vielen gestellt wird: Wenn es etwas so Schönes ist um die Drangsale, wie konnte er selbst in seiner Verteidigung vor Agrippa sagen: "Wollte Gott, daß nicht allein du, sondern auch alle, die mich hören, heute noch nicht nur beinahe, sondern ganz das würden, was ich bin, mit Ausnahme dieser Fesseln?"1 . Nicht als ob er darin etwas Verabscheuungswürdiges erblickt hätte, sprach er so; bewahre! Denn wenn es wirklich verabscheuungswürdig wäre, so würde er sich der Fesseln, der Gefangenschaft, der übrigen Drangsale nicht rühmen; noch auch würde er in einem Schreiben sagen: "Gerne will ich mich rühmen meiner Schwachheiten"2 . Was also? Gerade jene Worte waren ein Beweis der hohen Meinung, die er von den Fesseln hatte. Wie er nämlich im Briefe an die Korinther sagt; "Mit Milch nährte ich euch, nicht mit fester Speise; denn dazu waret ihr noch nicht stark genug"3 , so waren auch in unserem Falle [die Angeredeten] nicht stark genug, die Schönheit, den Vorteil der Fesseln zu verstehen. Deshalb sagt er: "mit Ausnahme dieser Fesseln". Den Hebräern schrieb er nicht so, sondern ermahnte sie, der Gefangenen zu gedenken wie Mitgefangene4 . Deshalb freute auch er selbst sich der Fesseln und ließ sich in Ketten schlagen und mit den Gefangenen in den Kerker abführen.

Groß ist die Kraft der Kette des hl. Paulus. Das Schauspiel, Paulus zu sehen, wie er in Banden aus dem Gefängnisse herausgeführt wird, ersetzt alles andere. Ihn zu sehen, wie er gebunden in Ketten liegt, ist das nicht die größte Wonne? Nicht das Kostbarste, was es für mich geben kann? Seht ihr nicht, wie die Kaiser, die Konsuln auf herrlichen Wagen daherfahren, reich mit Gold beladen, von einer Leibwache umgeben, an der alles von Gold strahlt, von Gold die Lanzen, von Gold die Schilde, von Gold die Uniform, goldgeschirrt die Rosse? Wie viel entzückender als dieses Schauspiel ist der Anblick des Apostels! Lieber möchte ich einmal den Paulus sehen, wie er aus dem Kerker in Begleitung der Gefangenen herauskommt, als tausendmal einen solchen Aufzug von Fürsten mit ihrem Gefolge. Wie viele Engel, glaubt ihr wohl, schwebten vor ihm her, als er so herausgeführt wurde? Daß ich nicht übertreibe, will ich euch aus einer Tatsache der alttestamentlichen Geschichte beweisen.

Der Prophet Elisäus5 - ihr kennt doch wohl den Mann - saß daheim, als der König von Syrien mit dem König von Israel Krieg führte; aber dennoch enthüllte er alle Beschlüsse, welche jener im geheimen Kriegsrat faßte, und vereitelte die Anschläge des [feindlichen] Königs, indem er den geheimen Plan desselben vorhersagte und seine Landsleute nicht in die von jenem gelegte Falle gehen ließ. Dies ärgerte den König, und seinen Mißmut steigerte noch die große Verlegenheit, da er nicht herausbringen konnte, wer alles verrate, gegen ihn arbeite und seine Pläne vereitle. Wie er nun so verlegen war und der Ursache nachforschte, sagte einer von der Leibwache, in Samaria wohne ein gewisser Prophet Elisäus, der lasse des Königs Plan nicht zur Ausführung gelangen, sondern verrate alles. Damit glaubte jener nun, das ganze Geheimnis ausfindig gemacht zu haben. - Und doch war niemand übler beraten als er. - Denn sieh: während ihn Achtung, Bewunderung, Staunen hätte erfüllen sollen, falls dieser Mann wirklich so große Gewalt besaß, daß er trotz der weiten Entfernung ohne jede Vermittlung alles erfuhr, was im geheimen Kriegsrat des Königs vorging, - war dies bei ihm durchaus nicht der Fall, vielmehr regte sich in ihm lediglich Erbitterung und Zorn, und er sandte Reisige und Fußvolk zusammen ab mit dem Auftrage, den Propheten herbeizuholen. Elisäus hatte einen Schüler, der noch in der Vorhalle des Prophetentums stand und solcher Offenbarungen noch nicht gewürdigt worden war. Die Soldaten des Königs rückten an, um den Mann oder vielmehr den Propheten gefangenzunehmen. - Wiederum stoßen wir auf Ketten.

Was soll ich beginnen? Es finden sich eben überall Anknüpfungspunkte für dieses Thema. - Als nun der Schüler die Menge Soldaten erblickte, entsetzte er sich und lief zitternd vor Schrecken zu seinem Lehrer, um ihm das vermeintliche Unglück zu melden und die unentrinnbare Gefahr anzuzeigen. Der Prophet lachte ihn aus, daß er sich fürchte, wo nichts zu fürchten sei, und sprach ihm Mut zu. Da jener aber noch uneingeweiht war, wollte er sich nicht beschwichtigen lassen, sondern blieb, durch den Anblick erschreckt, noch immer voll Furcht. Was tat nun der Prophet? Er betete: "Herr, öffne die Augen dieses Knaben, damit er sehe, daß mehr mit uns sind als mit ihnen." Da sah derselbe plötzlich den ganzen Berg, auf welchem sich der Prophet damals aufhielt, voll von feurigen Rossen und Wagen. Das war aber nichts anderes als eine Schlachtordnung von Engeln.

1: Apg 26,29
2: 2 Kor 12,9
3: 1 Kor 3,2
4: Hebr 13,3
5: vgl.4 Kön 6,8 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger