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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Neunte Homilie [Kap. IV, Vers 1-3]

4.

Wenn wir also tugendhaft sind, wird die Liebe nicht verlorengehen. Denn aus der Liebe stammt die Tugend und aus der Tugend die Liebe. Wieso? Ich will es erklären. Der Tugendhafte zieht nicht das Gold der Freundschaft vor, ist nicht rachsüchtig, fügt dem Nächsten kein Unrecht zu; er mißhandelt nicht, erträgt alles mit Starkmut. Darin besteht nun aber die Liebe. Hinwiederum, wer liebt, der nimmt all das auf sich. So begründen sie, Tugend und Liebe, sich wechselseitig. Daraus geht hervor, daß die Liebe in der Tugend wurzelt. Dies wollte Christus andeuten durch die Worte: "Wenn die Ungerechtigkeit überhandnimmt, wird die Liebe erkalten"1 . Daß aber die Tugend in der Liebe wurzelt, bezeugt der Apostel: "Wer den Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt"2 . Eines von beiden also muß man sein: entweder reich an Liebe und Gegenliebe, oder reich an Tugend. Denn wer das eine hat, besitzt notwendig auch das andere; und umgekehrt: wer keine Liebe kennt, wird Böses tun, und wer Böses tut, weiß nichts von Liebe. Laßt uns daher eifrig nach Liebe streben! Denn sie ist eine Schutzwehr, die uns nichts Übles widerfahren läßt Verbinden wir uns gegenseitig! Fern sei von uns jeder Trug, jede Tücke! Nichts Derartiges findet sich da, wo Freundschaft herrscht. Diesen Gedanken hat auch ein anderer weiser Mann ausgesprochen: "Solltest du auch das Schwert wider deinen Freund gezogen haben, so verzage nicht; denn es läßt sich wieder gutmachen. Solltest du auch den Mund geöffnet haben gegen den Freund, so gib die Hoffnung nicht auf; denn man kann sich wieder versöhnen, ausgenommen bei Vorwurf, Offenbarung von Geheimnissen und heimtückischem Streiche; denn dadurch wird ein Freund verscheucht"3 . -

Durch die "Offenbarung von Geheimnissen ." Wenn wir also alle miteinander Freund sind, dann braucht es keine Geheimnisse, denn so wenig einer vor sich selbst ein Geheimnis hat und vor sich selber verbergen kann, ebensowenig vor den Freunden. Gibt es nun keine Geheimnisse, so kann daraus auch kein Bruch der Freundschaft entstehen. Denn Geheimnisse haben wir nur deshalb, weil wir nicht allen trauen; also hat die Erkaltung der Liebe Geheimnisse bewirkt. Denn warum hast du ein Geheimnis? Willst du dem Nächsten ein Unrecht zufügen? Oder suchst du ihm einen Vorteil zu entziehen, weil du so geheim tust? Oder ist es nichts von alle dem, sondern hält dich nur eine gewisse Scheu zurück? Nun, das ist ein Zeichen, daß du ihm nicht traust. Wenn also Liebe herrscht, wird es keine Offenbarung von Geheimnissen geben; aber auch keinen Vorwurf . Denn wer, sage mir, hat seiner eigenen Seele Vorwürfe gemacht, und wann? Sollte es je einmal geschehen, so gewiß nur um zu nützen. Wir schelten ja auch die Kinder in der Absicht, sie zu erschüttern. Auch Christus begann ehemals den Städten zu drohen mit den Worten: "Wehe dir, Korozain! Wehe dir, Bethsaida!4 , um sie vor schlimmeren Drohungen zu bewahren. Denn nichts ist imstande, das Gewissen mehr zu ergreifen, mehr aufzuwecken und aus der Schlaffheit aufzurütteln. Laßt uns aber ja nicht ohne Grund einander Vorwürfe machen! Wie? Du wolltest des Geldes wegen den Nächsten schelten? Gewiß nicht, wenn je du die Dinge als Gemeingut besitzest. Oder der Sünden wegen? Auch das nicht; vielmehr wirst du ihn zu bessern suchen. - "Und bei heimtückischem Streiche!, heißt es. Wer also wird sich selbst töten? Wer sich selbst schlagen? Kein einziger. - Laßt uns also der Liebe nachtrachten!" Dazu bedarf es ernstlichen Strebens; schnell verschwindet sie, rasch tritt sie den Rückzug an; es gibt so vieles im Leben, was zerstörend auf sie einwirkt. Wenn wir ihr eifrig nachtrachten, wird sie uns nicht so schnell entkommen, daß wir sie nicht bald wieder erreichten.

Die Liebe Gottes hat die Erde mit dem Himmel verbunden, die Liebe Gottes hat den Menschen auf den königlichen Thron gesetzt; die Liebe Gottes hat Gott auf Erden schauen lassen: die Liebe Gottes hat aus dem Herrn einen Knecht gemacht; die Liebe Gottes hat für die Feinde den Liebling, für die Haßerfüllten den Sohn, für die Sklaven den Freien dahingegeben. Und sogar dabei ist sie nicht stehengeblieben, sondern hat uns zu noch größerem berufen; die hat uns nämlich nicht nur von den früheren Übeln erlöst, sondern noch weit erhabenere Güter für die Zukunft in Aussicht gestellt. Dafür also laßt uns Gott danken und jeglicher Tugend nachstreben, vor allem aber sorgfältig der Liebe, damit wir gewürdigt werden, die verheißenen Güter zu erlangen, durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater gleichwie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

1: Mt 24,12
2: Röm 13,8
3: Ekkli 22,26 f.
4: Lk 10,13

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger