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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Neunte Homilie [Kap. IV, Vers 1-3]

3.

Was ist Einigkeit des Geistes? Gleichwie im Körper der Geist es ist, der alles zusammenhält und die verschiedenen Glieder zur Einheit macht, so auch hier. Denn der Geist wurde ja deshalb verliehen, damit er die durch Verschiedenheit des Geschlechtes und des [individuellen] Charakters Getrennten einige. Alt und jung, arm und reich, Knabe und Jüngling, Mann und Weib, kurz, jede lebende Seele wird hier zur Einheit, und zwar in höherem Grade, als wenn sie ein Leib wären. Denn die geistige Zusammengehörigkeit ist weit größer, die geistige Vereinigung weit inniger als die leibliche. Die geistige Verbindung ist um so viel vollständiger, weil die Seele ihrem Wesen nach einfach und unteilbar ist. - Und wie wird diese Einigkeit bewahrt? "Durch das Band des Friedens." Bei Feindschaft und Zwietracht kann sie unmöglich bestehen. "Denn solange Hader und Eifersucht und Zwietracht unter euch herrschen", sagt der Apostel, "seid ihr da nicht fleischlich gesinnt und wandelt nach Menschenart?"1 . Wie nämlich das Feuer, wenn es trockenes Holz findet, alles in eine Glut verwandelt, wenn aber nasses, nichts ausrichtet noch sich damit verbindet, so auch hier. Nichts Kaltes kann diese Verbindung eingehen, um so mehr alles Warme. Daher also stammt auch die Wärme der Liebe. - Durch das Band des Friedens will er uns alle verbinden. Gleichwie du nämlich, meint er, wenn du dich mit einem anderen verbinden willst, dies auf keine andere Weise vermagst, außer indem du auch jenen mit dir verbindest - für den Fall wenigstens, daß du das Band zu verdoppeln wünschest, muß auch jener mit dir verbunden werden - :so sollen wir auch hier nach der Forderung des Apostels miteinander verbunden sein; nicht schlechthin Frieden halten, noch auch schlechthin lieben, sondern alle ein Herz sein und eine Seele. -

Schön ist dieses Band. Mit diesem Bande wollen wir uns nicht bloß untereinander, sondern auch mit Gott verbinden! Dieses Band drückt nicht, schmerzt nicht die dadurch gebundenen Hände, sondern läßt sie frei und gestattet ihnen den weitesten Spielraum, ja erzeugt größere Freudigkeit, als wo es gelöst wird. Der Starke, an den Schwachen gebunden, unterstützt jenen und läßt ihn nicht zugrunde gehen; und ist er mit dem Fahrlässigen verbunden, so weckt er ihn nachdrücklicher auf. "Denn ein Bruder", sagt die Schrift, "der von dem andern unterstützt wird, gleicht einer festen Stadt"2 . Dieses Band vermag weder weite Entfernung noch Himmel noch Erde noch Tod noch sonst etwas zu schwächen; es ist fester und stärker als alles. Aus einer Seele entsprungen, kann es viele zumal umschlingen. Höre nämlich, was Paulus spricht: "Ihr nehmt keinen engen Raum in uns ein, aber in eurem Herzen ist es enge. Werdet auch ihr weit!"3 . Wodurch wird nun dieses Band geschädigt? Durch Geldliebe, Herrschgier, Ruhmsucht und dergleichen; diese lockern und zerreißen es. Wie wird nun das Zerreißen verhindert? Wenn all jene Fehler aus dem Wege geräumt werden und nichts von dem, was die Liebe zerstört, belästigt. Höre nämlich, was Christus sagt: "Wenn die Ungerechtigkeit überhandnimmt, wird die Liebe der meisten erkalten"4 . Nichts läuft der Liebe so sehr zuwider als die Sünde, und zwar nicht bloß der Liebe zu Gott, sondern auch der zum Nächsten. - Wie kommt es denn nun, wendet man ein, daß sogar Räuber sich friedlich vertragen? - Wann, sage mir, geschieht das? Doch wohl nur, wenn sie sich nicht als Räuber geben. Wenn sie unter sich bei Verteilung der Beute nicht die Gesetze beobachten und jedem den gebührenden Anteil geben, wirst du auch sie im Kampf und Streit treffen. - Unter Schlechten also ist der Friede nicht zu finden. Wohl aber ist derselbe überall da zu finden, wo man in Gerechtigkeit und Tugend lebt.

Oder was? Kommen etwa Nebenbuhler miteinander friedlich aus? Keineswegs! Oder wen willst du, daß ich anführen soll? Habsüchtiger wird mit Habsüchtigem sich nie friedlich vertragen. Gäbe es zwischen ihnen nicht gerechte und anständige Leute, die von ihnen geschädigt werden, so würde sich diese Art selbst zerreißen. Denn gleichwie zwei heißhungrige Raubtiere sich gegenseitig zerfleischen, wenn nicht ein anderes Tier dazwischenkommt, das sie aufzehren können: ebenso geschähe es auch bei den Habsüchtigen und Schlechten. Friede kann also nur bestehen unter Voraussetzung der Tugend. - Denken wir uns einen Staat, in welchem alle von Eigennutz beseelt wären und alle den gleichen Rang beanspruchten und keiner sich Unrecht gefallen ließe, sondern alle Unrecht verüben wollten: könnte ein solcher Staat bestehen? Nimmermehr. - Oder glaubst du, daß unter Ehebrechern Friede sei? Du wirst auch nicht zwei finden, die miteinander auskämen. Daran trägt wiederum nichts anderes Schuld als die Erkaltung der Liebe. An der Erkaltung der Liebe aber trägt Schuld das Überhandnehmen der Ungerechtigkeit. Denn dies führt zur Selbstsucht, trennt und spaltet den Körper, lockert und zerreißt ihn. Wo dagegen Tugend herrscht, bewirkt sie das Gegenteil; denn der Tugendhafte ist kein Sklave des Geldes. Wenn daher auch Tausende in Armut leben, so können sie dennoch friedfertig sein; die Habsüchtigen dagegen, und wären ihrer auch nur zwei, können nie in Frieden sein.

1: 1 Kor 3,3
2: Spr 18,19
3: 2 Kor 6,12 f.
4: Mt 24,12

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger