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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

1.

Vers 1: "So bitte euch denn ich, der Gefesselte im Herrn: wandelt würdig des Berufes, wozu ihr berufen seid, V. 2: mit aller Demut und Sanftmut."

Ein Lehrer muß die gute Eigenschaft besitzen, nicht Ehre und Ruhm von seiten der Untergebenen zu suchen, sondern deren Bestes zu erstreben und dafür alles zu tun. Wer jenes suchte, wäre nicht Lehrer, sondern selbstsüchtiger Herr. Denn nicht deshalb hat Gott dich ihnen vorgesetzt, daß du größere Huldigung genießest, sondern daß du mit Hintansetzung deines eigenen Wohles ausschließlich das ihrige begründest. Das ist des Lehrers Art. Ein solcher Mann war der heilige Paulus, der, frei von jeglichem Stolze, sich als einen aus vielen oder vielmehr als den geringsten von allen betrachtete. Daher nennt er sich ihren Knecht und bringt seine Mahnungen zumeist in Form von Bitten vor. Beachte z. B., wie er auch an der vorliegenden Stelle nicht gebieterisch, nicht herrisch, sondern anspruchslos und bescheiden schreibt: "So bitte euch also", sagt er, "ich, der Gefesselte im Herrn, daß ihr würdig wandelt des Berufes, wozu ihr berufen seid." - Sage mir, warum bittest du? Damit du selbst etwas erhaltest? O nein, antwortet er, sondern um andere zu retten. Wer bittet, pflegt doch wohl um das zu bitten, was in seinem Interesse liegt: und in meinem Interesse, meint er, liegt eben dieses; gleichwie er auch anderswo schreibt: "Jetzt leben wir auf, wenn ihr feststeht im Herrn"1 . Denn er trug stets ein heftiges Verlangen nach dem Heile seiner Schüler. - "Ich, der Gefesselte im Herrn." Eine große und hohe Würde, erhaben über Königtum und Konsulat und alles Sonstige. Dasselbe schreibt er auch im Briefe ab Philemon: "Ich Paulus, ein Greis, dazu jetzt noch ein Gefesselter in Christus"2 . Denn nichts ist so herrlich als Fesseln um Christi willen, als die jene heiligen Hände umschlingenden Ketten. Apostel sein, Lehrer sein, Evangelist sein, herrlicher als das alles ist es, Gefangener sein um Christi willen. Wer Christus liebt, versteht dieses Wort. Wer leidenschaftlich glüht für den Herrn, kennt die Bedeutung der Fesseln. Ein solcher möchte lieber gefesselt sein um Christi willen, als im Himmel wohnen. -

Paulus zeigt ihnen seine Hände, herrlicher als jeder Goldschmuck, als jedes königliche Diadem. Ein mit Edelsteinen besetztes Stirnband schlingt sich nicht so herrlich um das Haupt als eine eiserne Kette um Christi willen. Damals war das Gefängnis herrlicher als der Königspalast. Was sage ich: als der Königspalast? Herrlicher als selbst der Himmel; umschloß es ja einen Gefesselten Christi. Wer Christus liebt, kennt diese Würde, kennt die darin liegende Kraft, kennt die Fülle der Gnaden, die Paulus dem Menschengeschlecht erwirkt hat durch sein Gefesseltsein um Christi willen. Um seinetweillen gefesselt werde n, ist vielleicht erhabener als das Sitzen zu seiner Rechten, als das Sitzen auf zwölf Thronen. Was rede ich von menschlichen Dingen? Ich schäme mich, Reichtum und Goldschmuck mit diesen Fesseln zu vergleichen, Abgesehen indes von allem, was sich über die Großartigkeit jener Gefangenschaft sagen ließe, - selbst wenn es keinen Lohn dafür gäbe, das allein schon wäre reicher Lohn, das allein wäre genügende Vergeltung, daß wir um des Geliebten willen solches Ungemach erdulden dürfen. Das Gesagte verstehen alle diejenigen, welche, wenn auch nicht Gott, so doch Menschen lieben; freuen sie sich doch mehr, wenn sie von den Geliebten Leid, als wenn sie [von ihnen] Ehre erfahren. Es vollkommen einzusehen, war allein dem heiligen Chore der Apostel beschieden. Höre nämlich, was der heilige Lukas sagt:

"Sie gingen voll Freude hinweg vom Angesichte des Hohen Rates, weil sie gewürdigt wurden, für den Namen Christi Schmach zu leiden"3 . Den anderen zwar scheint es lächerlich zu sein, daß Schach leiden eine Ehre, daß Schmach leiden eine Freude sein soll; denjenigen aber, welche die Liebe zu Christus kennen, gilt dies als die höchste Glückseligkeit. Ließe man mir die Wahl zwischen dem ganzen Himmel oder jener Kette, ich würde diese vorziehen. Wollte man mir meinen Platz anweisen entweder bei den Engeln dort oben oder bei dem gefesselten Paulus, ich würde den Kerker wählen. Könnte mich jemand zu einem jener himmlischen Heerscharen machen, die an dem Throne Gottes stehen, oder zu einem solchen Gefangenen, ich würde vorziehen, ein solcher Gefangener zu werden. Und mit Recht. Es gibt nichts Seligeres als jene Kette. Wie gerne wäre ich jetzt an jener Stätte - denn diese Fesseln sollen noch vorhanden sein -, wie gerne sähe ich jene Männer der Liebe zu Christus und bewunderte sie! Wie gerne sähe ich die Ketten, vor denen die Teufel Schrecken und Schauder, die Engel Ehrfurcht ergreift! Nichts ist besser als Leiden um Christi willen. Nicht so sehr deshalb preise ich Paulus selig, weil er ins Paradies entrückt, als weil er ins Gefängnis geworfen wurde. Nicht so sehr deshalb preise ich ihn selig, weil er unaussprechliche Dinge vernahm, als weil er die Fesseln trug. Nicht so sehr deshalb preise ich ihn selig, weil er in den dritten Himmel entrückt wurde, als ich ihn selig preise wegen dieser Fesseln. Wie gut er selber weiß, daß dieses größer ist als jenes, kannst du aus seinen Worten hören. Er sagte nämlich nicht: So bitte euch ich, der ich unaussprechliche Dinge vernommen, sondern was? "So bitte euch ich, der Gefesselte im Herrn."

1: 1 Thess 3,8
2: Philem 9
3: Apg 5,41

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger