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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

9.

Nun wollen wir, wenn es beliebt, auch die Worte des Kerkermeisters ins Auge fassen: "Meine Herren, was muß ich tun, um selig zu werden?" Was ist lieblicher als diese Sprache? Sie muß sogar die Engel in Entzücken versetzen. Um diese Sprache zu hören, hat selbst Gottes eingeborener Sohn Knechtsgestalt angenommen. Eben diese Sprache richteten die ersten Gläubigen an Petrus: "Was sollen wir tun, um selig zu werden?"1 . Und was erwiderte er darauf? "Glaubet und lasset euch taufen!" Mit Wonne hätte Paulus sich selbst in die Hölle stürzen lassen, um diese Sprache seitens der Juden zu vernehmen, aus Verlangen nach ihrem Heile und Gehorsam. - Betrachte dagegen [den König]! Er stellt den Jünglingen alles anheim und mischt sich in nichts. Doch sehen wir, was weiter geschah! Er sagt nicht erst: "Damit ich selig werde", sondern die Lehre ist ihm über jede Unterweisung klar und deutlich geworden; denn er wird sofort zum Prediger. Er bedarf keines Unterrichtes wie der Kerkermeister, sondern was tut er? Er verkündet den wahren Gott und bekennt seine Allmacht: "Ich weiß nun in Wahrheit, daß euer Gott der höchste Gott und der höchste Herr ist; denn er hat seinen Engel gesendet und euch aus dem Feuerofen gerettet"2 . Und was geschieht infolge davon? Nicht bloß ein Kerkermeister, sondern viele werden durch den königlichen Erlaß, durch den Anblick des Wunders unterwiesen. Denn da0 der König nicht gelogen haben werde, war wohl jedermann klar; er hätte sich sonst nicht dazu verstanden, den gefangenen Jünglingen ein solches Zeugnis auszustellen und seine eigene Anordnung hinfällig zu machen; er hätte sich nicht dazu verstanden, den Schein so großer Torheit auf sich zu laden. Wäre also die Wahrheit nicht offen zutage gelegen, so hätte er nicht solches geschrieben, zumal so viele Augenzeugen vorhanden waren. - Seht ihr, wie groß die Macht der Ketten ist? Wie groß die Kraft des Lobgesanges in der Trübsal? Sie verzagten nicht und ließen den Mut nicht sinken, sondern sie waren da nur noch stärker, ihre Freudigkeit war da nur noch größer; mit Recht. Bei dieser Erwägung .....

Noch ein Punkt ist übrig. Warum wurden in dem Kerker die Gefangenen ihrer Fesseln ledig, in dem Feuerofen dagegen die Knechte, welche die Jünglinge hineinwarfen, von den Flammen getötet?3 . Das hätte jedoch eigentlich dem Könige begegnen sollen; denn weder die, welche sie banden, noch die, welche sie hineinwarfen, sündigten so schwer wie er, welcher den Befehl dazu gab. Weshalb nun kamen jene um? - Hier bedarf es keiner langen und eingehenden Untersuchung. Sie waren Gottlose; darum wurde es so angeordnet, daß die Gewalt des Feuers sich zeige und das Wunder um so größer werde. Wenn nämlich das Feuer schon die außen Stehenden verzehrte, wie konnte es [diejenigen, welche es drinnen umgab] unversehrt lassen? Daß offenbar würde Gottes Allmacht. - Niemand wundere sich, wenn ich den König auf eine Linie mit dem Kerkermeister stelle! Er erreichte durch seine Handlungsweise dasselbe; er hatte nichts vor jenem voraus: beide zogen den gleichen Gewinn. - Allein, wie gesagt, wenn die Gerechten in Trübsalen sind, wenn sie in Banden sind, dann sind sie am stärksten. Denn um Christi willen leiden sie süßer als jegliche Tröstung. Soll ich euch noch an einen anderen Kerker erinnern? Denn bei der Betrachtung dieser Kette kommt man unwillkürlich auf andere Fälle der gleichen Art. An welchen wollt ihr? An den des Jeremias? Oder an den des Joseph? Oder an den des Johannes? Dank der Kette des hl. Paulus! Wie viel Kerker hat sie uns in dieser Rede erschlossen! Wollt ihr den des Johannes sehen? Auch dieser war einst gebunden für Christus und das göttliche Gesetz. Was nun? Lag er etwa müßig im Gefängnisse? Schickte er nicht von dort, vom Gefängnisse aus, seine Jünger mit dem Auftrage: "Gehet hin und saget zu Christus: Bist du es, der da kommen soll, oder haben wir einen anderen zu erwarten?"4 Auch im Kerker also lehrte er; denn er war nicht nachlässig. - Jeremias aber, hat er nicht im Gefängnisse über den Babylonier, König Nebukadnezar, geweissagt und so auch dort sein Prophetenamt voll ausgeübt? - Und Joseph?

War er nicht dreizehn Jahre lang im Gefängnisse? Aber trotzdem, auch dort vergaß er die Tugend nicht. Einen Gefesselten wollen wir noch nennen und dann den Vortrag beschließen. Gebunden wurde auch unser Herr, der die Welt von den Sünden erlöst hat; gebunden die Hände, die zahllose Wohltaten gespendet. "Sie banden ihn", sagt die Schrift, "und führten ihn zu Kaiphas"5 . Gebunden wurde der, welcher so große Wunder gewirkt. Dieses erwägend wollen wir niemals unzufrieden werden, sondern selbst, wenn wir gebunden werden, uns freuen! Und sind wir nicht [wirklich] in Banden, so wollen wir wenigstens der Gesinnung nach gefesselt sein! Siehst du, welch großes Glück die Kette ist? Da wir dies vollkommen erkannt haben, so laßt uns für alles Gott Dank sagen in Christus Jesus, unserm Herrn, mit welchem dem Vater gleichwie dem Hl. Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: vgl. Apg 2,37
2: Dan 3,95
3: vgl. Dan 3,22
4: vgl. Mt 11,2 f.
5: Mt 26,57; vgl. Joh 18,24

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger