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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

8.

Was soll ich tun? Ich möchte gern aufhören, aber ich kann es nicht. Ich habe ein anderes Gefängnis gefunden, weit wunderbarer und staunenerregender als das vorige. Wohlan denn, ermuntert euch und schenkt mir, als wollte ich jetzt erst meinen Vortrag beginnen, eure vollste Aufmerksamkeit! So gerne ich abbrechen möchte, der Gegenstand der Rede verträgt es nicht. Wie jemand mitten im Trinken um keinen Preis der Welt urplötzlich abbrechen kann, so vermag auch ich, nachdem ich einmal den wunderbaren Becher des Kerkers der um Christi willen Gefesselten angesetzt, nicht aufzuhören, vermag nicht zu schweigen. Wenn Paulus im Gefängnis und in der Nacht nicht schwieg, selbst nicht unter Geißelhieben: sollte dann ich schweigen, der ich am hellen Tage sitzen und mit aller Gemächlichkeit sprechen darf, während dies den Gefesselten, den Gegeißelten, denen zur Mitternachtszeit nicht vergönnt war? Die Jünglinge schwiegen nicht im Feuerofen: und wir sollten uns nicht schämen zu schweigen? Laßt uns also auch dieses Gefängnis betrachten! Auch die Jünglinge wurden gebunden; aber sogleich und von vorne herein zeigte es sich, daß sie nicht verbrennen, sondern gleichsam in einen Kerker gehen sollten. Denn wozu diejenigen fesseln, die ja doch in den Flammen umkommen sollen? Man band sie, wie Paulus, an Händen und Füßen, man band sie mit derselben Wut. Wie nämlich der Kerkermeister seine Gefangenen in den innersten Kerker warf, so ließ der König den Ofen siebenfach heizen. Doch laßt und sehen, was darauf geschah! Während jene Loblieder sangen, wurde der Kerker erschüttert, und die Türen öffneten sich von selbst; und während diese Loblieder sangen, lösten sich die Bande an ihren Händen und Füßen, öffnete sich ihr Kerker und tat sich die Türe des Ofens auf; denn wie zur Tauzeit pfiff der Wind hindurch1 . Aber gleich wohl -. Eine Fülle von Gedanken strömt mir zu; ich weiß nicht in welcher Reihenfolge ich sie vorbringen soll. Darum, bitte ich, verlange niemand von mir die Einhaltung einer bestimmten Ordnung. Denn diese Begebenheiten haben große Verwandtschaft miteinander. Dort wurden die Mitgefangenen ihrer Fesseln ledig und schliefen doch weiter; hier ereignete sich dafür etwas anderes: diejenigen, welche die Jünglinge in den Ofen warfen, verbrannten. Doch, was ich eben sagen wollte, der Kerkermeister sah sie von ihren Banden befreit und warf sich vor ihnen nieder; der König hörte ihren Lobgesang, sah vier Männer wandeln und rief sie heraus. Gleichwie also Paulus nicht aus dem Kerker herausging, obschon er es gekonnt hätte, bis derjenige, der ihn hineingeworfen hatte, ihn herausrief; so gingen auch die drei Jünglinge nicht heraus, bis derjenige, der sie hatte hineinwerfen lassen, ihnen herauszugehen befahl. -

Was sollen wir daraus lernen? In den Verfolgungen und Trübsalen nicht voreilig nach Befreiung zu trachten, aber auch auf der anderen Seite nicht absichtlich darin zu verharren, wenn uns die Freiheit geboten wird. - Der Kerkermeister warf sich ihnen zu Füßen; denn er konnte hineingehen, wo die Heiligen waren. Der König aber blieb, als er zur Türe gekommen war, dort stehen; denn er wagte es nicht, in den Kerker hineinzugehen, den er ihnen im Feuer bereitet hatte. - Betrachte mir auch ihre Worte! Jener sagte: "Meine Herren, was muß ich tun, um selig zu werden?" Dieser führt zwar keine so demütige, aber doch eine nicht minder erfreuliche Sprache: "Sidrach, Misach, Abdenago, ihr Diener des höchsten Gottes, geht heraus und kommt hierher!"2 . Eine große Ehre! "Ihr Diener des höchsten Gottes, geht heraus und kommt hierher!" Wie sollen sie herausgehen, o König? Gefesselt hast du sie ins Feuer geworfen, konnten sie es denn so lange Zeit im Feuer aushalten? Selbst wenn sie von Stahl und Eisen gewesen wären, hätten sie nicht umkommen müssen, während sie jenen ganzen Hymnus sangen? Deshalb eben blieben sie unversehrt, weil sie Gott lobten und priesen. Das Feuer bekam Ehrfurcht vor ihrer Freudigkeit, Ehrfurcht vor jenem wunderbaren Gesange und jenen Lobliedern. Wie rufst du sie? Ich habe es schon vorweg gesagt: "Ihr Diener des höchsten Gottes!" Den Dienern Gottes ist alles möglich. Wenn schon bei den Menschen manche Diener in den menschlichen Dingen große Macht und Gewalt besitzen und bedeutenden Einfluß ausüben, so noch weit mehr die Diener Gottes. Er rief sie bei dem süßesten Namen. Damit schmeichelte er ihnen seiner Überzeugung nach am meisten. Denn waren sie, um Diener Gottes zu bleiben, ins Feuer gegangen, so konnte ihnen keine andere Anrede lieber sein. Wenn er sie Könige, wenn er sie Herren der Welt genannt hätte, würde er ihnen keine so große Freude gemacht haben als durch die Worte: "Ihr Diener des höchsten Gottes." Was Wunder auch? Hat ja Paulus, als er an jene große, weltbeherrschende und auf ihre Vorzüge so stolze Römerstadt schrieb, sich einen Titel beigelegt, dessen Würde seiner Ansicht nach der ihrigen vollkommen das Gleichgewicht hielt, ja noch weit erhabener und unvergleichlich höher war als Konsulat und Kaisertum und Weltherrschaft - nämlich den: "Paulus, Diener Jesu Christi"3 . -

"Ihr Diener des höchsten Gottes!" Wenn sie, meinte der König, es sich so angelegen sein lassen, Diener zu sein, so werden wir die durch diese Benennung jedenfalls beschwichtigen können. - Betrachte nun auch das rücksichtsvolle Benehmen der Jünglinge! Sie zeigten sich nicht ungehalten, wurden nicht zornig, widersprachen nicht, sondern kamen heraus. Ja, wenn sie es für eine Strafe gehalten hätten, daß sie in den Feuerofen geworfen wurden, dann wären sie wohl gegen den, der sie hatte hineinwerfen lassen, erbittert gewesen. So aber hegten sie kein derartiges Gefühl, sondern gingen aus dem Ofen heraus, als kämen sie geraden Weges aus dem Himmel. Was der Prophet von der Sonne sagt: "Sie geht hervor wie ein Bräutigam aus seiner Kammer"4 , dasselbe kann man treffend auch auf sie anwenden. Inwiefern? Weil sie damals noch glänzender hervorgingen als die Sonne. Denn diese geht hervor, die Erde mit ihrem sinnlich wahrnehmbaren Lichte erleuchtend; jene aber erleuchteten die Erde auf andere, nämlich geistige Weise. Denn ihretwegen erließ der König sogleich eine Bekanntmachung folgenden Inhaltes: "Es hat mir gefallen die Zeichen und die Wunder, welche Gott getan, bekanntzugeben, weil sie groß und gewaltig sind"5 . Sie erstrahlten also bei ihrem Hervorgehen in einem glänzenderen Lichte, das nicht bloß an Ort und Stelle selbst leuchtete, sondern mittels des königlichen Erlasses überall sich ausbreiten und die allerorten herrschende Finsternis verscheuchen konnte. - "Geht heraus und kommt hierher!" Er ließ nicht zuvor das Feuer im Ofen auslöschen; vielmehr ehrte er sie gerade dadurch am meisten, daß er vertraute, sie könnten nicht bloß darin auf und abwandeln, sondern auch durch die Flammen desselben herausgehen.

1: vgl. Dan 3,50
2: Dan 3,93
3: Röm 1,1
4: Ps 18,6
5: Dan 3,99 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger