Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

7.

Hiermit wollen wir, voll der innigsten Dankbarkeit gegen die Kette des heiligen Paulus, weil sie so segensreich für uns geworden, diese Besprechung abschließen und ermahnen euch, nicht nur nicht ungehalten zu sein, wenn ihr um Christi willen etwas zu leiden habt, sondern vielmehr euch zu freuen, wie die Apostel, und euch dessen zu rühmen nach den Worten des hl. Paulus: "Gern will ich mich meiner Schwachheiten rühmen"1 . Deshalb hatte er auch das Wort vernommen: "Es genügt dir meine Gnade"2 . Paulus rühmte sich seiner Ketten; und du bist stolz auf deinen Reichtum? Die Apostel freuten sich, daß sie gewürdigt wurden, gegeißelt zu werden; und du suchst Bequemlichkeit und Wohlergehen? Wie willst du da im Jenseits mit ihnen der gleichen Seligkeit teilhaftig werden, wenn du hienieden einen ganz entgegengesetzten Weg einschlägst? "Und nun", sagt Paulus: "gehe ich nach Jerusalem, gebunden im Geiste, ohne zu wissen, was mir dort begegnen wird, außer daß der Heilige Geist mir von Stadt zu Stadt ankündigt und sagt, daß Bande und Drangsale meiner warten"3 . - Warum gehst du denn fort, wenn Bande und Trübsale deiner warten? - Gerade deshalb, antwortete er, damit ich um Christi willen gefesselt werde, damit ich um seinetwillen sterbe. Denn für den Namen unseres Herrn Jesus Christus bin ich nicht bloß bereit, mich binden zu lassen, sondern auch den Tod zu erleiden4 .

Nichts geht über die Seligkeit einer solchen Seele! Wessen rühmt er sich? Der Bande, der Drangsale, der Ketten, der Wundmale. "Ich trage", sagt er, "die Wundmale des Herrn Jesus Christus an meinem Leibe"5 , gleich wie ein herrliches Siegeszeichen. Und wiederum sagt er: "Israels wegen bin ich mit dieser Kette umschlossen"6 . Und abermals: "Wofür ich Gesandter bin in Ketten"7 . - Was soll das heißen? Schämst du dich nicht? Fürchtest du dich nicht, die ganze Welt als ein Gefangener zu durchwandern? Besorgst du nicht, man möchte deinen Gott der Ohnmacht zeihen? Man möchte sich deshalb dir nicht anschließen? - O nein, sagt er, meine Bande sind nicht derart; sie können sogar in den Palästen der Könige glänzen. "So daß meine Bande offenbar wurden im ganzen Hoflager, und mehrere Brüder im Herrn Vertrauen faßten durch meine Bande und um so mehr wagten, furchtlos das Wort Gottes zu verkünden"8 . Siehst du, daß Ketten mehr ausrichten als Totenerweckungen? Sie haben mich gebunden gesehen und schöpfen daraus nur noch mehr Zuversicht. Denn wo Fesseln sind, da muß notwendig etwas Großes geschehen sein. Wo Drangsal ist, da ist sicher auch Heil, da ist sicher auch Seelenruhe, da ist sicher auch hohe Tugend. Wenn der Teufel ausschlägt, dann trifft er sich selbst; wenn er die Diener Gottes in Fesseln schlägt, dann findet das Wort Gottes die größte Ausbreitung. Und betrachte, wie dies allerorts der Fall ist! Der Apostel war gefangen, und im Gefängnisse wirkte er solches. Denn er sagt: "Sogar in meinen Banden." Er war gefangen in Rom und machte zahlreiche Bekehrungen; denn nicht nur er selbst gewann an Zuversicht, sondern auch viele andere durch ihn. Er war gefangen in Jerusalem und erschütterte, in Ketten redend, den König und flößte dem Landpfleger Schrecken ein. Er erschrak, sagt die Schrift9 , wollte ihn freigeben und schämte sich nicht, er, der ihn in Bande legte, von dem Gebundenen sich über zukünftige Dinge belehren zu lassen. Gebunden fuhr der Apostel über das Meer, rettete den Schiffbrüchigen das Leben und bändigte dem Sturm. Er war in Banden, als sich jene Viper um seine Hand ringelte und, ohne ihn zu verletzen, sich von ihm abschütteln ließ. Er war gefangen in Rom, und in Banden predigend, zog er Tausende an sich, wobei ihm statt aller Waffen eben diese Ketten dienten.

Aber man kann sich doch heutzutage nicht mehr in Ketten schlagen lassen? - Nein; aber es gibt für uns eine andere Kette, wenn wir nur wollen. Und welche ist diese? Die Beherrschung der Hand, die Unterdrückung der Habgier. Mit dieser Kette wollen wir uns fesseln! An die Stelle des Eisens trete die Gottesfurcht! Wir wollen diejenigen, welche in den Banden der Armut schmachten, von ihrer Drangsal erlösen. Es ist nicht das gleiche, Kerkertüren zu öffnen und eine gefangene Seele zu befreien. Es ist nicht das gleiche, die Fesseln gebundener Gefangener zu lösen und reuig Zerknirschte durch Sündenvergebung zu befreien. Dieses ist größer als jenes; denn für das eine ist keine, für das andere unendliche Belohnung in Aussicht gestellt. Die Kette des hl. Paulus ist lang geworden und hat uns geraume Zeit festgehalten. Und sie ist auch in der Tat lang und ein köstlicherer Schmuck denn jede goldene Kette. Sie zieht diejenigen, welche damit gefesselt sind, wie durch eine Vorrichtung zum Himmel empor und zieht sie gleichsam an einer befestigten goldenen Kette geraden Weges in den Himmel hinauf. Und was das Wunderbare dabei ist: obschon hier unten angelegt, zieht sie die Gebundenen himmelwärts. Allerdings liegt dies nicht in der Natur der Dinge; allein wenn Gott etwas anordnet, mußt du nicht nach der Natur und Folge der Dinge forschen, sondern nach dem, was über die Natur und Folge hinausliegt.

Lernen wir in Trübsalen nicht zu verzagen und nicht ungeduldig zu werden! Betrachte nur diesen heiligen Mann! Er war gegeißelt worden, und zwar tüchtig gegeißelt worden; denn es heißt: "Nachdem sie ihnen viele Schläge gegeben hatten"10 . Er war gebunden worden und dies wiederum tüchtig; denn der Kerkermeister hatte ihn ins innerste Gefängnis geworfen und auf das sorgfältigste verwahrt. Und trotz dieser traurigen Lage, um Mitternacht, wenn selbst die ganz Ermunterten einschlummern, da eine andere stärkere Fessel, der Schlaf, sie umfängt - da sangen sie dem Herrn Loblieder. Kann es eine größere Seelenstärke geben als diese? Sie erinnerten sich, daß auch die Jünglinge im Feuerofen sangen. Sie dachten wohl: So schlimm ist es uns doch noch nicht ergangen. - Damit hat uns der Gang der Rede ganz folgerichtig wieder auf andere Fesseln und auf ein anderes Gefängnis gebracht.

1: vgl.2 Kor 12,5
2: ebd 12,9
3: Apg 20,22 f.
4: ebd 21,13
5: Gal 6,17
6: Apg 28,20
7: Eph 6,20
8: Phil 1,13 f.
9: Apg 24,25
10: Apg 16,23

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Erste Homilie [Kap. ...
. Zweite Homilie [Kap. ...
. Dritte Homilie [Kap. ...
. Vierte Homilie [Kap. ...
. Fünfte Homilie [Kap. ...
. Sechste Homilie [Kap. ...
. Siebente Homilie [Kap. ...
. Achte Homilie [Kap. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. Neunte Homilie [Kap. ...
. Zehnte Homilie [Kap. ...
. Elfte Homilie [Kap. ...
. Zwölfte Homilie [Kap. ...
. Dreizehnte Homilie ...
. Vierzehnte Homilie ...
. Fünfzehnte Homilie ...
. Sechzehnte Homilie ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger