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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

6.

Warum geschah hier nicht dasselbe wie bei Paulus und Silas? Weil jene [wieder] freigelassen werden sollten; deshalb wollte Gott ihre Befreiung nicht in dieser Weise bewerkstelligen. Anders beim hl. Petrus; dieser sollte zum Tode geführt werden. - Wie nun? höre ich fragen, wäre es nicht weit wunderbarer gewesen, wenn er erst auf die Richtstätte geführt und den Händen des Königs übergeben und dann, ohne Schaden zu nehmen, mitten aus den Gefahren herausgerissen worden wäre? Denn in diesem Falle wären auch die Soldaten nicht umgekommen. - Die hier aufgeworfene Frage ist von Wichtigkeit. Konnte Gott, sagt man, seinen Diener retten durch die Bestrafung anderer, durch das Verderben anderer? Was wollen wir darauf erwidern? Erstens, daß vom Verderben anderer keine Rede ist; zweitens, daß die Hinrichtung der Soldaten nicht durch den Plan Gottes, sondern durch die Härte des Richters erfolgte. Wieso? Im Plane Gottes lag es, daß nicht nur jene nicht zugrunde gehen, sondern auch dieser [der König] gerettet werden sollte, geradeso wie es dort beim Kerkermeister der Fall war. Der aber machte von der Gnade nicht den rechten Gebrauch. "Als es Tag geworden war", heißt es, "herrschte eine nicht geringe Bestürzung unter den Soldaten, was wohl aus Petrus geworden sei." Und was geschah weiter? "Herodes stellte über die Sache eine Untersuchung an, nahm die Wächter ins Verhör und befahl, sie zur Hinrichtung abzuführen." Hätte er sie nicht verhört, so wäre er einigermaßen zu entschuldigen. Nun aber ließ er sie vorführen, verhörte sie, erfuhr, daß Petrus gefesselt, das Gefängnis sicher verwahrt gewesen, daß die Wächter vor der Türe gestanden. Keine Wand war durchbrochen, keine Tür geöffnet, überhaupt keine Spur eines Versehens vorhanden. Auf Grund dessen hätte er Gottes Allmacht bewundern müssen, welche den Gefangenen mitten aus den Gefahren befreit, hätte er anbetend niedersinken müssen vor dem, der so große Macht bewiesen. Satt dessen ließ er die Soldaten zur Hinrichtung abführen. Wie sollte da Gott daran schuld sein?

Ja, wenn er ein Loch durch die Mauer hätte brechen lassen, um Petrus in Freiheit zu setzen, konnte vielleicht die Sache auf Rechnung ihrer Nachlässigkeit gesetzt werden; wenn er es aber so anordnete, daß der ganze Vorgang sich nicht als Werk menschlicher Schlauheit, sondern göttlicher Wundertätigkeit erwies, warum handelte jener dennoch also? Denn hätte Petrus fliehen wollen, so wäre er, wie er ging und stand, mit den Ketten geflohen; hätte er im Zustande der Verwirrung fliehen wollen, so würde er nicht die Vorsicht aufgebracht haben, sogar die Schuhe noch anzuziehen, sondern hätte dieselben wohl zurückgelassen. Nun aber sagt der Engel deshalb zu ihm; "Zieh deine Schuhe an!", damit man deutlich erkenne, daß er seine Befreiung nicht über Hals und Kopf, sondern mit aller Gemächlichkeit ins Werk setzte. Denn gefesselt und zwischen zwei Soldaten liegend, hätte er sich sonst nicht soviel Zeit genommen, erst die Ketten abzustreifen, zumal er sich im innersten Kerker befand. Demnach ist die Bestrafung der Wächter lediglich durch die Ungerechtigkeit des Richters erfolgt. Denn warum machten es die Juden nicht so?

Es fällt mir nämlich noch eine andere Kerkerhaft ein: jene früher erwähnte in Rom, diese da in Cäsarea1 , und jetzt die in Jerusalem2 . Als die Hohenpriester und Pharisäer von denen, die sie ins Gefängnis abgeordnet hatten, um Petrus vorzuführen, den Bericht hörten: Wir fanden niemanden darin, wohl aber die Türen verschlossen und die Wächter vor den Toren stehend, warum töteten sie da die Wächter nicht, sondern gerieten darüber in Verlegenheit und sagten: Was wird wohl daraus werden? Wenn aber diese trotz ihrer Mordgier nichts Derartiges sannen, so war dies um so mehr von dir, Herodes, zu erwarten, der du ohnehin alles nur ihnen zu Gefallen tatest. - Dafür ereilte ihn auch bald die Strafe. Willst du dennoch Gott daraus, daß die Soldaten hingerichtet wurden, einen Vorwurf machen, so mache ihm auch Vorwürfe wegen der auf der Straße Ermordeten, wegen der unzähligen anderen, die ungerechterweise ums Leben kommen, ja auch wegen der unschuldigen Kinder, welche zur Zeit der Geburt Christi getötet wurden! Denn nach deiner Ansicht ist auch an ihrem Tode Christus schuld gewesen. In Wahrheit jedoch war es nicht Christus, sondern die Wut und Grausamkeit des alten Herodes. Wenn du aber fragst: Warum hat Gott ihn nicht den Händen des Herodes entrissen? - Auch dieses hätte er gekonnt, aber er hätte nichts dadurch erreicht. Wie oft z. B. entging Christus den Nachstellungen seiner Feinde? Was nützte dies nun den Undankbaren? Hier jedoch ziehen die Gläubigen großen Nutzen aus dem Geschehenen. Da nämlich die Feinde selbst diese denkwürdigen Ereignisse bezeugen mußten, so war das Zeugnis gewiß unverdächtig. Gleichwie sie dort durch nichts anderes als durch die übereinstimmende Aussage der zurückkehrenden Abgesandten zum Schweigen gebracht wurden, so auch hier. - Warum machte es denn der Kerkermeister nicht ebenso wie Herodes? Und doch war das Wunder, welches sich dem Herodes darbot, nicht geringer als jenes, das dieser schaute? Denn die Nachricht, daß der Gefangene bei verschlossenen Türen entronnen sei, war noch weniger geeignet, Staunen zu erregen, als der Anblick der von selbst geöffneten Türen. Ja, letzteres hätte noch eher als Sinnestäuschung gelten können, ersteres dagegen auf keinen Fall, weil die Sache genau untersucht und gemeldet wurde. So daß, wenn der Kerkermeister ebenso böse war, er den Paulus umgebracht hätte, wie jener die Soldaten [umgebracht hat]. Das war er aber nicht. - Wenn wir auch die Einwendung, warum Gott die Ermordung der unschuldigen Kinder zugelassen habe, widerlegen wollten, so würden wir uns wohl allzu weit von dem eingangs bestimmten Thema entfernen.

1: Jerusalem nach Apg 12,3 ff.
2: Apg 5,17 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger