Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

5.

Du hast gesehen, daß sie lieber gefangen bleiben, als den Kerkermeister umkommen sehen wollten. Deshalb dachte er auch bei sich: Wenn sie Zauberer wären, hätten sie jedenfalls die Gefangenen losgemacht und sich selbst von den Fesseln befreit; denn es lagen vermutlich deren viele im Kerker. Es mußte ihm auffallen, daß er sonst, wenn er - was oft vorkam - Zauberer in Haft erhalten, nie etwas Derartiges gesehen hatte. Ein Zauberer hätte nicht die Grundfesten des Kerkers erschüttert, um den Gefängniswärter aus dem Schlafe zu wecken und sich selbst die Flucht zu erschweren. Doch laßt uns nun den Glauben des Kerkermeisters betrachten! "Nachdem er", heißt es, "ein Licht gefordert, stürzte er hinein, fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen, führte sie heraus und sprach: Meine Herren, was muß ich tun, um selig zu werden?"1 . Feuer und Schwert standen ihm zu Gebote, und er sagte: "Meine Herren, was muß ich tun, um selig zu werden?" Sie aber antworteten: "Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du mit deinem Hause selig werden"2 . Die Erteilung einer solchen Lehre, sagte er sich, sieht nicht nach Zauberei aus; da ist ja nirgends vom Teufel die Rede. Siehst du, wie wert es der Mann war, gerettet zu werden? Nachdem er das Wunder gesehen und von der Furcht befreit war, vergaß er nicht dessen, was ihm frommte, sondern war trotz der Größe der ihm drohenden Gefahr auf das Heil seiner Seele bedacht; er nahte sich ihnen, wie es sich Lehrern gegenüber geziemte, und fiel ihnen zu Füßen. "Und sie", heißt es weiter, "redeten zu ihm das Wort des Herrn und zu allen, die in seinem Hause waren. Und noch zu derselben Stunde der Nacht nahm er sie zu sich, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit all den Seinigen taufen"3 . - Siehst du den glühenden Eifer dieses Mannes? Er wollte nichts von Aufschub wissen, er sagte nicht: Laßt es erst Tag werden, wir wollen sehen, wir wollen es uns überlegen; sondern mit großem Eifer ließ er sich samt seinem ganzen Hause taufen. Nicht, wie so viele in der Jetztzeit, die es gleichgültig mit ansehen, daß Gesinde, Weib und Kind ohne Taufe leben. Ich bitte, werdet diesem Kerkermeister gleich! Nicht dem Stande nach, meine ich, sondern dem Entschlusse nach. Denn was nützt Rang und Stand, wenn der Entschluß schwach ist? Wunderbar! Er, der grausame, der harte Mann, der unter zahllosen Verbrechern leben mußte, der immerfort damit zu tun hatte, ist auf einmal so menschenfreundlich, so besorgt. "Er wusch", heißt es, "ihre Striemen.!

Betrachte anderseits auch den glühenden Eifer des Paulus! Eben noch gefesselt, blutig gepeitscht - so verkündete er die Botschaft des Heiles. O die glückselige Kette! Wie fruchtbar war sie in jener Nacht! Welche Kinder hat sie geboren! Auch von diesen läßt sich sagen: "Die ich gezeugt in meinen Banden"4 . Siehst du, wie er darauf stolz ist und will, daß die Kinder, die er gezeugt, dadurch in herrlicherem Lichte erglänzen? Siehst du, wie überaus groß der Ruhm dieser Ketten ist, da sie nicht nur denjenigen, der sie trug, sondern auch die Kinder, die er in jener Zeit zeugte, verherrlichen? Die von Paulus in seinen Ketten Gezeugten haben etwas voraus, ich meine nicht bezüglich der Gnade, denn die Gnade ist ein und dieselbe, oder bezüglich der Sündenvergebung, denn die Sündenvergebung ist bei allen die gleiche, sondern daß sie von allem Anfang an lernten, über solche Dinge sich zu freuen und zu frohlocken. "Noch zur selben Stunde der Nacht", heißt es, "nahm er sie zu sich, wusch ihre Striemen und ließ sich taufen." Und nun betrachte die Früchte davon! Er vergalt sogleich mit leiblicher Wohltat. "Nachdem er sie in sein Haus geführt, setzte er ihnen sogleich eine Mahlzeit vor und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er den Glauben an den wahren Gott gefunden"5 . Wie hätte er es nicht sollen, da ihm durch die Eröffnung der Kerkertüren der Himmel eröffnet worden war? Er wusch seinen Lehrer, setzte ihm eine Mahlzeit vor und freute sich. Die Kette des Paulus kam ins Gefängnis, schuf dasselbe vollständig zu einer Kirche um, machte alle zu Gliedern am Leibe Christi, bereitete das geistige Mahl und gebar eine Leibesfrucht, über welche sich die Engel freuen. - Ich habe doch nicht etwa zuviel gesagt, wenn ich das Gefängnis herrlicher nannte als den Himmel? Hat es ja doch Freude im Himmel verursacht! Wenn schon über einen einzigen bußfertigen Sünder Freude im Himmel herrscht6 , wenn schon dort, wo zwei in seinem Namen versammelt sind, Christus in ihrer Mitte ist7 : um wieviel mehr mußte dies der Fall sein, wo Silas und Paulus und der Kerkermeister und dessen ganzes Haus und ein so großer Glaube war" Sieh da die Macht des Glaubens!

Doch dieser Kerker erinnert mich an seinen anderen Kerker. Und was für einer ist das? Derjenige, in welchem Petrus lag8 Aber daselbst trug sich nichts Dergleichen zu. Man hatte dem Apostel vier Wachen von je vier Mann zur Bewachung übergeben; er sang keine Loblieder und wachte nicht, sondern schlief; er war auch nicht gegeißelt worden; dennoch drohte ihm größere Gefahr. Dort nämlich war alles bereits abgetan, und sie hatten ihre Strafe schon gebüßt, hier aber noch nicht. So daß, wenn auch keine Schläge schmerzten, doch die bange Erwartung der Zukunft peinigte. Beachte auch hier wieder das Wunder! "Siehe, ein Engel des Herrn" erzählt die Schrift, "stand da, und Licht strahlte im Kerker; und indem er Petrus in die Seite stieß, weckte er ihn auf und sprach: Steh eilends auf! Und sofort fielen ihm die Ketten von den Füßen." Damit Petrus es nicht bloß für eine Wirkung des Lichtes halte, stieß der Engel ihn in die Seite. Niemand sah das Licht außer er allein, und er hielt es für ein Gesicht. So werden die Schlafenden der Wohltaten Gottes nicht gewahr. - "Der Engel aber", heißt es weiter, "sprach zu ihm: Umgürte dich und ziehe deine Schuhe an! Und er tat also. Und er sprach zu ihm: Wirf dein Oberkleid um und folge mir! Da ging er hinaus und folgte ihm, ohne es zu wissen, daß Wirklichkeit war, was durch den Engel geschah; er glaubte vielmehr ein Gesicht zu sehen. Sie gingen nun durch die erste und zweite Wache und kamen zu der eisernen Tür, welche in die Stadt führte; diese öffnete sich ihnen von selbst. Sie gingen durch noch eine Gasse weiter, da schied der Engel plötzlich von ihm."

1: Apg 16,29f.
2: ebd 16,31
3: Apg 16,32 f.
4: vgl. Philem 10
5: Apg 16,23
6: Lk 15,7
7: Mt 18,2o
8: Apg 12,3 ff.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Erste Homilie [Kap. ...
. Zweite Homilie [Kap. ...
. Dritte Homilie [Kap. ...
. Vierte Homilie [Kap. ...
. Fünfte Homilie [Kap. ...
. Sechste Homilie [Kap. ...
. Siebente Homilie [Kap. ...
. Achte Homilie [Kap. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. Neunte Homilie [Kap. ...
. Zehnte Homilie [Kap. ...
. Elfte Homilie [Kap. ...
. Zwölfte Homilie [Kap. ...
. Dreizehnte Homilie ...
. Vierzehnte Homilie ...
. Fünfzehnte Homilie ...
. Sechzehnte Homilie ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger