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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

4.

Du aber betrachte hier die außerordentliche Gnade Christi! Denn es ist vollkommen am Platze, neben den Ketten des hl. Paulus auch der Gnade Christi zu gedenken, um so mehr, als gerade jene ein Beweis der Gnade Gottes sind. Manche halten sich darüber auf, daß der Gefängniswärter gerettet wurde, und nehmen da, wo sie die Menschenfreundlichkeit Gottes bewundern sollten, Anlaß, sie zu tadeln. Das ist durchaus nicht auffallend. Denn gerade so machen es die Kranken, welche auf die nahrhafte Kost, die sie eigentlich bewundern sollten, schelten und den Honig bitter nennen. Auch die Augenleidenden werden durch das, was ihre Sehkraft stärken sollte, geblendet; dies begegnet ihnen, nicht weil es in der Natur der Mittel liegt, sondern weil sie wegen der Krankheit außerstande sind, den gehörigen Gebrauch davon zu machen. - Was also haben sie auszusetzen? Anstatt von Bewunderung ergriffen zu werden, daß ein so tief Gesunkener [von der göttlichen Gnade] erfaßt und gebessert wurde, sagen sie: Warum hat er denn nicht die Sache für Zauberei und Blendwerk angesehen, sie noch fester in Gewahrsam getan und Lärm geschlagen? - Mehrere Erwägungen trugen dazu bei. Fürs erste, daß er sie Gott lobpreisen hörte; Zauberer aber hätten keine solchen Loblieder gesungen. Er hörte sie nämlich, erzählt die Schrift, Gott lobpreisen1 . Fürs zweite, daß sie nicht entflohen, sondern sogar ihn am Selbstmord hinderten. Hätten sie aber ihretwegen das Wunder gewirkt, so wären sie nicht drinnen geblieben, sondern würden vor allem sich selbst in Sicherheit gebracht haben. Groß war auch ihre Menschenfreundlichkeit. Sie hinderten den am Selbstmorde, der sie in Fesseln gelegt hatte, fast als hätten sie sagen wollen: Du hast uns in sicheren Gewahrsam genommen, hast uns in den innersten Kerker geworfen und uns grausam gebunden, damit du selbst von den grausamsten Banden befreit werdest. Denn die eigenen Sünden sind es, die jeden wie mit Stricken zusammenschnüren. Letztere Fesseln sind fluchwürdig, erstere aber selig und begehrenswert. Denn daß jene Fesseln diese zu lösen vermögen, ist sinnfällig zutage getreten. Du hast gesehen, wie die in eiserne Ketten Geschlagenen befreit wurden? Du wirst auch dich selbst von jenen anderen gefährlicheren Ketten befreit sehen. Diese Bande - die der Gefangenen meine ich, nicht die des Paulus - sind eine Folge der Bande der Sünden. Die Insassen des Kerkers waren doppelt gefesselt, und auch er, der Kerkermeister, war gefesselt: jene durch Eisen und Sünden, dieser durch Sünden allein. Jene wurden von Paulus befreit, um diesen vollständig zu überzeugen; denn die Fesseln waren sichtbar. -

So tat auch Christus, nur in umgekehrter Ordnung. Da handelte es sich um eine doppelte Lähmung. Welcher Art war diese? Eine Lähmung durch die Sünden und eine Lähmung des Körpers. Was tut er nun? "Sei getrost, mein Sohn", spricht er, "deine Sünden sind dir vergeben"2 . Zuerst befreit er von der eigentlichen Lähmung, dann erst nimmt er diese in Angriff. Denn als "einige von den Schriftgelehrten bei sich selbst sprachen: dieser lästert Gott! da sprach Jesus, der ihre Gedanken sah: Warum denkt ihr Böses in euren Herzen? Was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf und wandle? Damit ihr aber wisset, daß der Sohn des Menschen Macht habe, auf Erden Sünden zu vergeben - da sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus"3 . Er bestätigte das Übersinnliche durch das Sinnliche, am Körper das in der Seele Gewirkte. Warum aber tat er dies? Damit sich das Wort der Schrift erfülle: "Du böser Knecht, aus deinem Munde will ich dich richten!"4 . Was aber sagten jene? Niemand kann Sünden nachlassen als Gott allein, kein Engel also, kein Erzengel, überhaupt keine erschaffene Macht. Ihr gesteht dies zu. Was hätte er nun erwidern können? Wenn es erwiesen ist, daß ich Sünden vergebe, so ist sonnenklar, daß ich Gott bin. Er sagte aber nicht so, sondern? "Damit ihr aber wisset, daß der Sohn des Menschen Macht habe, auf Erden Sünden zu vergeben - da sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Steh auf, nimm dein Bett und geh in das Haus!" Wenn ich also, folgert er, das Schwierigere zu wirken vermag, so kann offenbar bezüglich des Leichteren kein Einwand und Widerspruch mehr bestehen. Deshalb hat Christus zuerst das Übersinnliche gewirkt, weil er bei vielen auf Widerspruch zu stoßen erwartete; in unserem Falle dagegen schreitet [der Apostel] vom Sinnlichen zum Übersinnlichen fort. - Der Glaube [des Kerkermeisters] ging also nicht aus Leichtigkeit hervor. Er sah die Gefangenen, ohne etwas Schlechtes zu sehen und zu hören; er sah, daß die Tat nicht durch Zauberei erfolgt war, denn sie sangen Gott Loblieder; er sah, daß alles aus großer Menschenfreundlichkeit geschah; denn sie nahmen nicht Rache an ihm, obschon sie es konnten. Sie hätten ja sich und die [übrigen] Gefangenen in Freiheit setzen können; und wenn schon nicht die Gefangenen, so doch sich selber. Allein das taten sie nicht. Sie beschämten ihn daher nicht bloß durch das Wunder, sondern auch durch ihr Verhalten.

Wie rief Paulus? Mit lauter Stimme sprach er: "Tu dir kein Leid an, denn wir sind alle hier!" Du siehst: nicht Eitelkeit, nicht Anmaßung, sondern zärtliche Liebe. Er sagte nicht: Unsertwegen ist dies geschehen, sondern gleich einem gewöhnlichen Gefangenen spricht er: Wir sind noch alle hier. Wären sie auch nicht von vorher und durch das Wunder frei gewesen, so hätten sie doch [jetzt] schweigen und auch alle Gefangenen befreien können. Denn wenn sie schwiegen und nicht durch lauten Zuruf seinen Händen Einhalt geboten, würde sich jener das Schwert durch die Kehle gestoßen haben. Deshalb schrie Paulus auch, weil er in den innersten Kerker geworfen war. Zu deinem eigenen Schaden, will er sagen, hast du gearbeitet, indem du diejenigen ins unterste Gefängnis warfst, die dich aus der Gefahr befreien konnten. Sie ahmten jedoch seine Handlungsweise nicht nach. Würde jener sich getötet haben, so hätten sie alle entfliehen können.

1: vgl. Apg 16,25
2: Mt 9,2
3: ebd 9,3-6
4: Lk 19,22

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger