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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

3.

Welch ein Hochgefühl muß in dem Bewußtsein liegen, um Christi willen gebunden zu sein! Welche Lust! Welche Ehre! Welche Herrlichkeit"! Ich möchte unaufhörlich davon reden; ich möchte diese Ketten festhalten; ich möchte sie, wenn ich sie auch in Wirklichkeit entbehren muß, wenigstens im Geiste der Absicht nach meiner Seele anlegen. - Durch ein Erdbeben, heißt es, wurde der Kerker erschüttert, in welchem Paulus gebunden lag, und aller Bande wurden gelöst1 . Hast du die Natur dieser Fesseln beachtet, daß sie Fesseln zu lösen vermochten? Gleichwie nämlich der Tod des Herrn den Tod getötet hat, so haben auch die Fesseln des heiligen Paulus die Gefangenen gelöst, das Gefängnis erschüttert, die Türen geöffnet. Und doch liegt nicht dies in der Natur der Fesseln, sondern das Gegenteil, den Gefesselten in sicherem Gewahrsam zu halten, nicht ihm die Mauern zu öffnen.

Aber wenn dies nicht in der Natur der Fesseln an sich liegt, so doch in der Natur jener Fesseln, die um Christi willen getragen werden. - "Der Kerkermeister fiel Paulus und Silas zu Füßen"2 . Auch das ist nicht Wirkung der Fesseln an sich, daß sie die Fesselnden zu Füßen der Gefesselten zwingen, sondern im Gegenteil, daß sie diese in die Gewalt jener bringen. Nun aber lag der Freie zu den Füßen des Gefesselten; der Bindende bat den Gebundenen um Befreiung von seiner Furcht. - Sage mir, hast du ihn denn nicht gefesselt? Nicht ins innerste Gefängnis geworfen? Nicht seine Füße in den Block geschlossen? Warum zitterst du so? Warum bist du bestürzt? Warum weinst du? Warum hast du das Schwert gezogen? Solche Art, entgegnet er, habe ich noch nie gefesselt; ich wußte nicht, daß die Macht der um Christi willen Gefesselten so groß sei. - Was sagst du? Sie haben Gewalt empfangen, den Himmel zu erschließen, und einen Kerker sollten sie nicht öffnen können? Sie lösten die von Dämonen Gebundenen, und des Eisens Stärke sollte ihnen überlegen sein? Du kennst diese Männer nicht; deshalb erlangst du auch Verzeihung. Paulus ist der Gefangene, den alle Engel verehrten, Paulus ist es, dessen Schweißtücher und Gürtel sogar Dämonen austreiben und Krankheiten verscheuchten, obschon die Bande des Teufels weit unzerreißbarer sind als Eisen und Stahl. Erstere fesseln die Seele, letztere nur den Leib. Der also Seelen aus [ihren] Banden lösen kann, sollte seinen Leib nicht zu lösen vermögen? Der die Fesseln der Dämonen zerbricht, sollte Fesseln aus Eisen nicht lösen können? Der durch seine Kleider jene Gefangenen löst und von den Dämonen befreit, sollte nicht durch sich selbst sich selbst lösen können? Deshalb war er zuerst gefesselt und befreite dann die Gefesselten, damit du lernest, daß die Diener Christi, obzwar in Banden, eine weit größere Stärke besitzen als die anderen im Besitze der Freiheit. Hätte er im Zustande der Freiheit dieses bewerkstelligt, wäre es nicht so wunderbar gewesen. Die Fessel war also nicht ein Zeichen von Ohnmacht, sondern von größerer Kraft. Denn so zeigt sich die Stärke des Heiligen in herrlicherem Lichte, wenn er sogar als Gefesselter über die Freien Macht hat, wenn der Gefangene nicht bloß sich, sondern auch seine Mitgefangenen befreit. Was nützten da die Mauern? Was half es da, ihn ins innere Gefängnis zu werfen, da er auch das äußere erschloß?

Warum aber geschah es in der Nacht und unter Erdbeben? - Schenkt mir ein wenig Nachsicht und gestattet mir, da ich nun einmal von den Worten des Apostels abgekommen bin und mich an seinen Taten erfreut habe, daß ich an der Kette des hl. Paulus mich weide; laßt mich noch länger dabei verweilen! Ich habe diese Fessel ergriffen; niemand bringt mich davon ab. Sicherer bin ich jetzt durch meine Sehnsucht gefesselt, als er damals durch den Block. Diese Fessel löst niemand; stammt sie ja her von der Sehnsucht nach Christus. - Diese [Fessel] vermögen weder die Engel noch das Himmelreich zu lösen. Von Paulus selbst kann man das hören, wenn er sagt: "Weder Engel noch Fürstentümer noch Kräfte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Höhe noch Tiefe wird uns trennen können von der Liebe Christi"3 . Weshalb also geschah es mitten in der Nacht? Weshalb unter Erdbeben? Vernehmet Gottes Anordnung und staunet! Aller Banden wurden gelöst und die Türen geöffnet. Dieses aber geschah einzig wegen des Gefängniswärters, nicht zur Probe, sondern zum Heile. Denn daß die Gefangenen nicht um ihr Freisein wußten, geht aus den Worten des hl. Paulus hervor. Was sagt er? "Er rief aber mit lauter Stimme und sprach: Tu dir kein Leid an, denn wir sind alle hier!"4 . Es wären aber nicht mehr alle drinnen gewesen, wenn sie die Türen offen und sich selbst frei gesehen hätten. Menschen, welche in Ketten Wände und Dächer durchbrechen, über Mauern klettern und alles Mögliche wagen, hätten bei gesprengten Fesseln und geöffneten Türen, während der Gefängniswärter selbst schlief, es nicht über sich gebracht, drinnen zu bleiben. Allein statt der Bande von Eisen hielten die Bande des Schlafes sie fest; so daß einerseits das Ereignis eintreten konnte, anderseits aus dem Wunder dem Gefängniswärter, zu dessen Heile es bestimmt war, keine Strafe erwuchs. Auch sonst werden die Gefangenen besonders während der Nacht gefesselt, nicht am Tage. Man konnte sie also wiederum recht sorgfältig gebunden sehen - vom Schlafe. Hätte aber dieses Ereignis bei Tage stattgefunden, so wäre großer Lärm entstanden. - Weshalb nun wurde auch der Kerker erschüttert? Damit der Kerkermeister aufstehe, um Zeuge des Wunders zu sein. Denn er allein war des Heiles würdig.

1: Apg 16,26
2: ebd 16,29
3: Röm 8,38f.
4: Apg 16,28

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger