Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Achte Homilie [Kap. IV, Vers 1-2a]

2.

Wenn er dies nicht in allen Briefen hinzufügt, so darf das nicht befremden. Er war ja auch nicht immer in Gefangenschaft, sondern nur zu gewissen Zeiten. - Wünschenswerter ist es mir, zu leiden für Christus, als geehrt zu werden von Christus. Das ist eine große Ehre, das ist ein Ruhm, der alles übertrifft. Wenn er, der um meinetwillen Knecht wurde und sich der göttlichen Herrlichkeit entäußerte, seine größte Verherrlichung darin fand, sich für mich kreuzigen zu lassen, was sollte dann ich nicht leiden? Höre nämlich seine eigenen Worte: "Verherrliche du mich, Vater!"1 . - Was sagst du? Du willst dich ans Kreuz schlagen lassen mit Räubern und Leichenschändern, sollst den Tod fluchwürdiger Verbrecher erleiden, sollst angespien und gegeißelt werden, und das nennst du Herrlichkeit? - Ja, antwortet er: denn ich leide dies für jene, welche ich liebe, und finde jetzt darin meine Verherrlichung. - Wenn der, der die Elenden und Unglücklichen liebte, dies eine Verherrlichung nennt, wenn er nicht das Sitzen auf dem väterlichen Throne und die Teilnahme an seiner Herrlichkeit, sondern Schimpf und Schande als eine Verherrlichung ansieht und dieses jenem vorzieht: so muß um so viel mehr ich dies für eine Ehre halten. - O selige Fesseln! O selige Hände, die jene Kette geziert hat! Nicht so ehrwürdig waren des heiligen Paulus Hände, da sie den Lahmen in Lystra aufrichteten und gesund machten2 , als da sie von Banden umschlungen waren. Wenn ich zu jenen Zeiten gelebt hätte, ich würde sie auf das innigste umfaßt und auf meine Augen gelegt haben. Ich würde nicht aufgehört haben die Hände zu küssen, die gewürdigt worden waren, für meinen Herrn gebunden zu werden. Du wunderst dich über Paulus, daß die Natter sich um seine Hände ringelte, ohne ihm etwas zu tun?3 . Wundere dich nicht; sie hatte Ehrfurcht vor der Kette. Und auch das ganze Meer hatte Ehrfurcht davor; denn damals war er gefesselt4 .

Wenn man mir jetzt die Macht gäbe, Tote zu erwecken, so würde ich nicht dies wählen, sondern die Kette. Wäre ich frei von kirchlichen Sorgen und hätte einen rüstigen Körper, ich wäre nicht abgeneigt, eine so weite Reise zu unternehmen, nur um jene Ketten zu sehen und den Kerker, wo er gefangen lag. Es gibt zwar auch von seinen Wundern noch viele Spuren aller Orten, aber nach ihnen sehne ich mich nicht so sehr als nach den Merkmalen seiner Wunden. Auch bei der Lektüre der Hl. Schriften freut es mich nicht so fast, wenn er Wunder wirkt, als wenn er mißhandelt, gegeißelt und fortgeschleppt wird. Anstaunenswert in der Tat sind die Schweißtücher und Gürtel, durch welche die wunderbarsten Heilungen erfolgten5 ; aber dennoch läßt sich dies mit jenem nicht vergleichen. Nachdem sie ihn blutig geschlagen und ihm viele Streiche gegeben hatten, erzählt die Schrift, warfen sie ihn ins Gefängnis6 ; und wiederum: Die Gefangenen lobten Gott7 ; und wieder: sie steinigten ihn und schleppten ihn vor die Stadt hinaus, in der Meinung, er sei tot8 .

Wollt ihr wissen, was es Großes ist um eine eiserne Kette, die um Christi willen den Leib seiner Diener umschlingt? Höret die Worte Christi selbst: "Selig seid ihr." Wann? Etwa wenn ihr Tote erweckt? Nein. Oder wann? Wenn ihr Blinde heilt? Keineswegs. Ja wann denn? "Wenn die Menschen euch beschimpfen und verfolgen und alles Böse fälschlich gegen euch reden um meinetwillen"9 . Wenn aber schon Schlimmes zu hören so selig macht, welche Seligkeit muß es nicht erst bewirken, Schlimmes zu erleiden? Höre, was der heilige Paulus selbst an einer anderen Stelle sagt: "Im übrigen liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit"10 . Aber herrlicher noch als diese Krone ist die Fessel. Der Krone wird Gott mich würdigen, will er sagen, und grüble ich darüber nicht weiter nach. Ich finde vollen Ersatz in dem Bewußtsein, um Christi willen gelitten zu haben. Er verleihe mir nun, sagen zu können, "daß ich in meinem Fleische ergänze, was an den Leiden Christi noch mangelt"11 , und ich verlange nichts weiter.

Auch Petrus wurde dieser Kette gewürdigt. Er war, so lesen wir, gefesselt und den Soldaten übergeben, und schlief12 . So groß war seine Freude und so gering sein Schmerz, daß er sogar schlief. Er wäre gewiß nicht in tiefen Schlaf versunken, wenn ihn große Sorge gequält hätte. Er schlief zwischen Soldaten; da kam, zu ihm ein Engel und weckte ihn durch den Stoß in die Seite. Wenn nun jemand zu mir sagte: Was hättest du vorgezogen, der Engel zu sein, der Petrus anstieß, oder Petrus, der gerettet wurde? Ich wäre lieber Petrus gewesen, um dessen willen der Engel kam. Jene Ketten wären meine Wonne. - Aber warum, fragt man, betet er denn, als wäre er von einem großen Unglück befreit worden? Das darf dich nicht befremden. Er betete nämlich, weil er fürchtet, sterben zu müssen. Das Sterben aber fürchtet er, weil er will, daß das Leben ihm noch weitere Gelegenheit zum Leiden gebe. Höre z. B., was auch der heilige Paulus sagt: "Aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein, wäre um vieles besser; im Fleische zu bleiben aber ist notwendiger um euretwillen13 . Dies nennt er sogar eine Gnade, indem er schreibt: "Denn euch ist von Christus die Gnade verliehen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden"14 . Dieses steht also höher als jenes; denn er hat es als Gnade verliehen. Wirklich ist es die größte Gnade, größer als alle anderen Gnaden, als der Sonne und dem Monde Stillstand zu gebieten und das Weltgebäude in Bewegung zu setzen. Dies ist größer, als die Dämonen zu bezwingen und auszutreiben. Jene schmerzt es nicht so, wenn sie durch unseren Glauben ausgetrieben werden, als wenn sie uns um Christi willen leiden und in Banden sehen; denn dies steigert [unsere] Zuversicht. Nicht deshalb ist es schön, gefesselt zu sein um Christi willen, weil diese Tat das Himmelreich verdient, sondern weil sie um Christi willen geschieht. Nicht deshalb preise ich die Ketten selig, weil sie in den Himmel führen, sondern weil sie um des Herrn des Himmels willen getragen werden.

1: Joh 17,5
2: Apg 14,7-9
3: Apg 28,3 ff.
4: Apg 27
5: Apg 19,12
6: ebd 16,23
7: ebd 16,25
8: ebd 14,18
9: Mt 5,11
10: 2 Tim 4,8
11: Kol 1,24
12: Apg 12,6 ff
13: Phil 1,23 f.
14: ebd 1,29

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Erste Homilie [Kap. ...
. Zweite Homilie [Kap. ...
. Dritte Homilie [Kap. ...
. Vierte Homilie [Kap. ...
. Fünfte Homilie [Kap. ...
. Sechste Homilie [Kap. ...
. Siebente Homilie [Kap. ...
. Achte Homilie [Kap. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. Neunte Homilie [Kap. ...
. Zehnte Homilie [Kap. ...
. Elfte Homilie [Kap. ...
. Zwölfte Homilie [Kap. ...
. Dreizehnte Homilie ...
. Vierzehnte Homilie ...
. Fünfzehnte Homilie ...
. Sechzehnte Homilie ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger