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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Siebente Homilie [Kap. III, Vers 8-21]

4.

Aber dennoch ging Moses nachher, als er von Gott gesandt wurde, zu den Unerkenntlichen, zu den Undankbaren und weigerte sich nicht. Auch nach jenen Zeichen und Wundern, die durch ihn geschehen waren, trachteten sie wiederholt, ihn zu steinigen - doch entkam er ihren Händen - und murrten fortwährend [gegen ihn]. Aber dennoch liebte er sie so glühend, daß er, als sie jene schwere Sünde begangen hatten, zu Gott sprach: "Wenn du ihnen die Sünde vergeben kannst, so vergib! Wenn nicht, so tilge auch mich aus dem Buche, das du geschrieben"1 . Lieber will ich mit ihnen zugrunde gehen, meint er, als ohne sie gerettet werden. In der Tat eine große Liebe, eine Liebe, die an Wahnsinn grenzt! - Was sagst du? Den Himmel verachtest du? Ja, antwortet er; denn ich liebe meine Beleidiger. - Aus dem Buche des Lebens verlangst du ausgelöscht zu werden? Ja, was will ich tun, gibt er zur Antwort; die Liebe treibt mich dazu. - Und wie hat er es später gemacht? Höre, was die Schrift an einer anderen Stelle sagt: "Und Moses ging es übel um ihretwillen"2 . Wie oft haben sie ihn geschmäht! Wie oft ihm und seinem Bruder den Gehorsam gekündigt! Wie oft nach Ägypten zurückzukehren versucht! Und nach all dem erglühte er in leidenschaftlicher Liebe für sie und war bereit, für sie zu leiden. - So muß man die Feinde lieben: obwohl geschlagen und gequält, doch alles tuend und zu allem bereit, ihr Heil begehrend. Wie? Sage mir, hat nicht Paulus sogar verlangt, statt ihrer in die Hölle zu kommen? - Doch an dem Herrn selbst müssen wir uns ein Beispiel nehmen. Wie er selber mit den Worten: "Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute"3 , seinen Vater als Beispiel hinstellt, so wollen wir es mit Christus tun. Er kam zu ihnen [den Juden] dem Heilsplane gemäß, ward um ihretwillen ein Knecht, erniedrigte sich, entäußerte sich, nahm Knechtsgestalt an4 ; und als er erschienen war, ging er nicht selbst auf den Weg zu den Heiden, und auch seinen Jüngern verbot er dies5 ; damit nicht genug, zog er sogar umher und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen. Und was war die Folge?

Alle anderen staunten und wunderten sich und sprachen: Woher hat dieser solche Macht? Sie aber, denen er solche Wohltaten erwies, sagten: Er hat einen Teufel, er lästert Gott, er ist ein Wahnsinniger, ein Betrüger. Hat er sie darum verworfen? Mitnichten; vielmehr spendete er trotz dieser Nachreden noch größere Wohltaten und begab sich zu ihnen, die ihn kreuzigen sollten, nur um sie zu retten. Und als er ans Kreuz geschlagen war, was spricht er: "Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!"6 . Vorher und nachher wurde er von ihnen mißhandelt, aber bis zum letzten Atemzuge tat er alles für sie und betete für sie. Und was hat er nach der Kreuzigung nicht alles für sie getan? Hat er nicht seine Apostel gesendet? Hat er nicht Wunder gewirkt? Hat er nicht alles Mögliche in Bewegung gesetzt?

So muß man die Feinde lieben, so Christus nachahmen. Also hat Paulus getan; er ließ sich steinigen, er litt Unsägliches, - alles ihretwegen. Höre seine eigenen Worte: "Mein Herzenswunsch und mein Gebet ergeht für sie zum Heile"7 . Und wiederum: "Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie Eifer für Gott haben"8 . Und wiederum: "Wenn du als wilder Ölzweig eingepfropft wurdest, um wieviel leichter werden diese auf ihren eigenen Ölbaum gepfropft werden?"9 . Welch große Zärtlichkeit, glaubst du wohl, verraten diese Worte? Welch große Zuneigung? Es ist unmöglich, dies auszusprechen, ganz unmöglich! So muß man die Feinde lieben. Dadurch liebt man Gott, der dies geboten, der dies als Gesetz aufgestellt hat. Den Feind lieben, heißt ihn nachahmen. Bedenke, daß du [damit] nicht dem Feinde eine Wohltat erweisest, sondern dir selber, nicht ihn liebst, sondern Gott gehorchst. Davon durchdrungen laßt uns denn die Liebe zueinander befestigen, damit wir durch gewissenhafte Beobachtung derselben teilhaftig werden mögen der verheißenen Güter in Christus Jesus, unserm Herrn, mit welchem, dem, Vater gleichwie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: Ex 32,31 f.
2: Ps 105,32
3: Mt 5,45
4: vgl. Phil 2,5 ff
5: Mt 10,5
6: Lk 23,34
7: Röm 10,1
8: ebd 10,2
9: ebd 11,17.24

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger