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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Siebente Homilie [Kap. III, Vers 8-21]

3.

Es ist also kein Zeichen von Gottverlassenheit, wenn wir Drangsale zu erleiden haben. Denn er, der so Großes an uns getan, kann uns unmöglich verlassen. Bedarf aber ein Paulus, um die Liebe Gottes zu erkennen, des Gebetes und der Einpflanzung des Hl. Geistes, wer wird dann das Wesen Christi durch Vernunftschlüsse zu ergründen vermögen? Ja, was soll es denn für Schwierigkeiten haben, zu erkennen, daß Gott uns liebt? Sehr große Schwierigkeiten sogar, mein Lieber. Die einen nämlich erkennen dies überhaupt nicht, daher ihre Behauptung, daß es unendlich viel Unheil in der Welt gebe; die andern aber erkennen nicht, wie sehr [Gott uns liebt]. Paulus untersucht nicht das Wie sehr - er will nicht messen, denn wie wäre das möglich? -, sondern daß es etwas überaus Großes ist, diese [Liebe Gottes zu uns] kennenzulernen; und er versichert, daß er dies aus der Erkenntnis zu beweisen vermöge, deren wir gewürdigt worden sind. Fürwahr auch, was geht über das Gestärktwerden hinaus? Das Gestärktwerden "mit Kraft". Geradeso wie es weit mehr ist, Christus im eigenen Innern als ihn einfachhin zu haben. Groß ist, um was ich gebeten, sagt der Apostel; allein Gott weiß noch darüber hinaus zu wirken, so daß wir ihn nicht bloß überhaupt lieben, sondern es auch in hohem Maße tun. - Trachten wir also, Geliebte, die Liebe Gottes kennenzulernen! Dies ist etwas Großes, nichts frommt uns so, nichts weckt so reumütige Gesinnung; mehr als die Furcht vor der Hölle ist dies geeignet, unsere Seele zu ergreifen. -

Woraus nun werden wir sie erkennen? Einerseits aus dem Gesagten, anderseits aus dem, was tagtäglich geschieht. Warum ist diese Welt ins Dasein getreten? Inwiefern bedurfte Gott ihrer? In gar keiner Weise. Für alles im Himmel und auf Erden gibt er als Grund die Liebe an. Ganz besonders aber ist es diese Liebe, wenn die Menschen Wohltaten genießen ohne jedes vorausgehende Verdienst von ihrer Seite. Ihn also wollen auch wir nachahmen, den Feinden Gutes tun, denen zugetan sein, die uns hassen und verabscheuen! Dies macht uns Gott ähnlich. Denn wenn du nur deinen Freund liebst, sagt Christus, welchen Lohn wirst du da haben? Dieses tun auch die Heiden1 . Was dagegen ist das Kennzeichen der Liebe? Wenn wir diejenigen lieben, die uns hassen. Ich will ein Beispiel anführen. Verzeiht mir, wenn ich es aus dem Leben der Weltleute hernehme, da ich im geistlichen Leben keines finde. Seht ihr nicht die Buhler der Straße? Wieviel Übermut, wieviel Hinterlist, wieviel Schaden müssen sie sich von den Buhldirnen gefallen lassen! Und doch halten sie an ihnen fest wie angenagelt und erglühen für sie nur um so heftiger und lieben sie mehr als ihr Leben und halten ganze Nächte durch vor ihren Türen aus. An ihnen wollen wir uns ein Beispiel nehmen, nicht solche Dirnen, sondern unsere Feinde so zu lieben. Denn sage mir, behandeln diese Buhlerinnen ihre Anbeter nicht übermütiger als alle Feinde? Verschwenden sie nicht ihr Vermögen? Schleudern sie ihnen nicht die gröbsten Schmähungen ins Gesicht? Muten sie ihnen nicht niedrigere Sklavendienste zu als ihrer Dienerschaft? Trotzdem aber lassen jene nicht von ihnen ab. Und doch hat niemand einen Feind, der ihm so mitspielte wie die Geliebte ihrem Liebhaber. Sie tut spröde, spannt ihn auf die Folter, hintergeht ihn oftmals; und je mehr sie von ihm geliebt wird, desto geringschätziger behandelt sie ihn. Fürwahr, kann es etwas Gefühlloseres geben als ein so geartetes Herz? Trotzdem beharren jene in ihrer Liebe. - Vielleicht indes können wir auch im geistlichen Leben eine solche Liebe finden, freilich nicht bei den jetzt Lebenden, denn da ist sie erkaltet, aber bei jenen großen und wunderbaren Männern der Vorzeit.

Der selige Moses übertraf sogar die in sinnlicher Liebe Entbrannten. Inwiefern und auf welche Weise? Fürs erste verzichtete er auf den Königspalast und auf das Wohlleben daselbst, die Bequemlichkeit und den Glanz und zog es vor, bei den Israeliten zu sein. Sicherlich würde ein anderer nicht nur das nicht getan, sondern sich sogar geschämt haben, wenn man ihm vorgeworfen hätte, daß er ein Verwandter von Sklaven, ja von Leuten sei, die für unrein galten. Er aber, statt sich der Verwandtschaft zu schämen, trat mutvoll für die ein und stürzte sich für sie in Gefahren. Wie? Als er sah, erzählt die Schrift, daß einer einen Mann mißhandelte, kam er dem Mißhandelten zu Hilfe und tötete den Angreifer. Doch tat er dies noch nicht für Feinde; wohl war auch es schon etwas Großes, aber lange nicht so groß wie das, was er nachher getan. Am folgenden Tage nämlich sah er das gleiche sich zutragen, und da er in dem Angreifer denjenigen erkannte, welchem er geholfen hatte, ermahnte er ihn, von der Mißhandlung abzulassen. Dieser aber entgegnete mit großer Undankbarkeit: "Wer hat dich zum Fürsten und Richter über uns gesetzt?"2 . Wen hätte eine solche Sprache nicht erbittert? Hätte er das erstemal aus Zorn und Wut gehandelt, so würde er auch diesen totgeschlagen haben. Denn sicherlich hätte jener, für den dies geschah, ihn nicht angezeigt. - Weil sie verwandt waren, führte der Mensch eine solche Sprache. Als er mißhandelt wurde, ließ er nichts Derartiges verlauten: "Wer hat dich zum Fürsten und Richter über uns gesetzt?" Warum hast du das nicht gestern gesagt? Deine Ungerechtigkeit und Grausamkeit, entgegnet er, hat mich zum Fürsten und Richter gesetzt. - Nun sieh, auch gegen Gott führen manche Leute eine solche Sprache. Müssen sie nämlich Unrecht leiden, so wollen sie, daß er sogleich dreinfahre, und beklagen sich über seine Langmut; wenn sie aber Unrecht tun , dann nicht mehr. - Was war verletzender als diese Worte?

1: vgl. Mt 5,46
2: Ex 2,14

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger