Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Fünfte Homilie [Kap. II, Vers 11-16]

1.

Vers 11: "Darum seid eingedenk, daß ihr, die ihr einst Heiden waret dem Fleische nach, die ihr Vorhaut genannt wurdet von der Beschneidung, d. h. jenen, an welchen die Beschneidung im Fleische mit Händen vollzogen ward,

V.12: daß ihr in jener Zeit ohne Christus lebtet, ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit Israel und ohne Anteil an dem Bunde der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt."

Viele Gnaden bekunden die Menschenfreundlichkeit Gottes zu uns. Erstens, daß er uns aus eigenem Antriebe gerettet hat, und zwar auf so großartige Weise; zweitens, daß er uns aus so traurigem Zustande gerettet hat; drittens, daß er uns so hocherhoben hat. Denn jeder dieser Punkte, auch für sich allein betrachtet, enthält den größten Beweis seiner Menschenfreundlichkeit. Und nun faßt Paulus sie alle in seinem Briefe zusammen. Er hatte gesagt, daß Gott uns, die wir durch die Übertretungen tot und Kinder des Zornes waren, gerettet habe. Jetzt erklärt er, wem er uns gleichgestellt hat. Daher seine Mahnung: "Seid eingedenk!" Denn wir alle haben die Gewohnheit, wenn wir aus tiefer Niedrigkeit zu hohem Ansehen oder auch nur zu einer etwas höheren Ehrenstufe emporsteigen, uns in dem neuen Glanze zu sonnen, ohne der früheren Verhältnisse mehr zu gedenken. Deshalb die Mahnung: "Darum seid eingedenk!" "Darum". Warum? Weil wir geschaffen sind zu guten Werken. Dies ist genügende Veranlassung für uns, daß wir uns der Tugend befleißigen. "Seid eingedenk!" Denn dieses Gedenken reicht hin, um uns gegen den Wohltäter erkenntlich zu machen. "...daß ihr, die ihr einst Heiden waret .." Beachte, wie er die Vorzüge des Judentums herabsetzt und die Nachteile des Heidentums, die in Wirklichkeit keine Nachteile waren, bewundert! Er richtet sich bei der Belehrung beider Teile nach deren Sitte und Lebensweise. "Die ihr Vorhaut genannt wurdet." Die Auszeichnung bestand nur in Worten, der Vorzug betraf nur das Fleisch; denn "die Vorhaut ist nichts und die Beschneidung ist nichts"1 . "Von der Beschneidung", fährt er fort, "d. h. von jenen, an welchen die Beschneidung im Fleische mit den Händen vollzogen ward, daß ihr in jener Zeit ohne Christus waret, ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit Israel und ohne Anteil an dem Bunde der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt." Ihr, sagt er, die ihr von den Juden so genannt wurdet. Warum in aller Welt aber setzt er auch hier, wo er die Gemeinschaft mit Israel als eine ihnen zuteil gewordene Wohltat dartun will, den Vorzug der Israeliten herab?. Er setzte ihn nicht herab, sondern erhob ihn vielmehr, soweit er von Notwendigkeit war; dagegen setzte er ihn herab, soweit sie [die Heiden] daran keinen Anteil zu haben brauchten. Im weiteren Verlaufe sagt er nämlich: "Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes"2 . Beachte, wie er nicht herabsetzt! Diese Äußerlichkeiten, sagt er, sind belanglos. Glaubet nicht, sagt er, daß es einen wesentlichen Unterschied ausmacht, weil ihr der Beschneidung nicht teilhaftig, sondern in der Vorhaut seid.

Das vielmehr war das Schlimme, daß sie ohne Christus waren, ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit Israel - denn dieser Umstand schloß sie von der Gemeinschaft aus -, fremd dem Bunde der Verheißung, ohne Hoffnung auf die Zukunft, ohne Gott in dieser Welt: all das war das Los der Heiden. - Nachdem der Apostel vorher von den himmlischen Dingen gesprochen, spricht er nun auch von den irdischen, weil die Juden eine hohe Meinung davon hatten. So läßt auch Christus, wo er seine Jünger tröstet, auf den Ausspruch: "Selig die, welche Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich", die Worte folgen: "Denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch gewesen sind"3 . Das steht zwar an Bedeutung zurück; aber als bekanntes, naheliegendes Beispiel zum Zwecke der Überzeugung ist es wichtig und treffend und von schlagender Beweiskraft. Dieselbe Bewandtnis hat es mit jener Gemeinschaft. - Er sagt nicht: "getrennt"4 , sondern: "ausgeschlossen"5 von der Gemeinschaft; er sagt nicht: "nicht teilnehmend"6 , sondern: "nicht teilhabend7 und fremd." Groß ist der Nachdruck, der in diesen Worten liegt, um die Größe der Trennung zu bezeichnen. Denn es gab auch Israeliten, welche außerhalb jener Gemeinschaft standen, aber nicht weil sie ausgeschlossen8 , sondern weil sie nachlässig waren; sie gingen des Bundes verlustig, aber nicht als Fremdlinge. - Welches aber war der "Bund der Verheißung"? "Dir und deinem Samen", spricht er, " will ich dieses Land geben"9 , und wie die Verheißungen Gottes noch weiter lauten. - Der Apostel sagt: "ohne Hoffnung und ohne Gott". Sie beteten allerdings Götter an, aber diese existierten nicht; denn "ein Götze ist nichts"10 .

V.13: "Jetzt aber in Christus seid ihr, die ihr einst fern waret, nahe gebracht worden durch das Blut Christi.

V.14: denn er ist unser Friede, der beide Teile vereint und die Scheidewand der Verzäunung niedergerissen hat, V.15: " die Feindschaft in seinem Fleische."

Das also ist das Große, höre ich fragen, daß wir in die Gemeinschaft der Juden gekommen sind? Was redest du da? Vorher hieß es: Er hat alles, was im Himmel und auf Erden ist, erneuert, und jetzt sprichst du [immer nur] von Israeliten? Ja, lautet die Antwort. Jenes nämlich muß man durch den Glauben erfassen, dieses aber auch durch die Werke selbst. "Jetzt aber", heißt es, "in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst ferne waret, nahe gebracht worden" zu der Gemeinschaft. Denn das Ferne- und Nahesein hängt einzig vom freien Willen ab. - "Denn er ist unser Friede, der beide Teile vereint hat."

1: vgl.1 Kor 7,19
2: Eph 2,19
3: Mt 5,10.12
4: κεχωρισμένοι
5: ἀπηλλοτριωμένοι
6: οὐ πρσέχοντες
7: οὐδὲ μετέχοντες
8: allotrioi
9: Gen 12,7
10: vgl. 1 Kor 8,4

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Erste Homilie [Kap. ...
. Zweite Homilie [Kap. ...
. Dritte Homilie [Kap. ...
. Vierte Homilie [Kap. ...
. Fünfte Homilie [Kap. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. Sechste Homilie [Kap. ...
. Siebente Homilie [Kap. ...
. Achte Homilie [Kap. ...
. Neunte Homilie [Kap. ...
. Zehnte Homilie [Kap. ...
. Elfte Homilie [Kap. ...
. Zwölfte Homilie [Kap. ...
. Dreizehnte Homilie ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger