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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Fünfte Homilie [Kap. II, Vers 11-16]

4.

Erwäge die Größe der Bosheit, wenn wir, nachdem Gott so viel getan, uns zu versöhnen, und das Werk zu Ende gebracht, nun wieder zur Feindschaft zurückkehren! Auf diese folgt kein Taufbad mehr, sondern die Hölle; keine Nachlassung mehr, sondern strenges Gericht. Das Sinnen des Fleisches geht auf Wollust und Üppigkeit; das Sinnen des Fleisches geht auf Habsucht und jegliche Sünde. - Warum heißt es "Sinnen des Fleisches"? Dieses kann doch nichts tun ohne die Seele? Nicht um das Fleisch herabzusetzen, gebraucht er diesen Ausdruck. Denn auch wenn er sagt "seelischer Mensch"1 , will er damit nicht die Seele herabsetzen, sondern [nur erklären], daß weder der Leib noch die Seele für sich allein, ohne Anregung von oben, imstande sind, etwas Edles und Großes zu leisten. Aus diesem Grunde nennt er seelisch das, was die Seele für sich allein wirkt, und fleischlich das, was der Leib für sich allein wirkt. Dieses aber schlägt zum Verderben aus, nicht weil es Natur ist, sondern weil es nicht von der Seele beherrscht wird. Denn auch die Augen, so schön sie sein mögen, verursachen doch ohne Licht zahllose Übel; daran aber trägt ihre Schwäche die Schuld, nicht die Natur. Wären [jene] Übel in der Natur begründet, so könnten wir die Augen niemals gehörig gebrauchen. Was Natur ist, ist kein Übel. - Was ist also unter fleischlichen Gesinnungen zu verstehen? - Die Sünden.

Wenn sich nämlich das Fleisch über seinen Lenker erhebt und die Oberhand gewinnt, so erzeugt es unendlich viel Unheil. Denn der Vorzug des Fleisches liegt in der Unterordnung unter die Seele; sein Verderben in der Herrschaft über die Seele. - Wie die Schönheit und der edle Gang des Pferdes erst durch seinen Lenker recht hervortritt, so wird auch das Fleisch nur dann trefflich sein, wenn wir ihm die Lust zu Seitensprüngen benehmen. Aber auch der Lenker bewährt sich nicht ohne Geschicklichkeit; denn ohne dieselbe begeht er Fehler, noch schlimmer als jene. Daher muß überall der Geist dabei sein; sein Besitzt verleiht dem Lenker größere Kraft, gibt der Seele und dem Leibe Wohlgestalt. Denn gleichwie die Seele, solange sie dem Körper innewohnt, die Schönheit desselben offenbart; wenn sie ihn aber ihrer belebenden Wirkung beraubt und verläßt, häßliche Verunstaltung eintritt, indem alle Teile des Körpers schleunig der Zersetzung und Auflösung entgegeneilen, wie wenn ein Maler die Farben durcheinander mengt: so tritt eine noch schlimmere und größere Verunstaltung ein, wenn der Geist den Leib und die Seele verläßt. - Schmähe also nicht den Leib, weil er geringer ist als die Seele; denn ich ertrage es auch nicht, daß man die Seele schmähe, weil sie nichts ohne den Geist vermag. Wenn man aber gegen sie eifern wollte, so verdient die Seele den schwereren Vorwurf. Denn der Leib kann ohne die Seele nichts Schlimmes tun, wohl aber die Seele vieles ohne den Leib. Selbst während dieser hinsiecht und keine Seitensprünge mehr machen kann, begeht jene viele Sünden; diese sind es, die gleich jenen bekannten Gauklern, Magiern, Schwatzkünstlern und Zauberern den Leib zumeist dem Siechtum anheimgeben. Übrigens geht selbst die Üppigkeit nicht aus einem zwingenden Bedürfnisse des Leibes hervor, sondern aus Unachtsamkeit der Seele. Denn nur die Nahrung, nicht aber die Üppigkeit2 ist zwingendes Bedürfnis des Leibes. Ich darf mich nur dazu entschließen, den Zügel scharf anzuziehen, dann kann ich das Roß bändigen.

Der Leib aber ist nicht imstande, die Seele in ihren Sünden zu hemmen. - Weshalb also nennt der Apostel dies das "Sinnen des Fleisches?" Weil es ganz und gar vom Fleische kommt. Wenn dieses nämlich die Oberhand gewonnen hat, wenn es der Seele die Besinnung und die Herrschaft geraubt hat, dann sündige es. Also liegt der Vorzug des Leibes darin, daß er sich der Seele fügt; denn an sich ist er weder gut noch böse. Was kann dann der Leib für sich allein tun? Demnach ist der Leib nur durch die Verbindung [mit der Seele] gut, gut wegen der Unterordnung; an sich ist er weder gut noch böse, zum einen wie zum andern dienlich, zu beiden geneigt. Der Körper begehrt nur nach geschlechtlicher Vermischung, nicht aber nach Unzucht oder Ehebruch. Der Körper begehrt nur nach Nahrung, nicht aber nach Üppigkeit, nur nach Trank, nicht aber nach Trunkenheit. Daß es nicht die Trunkenheit ist, wonach der Leib verlangt, magst du daraus ersehen, daß er seine feste Haltung verliert, wenn du das Maß überschreitest und über die dem Körper gezogene Grenze hinausgehst. Alles andere gehört der Seele an, z. B. wenn sie in fleischliche Begierden versinkt, wenn sie träge und stumpf wird.

Denn wenn auch der Leib gut ist, so steht er doch tief unter der Seele. Wie das Blei weniger wert ist als das Gold, aber dennoch [von diesem] als Bindemittel benötigt wird, so benötigt auch die Seele des Körpers. Oder wie das edelgeborene Kind des Erziehers bedarf, so bedarf auch die Seele des Körpers. Wundere dich nicht, daß ich solche Beispiele anführe. Wie wir nämlich, wenn wir von Kindereien sprechen, damit nicht das Kindesalter schmähen, sondern die Kinderstreiche, so verhält es sich auch mit dem Körper. - Indes steht es bei uns, nicht im Fleische zu sein, wenn wir nur wollen, auch nicht auf der Erde, sondern im Himmel und im Geiste. Denn der Ausdruck "irgendwo sein" wird nicht so fast von dem Stande im Raum als von dem Zustande gebraucht. Wir sagen z. B. häufig von Leuten, die irgendwo anwesend sind, sie seien nicht da, indem wir die Phrase gebrauchen: "Da warst nicht hier." Doch was sage ich? Oft behaupten wir: Du bist nicht bei dir", "ich bin nicht bei mir", obwohl es keine größere körperliche Nähe geben kann, als wenn einer sich selbst nahe ist. Trotzdem aber sagen wir, er sei nicht bei sich. - Lasset uns also bei uns selbst sein, im Himmel, im Geiste! Lasset uns bleiben im Frieden und in der Gnade Gottes, damit wir von allem, was fleischlich ist, befreit, in den Stand gesetzt werden, die verheißenen Güter zu erlangen in Christus Jesus unserem Herrn, mit welchem dem Vater sowie dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: 1 Kor 2,14
2: τροφή und τρυφή

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger