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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Fünfte Homilie [Kap. II, Vers 11-16]

2.

Was heißt: "beide Teile vereint"? Der Apostel will nicht sagen, daß er uns zu dem Adel jener, sondern daß er uns und jene zu einem höheren Adel erhoben hat; nur ist die Wohltat, die er uns erwiesen hat, größer. Jenen nämlich war sie verheißen, und sie standen ihr näher, uns dagegen war sie nicht verheißen, und wir standen ihr ferner. Deshalb sagt er [an anderer Stelle]: "Die Heiden aber preisen Gott um seiner Barmherzigkeit willen"1 . Den Israeliten hatte er die Verheißung gegeben, aber sie waren [derselben] unwürdig; uns dagegen hatte er nichts verheißen, sondern wir waren sogar Fremdlinge. Ohne daß wir mit ihnen etwas gemein hatten, machte er uns eins, nicht indem er uns mit jenen verband, sondern indem er jene und uns zu einer [höheren] Einheit zusammenfaßte. - Ich will ein Beispiel anführen. Nehmen wir an, es seien zwei Statuen, die eine aus Silber, die andere aus Blei; beide werden nun zusammengeschmolzen, und es gehen daraus zwei goldene Statuen hervor. Sieh, das heißt aus zwei eins machen. - Oder ein anderes Beispiel. Denken wir uns einen Sklaven und ein angenommenes Kind.

Beide haben sich gegen denselben Herrn schwer verfehlt. Das Kind, indem es sich vom Vater lossagte, der Sklave, indem er entlief, ohne den Vater nur zu kennen. Nun werden beide Erben und ebenbürtige Kinder. Sieh, sie sind zu ein und derselben Würde erhoben worden; die zwei sind eins geworden, der Fern- und der Nahestehende, und sind jetzt einander ebenbürtiger als früher vor dem Fehltritte. - "...und die Scheidewand der Verzäunung niedergerissen hat", heißt es weiter. Welcher Art die Scheidewand ist, erklärt er durch die Worte: " die Feindschaft in seinem Fleische, indem er das Gesetz der Gebote durch Satzungen abschaffte". Einige behaupten: Das Gesetz ist die Scheidewand; der Apostel hat das Gesetz deshalb so genannt, weil es den Juden die Vermischung mit den Heiden verbot. Ich bin nicht dieser Ansicht. Paulus bezeichnet vielmehr "die Feindschaft im Fleische" als Scheidewand, weil sie als gemeinsame Zwischenwand uns von Gott trennte, nach dem Worte des Propheten: "Scheiden nicht eure Missetaten zwischen euch und mir?"2 . Ganz natürlich; denn einer Scheidewand glich die Feindschaft, welche Gott gegen Juden wie gegen Heiden hegte. Durch die Existenz des Gesetzes aber wurde sie nicht nur nicht aufgehoben, sondern im Gegenteile vergrößert. "Denn das Gesetz wirkt Zorn"3 , sagt der Apostel. Wie er nun an jener Stelle mit den Worten: "Das Gesetz wirkt Zorn", nicht diesem alles zuschreibt, sondern in Gedanken ergänzt: "weil wir es übertreten haben", so nennt er es auch an unserer Stelle [nur insoweit] eine Scheidewand, weil dessen Nichtbeachtung Feindschaft stiftete. - Eine "Verzäunung" war das Gesetz; zu einer solchen wurde es aber, weil es Sicherheit bot. Deshalb hieß es ja "Verzäunung", damit es rings umzäune. Höre wiederum, was der Prophet sagt: "Und eine Verzäunung habe ich um ihn angelegt"4 ; und anderswo: "Du hast seine Verzäunung niedergerissen, und es plündern ihn alle, die der Weg an ihm vorüberführt"5 . Er versteht also darunter die Sicherheit . Und abermals: "Niederreißen will ich seine Verzäunung, daß er zertreten werde"6 . Und ferner: "Ein Gesetz gab er zu seinem Schutze"7 . Und weiterhin: "Der Herr liebt Barmherzigkeit und schafft Recht; Israel hat er kundgetan seine Satzungen"8 . Zur Scheidewand aber ist es geworden, da es sie nicht mehr sicherstellte, sondern von Gott trennte. So ist aus der Verzäunung die Scheidewand entstanden. Welcher Art aber ist diese? "Die Feindschaft in seinem Fleische." "...indem er das Gesetz der Gebote durch Satzungen abschaffte." Wie? Dadurch, daß er durch seinen Opfertod9 jene Feindschaft aufhob. Aber nicht allein dadurch, sondern auch durch die [getreue] Beobachtung des Gesetzes. - Was aber hülfe es, wenn wir zwar von der früheren Übertretung des Gesetzes frei, aber doch wieder gezwungen wären, es zu beobachten? Das liefe auf dasselbe hinaus. Allein er hat auch das Gesetz aufgehoben. Denn der Apostel sagt: "Indem er das Gesetz der Gebote durch Satzungen abschaffte."

O welche Menschenfreundlichkeit! Er gab uns das Gesetz, damit wir es beobachten sollten; da wir es aber nicht beobachteten, so hob er, statt uns verdientermaßen zu strafen, sogar das Gesetz auf: so als wenn jemand einen Knaben dem Erzieher übergäbe und dann, weil er nicht gehorcht, ihn von der Leitung desselben frei machte und wegnähme. Von welch großer Menschenfreundlichkeit zeugt das! - Was heißt: "durch Satzungen abschaffte"? Paulus macht nämlich hier einen großen Unterschied zwischen Gebot10 und Satzungen11 . Entweder er versteht darunter den Glauben, indem er ihn als eine Satzung12 bezeichnet - denn durch den Glauben allein hat uns Gott gerettet -, oder aber die Lehre13 , da Christus gesprochen: "Ich aber sage euch, ihr sollt überhaupt nicht zürnen"14 . Mehr doch wohl den Glauben; denn: "Wenn du glaubst, daß Gott ihn von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig werden"15 . Und wiederum: "Nahe ist dir das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen"16 .

1: Röm 15,9
2: Is 59,2
3: Röm 4,15
4: vgl. Is 5,2
5: Ps 79,13
6: Is 5,5
7: vgl. Ps 77,5
8: Ps 102,6 f.
9: Lies: σφαγεὶς statt des überlieferten σφραγίσας
10: ἐντολῆς
11: δογμάτον
12: δόγμα
13: παραγγελία
14: Mt 5,22
15: Röm 10,9
16: Röm 10,8

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger