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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )

Vierte Homilie [Kap. II, Vers 1-10]

1.

Vers 1: "Auch euch, die ihr tot waret durch eure Übertretungen und Sünden, V.2: in denen ihr einst gewandelt seid nach dem Geiste dieser Welt, nach dem [Willen des] Fürsten im Reiche der Luft, des [Luft-]Geistes, der noch jetzt unter den Söhnen des Unglaubens wirksam ist, V.3: unter welchen auch wir alle einst wandelten in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und des Herzens vollzogen, und von Natur Kinder des Zornes waren, wie auch die übrigen..."

Es gibt ein leibliches Totsein und es gibt auch ein geistiges. Jenem zu verfallen, ist weder strafbar noch gefährlich; denn es liegt in der Natur begründet und hängt nicht vom freien Willen ab. Es stammt nämlich zwar von der Übertretung des ersten Menschen her, hat sich aber in der Folge zu einer Naturnotwendigkeit gestaltet und wird ohnehin schnell wieder aufgehoben. Dieses Totsein dagegen, das geistige, hängt vom freien Willen ab, zieht Schuld nach sich und wird nicht aufgehoben. Betrachte nun, wie Paulus das, was er bereits früher als etwas sehr Großes nachgewiesen hat, auch jetzt wieder als etwas Großes hinstellt: Daß es nämlich etwas viel Größeres sei, eine verstorbene Seele zu heilen, als [leiblich] Tote aufzuerwecken. "Auch euch", sagt er, "die ihr tot waret durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr einst gewandelt seid nach dem Geist dieser Welt, nach dem [Willen des] Fürsten im Reiche der Luft, des [Luft-]Geistes, der noch jetzt wirksam ist in den Söhnen des Unglaubens." Siehst du, wie mild Paulus zu Werke geht, und wie er überall den Zuhörer aufrichtet, statt ihn zu entmutigen? Er hatte nämlich gesagt: Ihr waret bis an die äußerste Grenze des Bösen geraten; denn das ist unter dem Totgewesensein zu verstehen. Um sie nun nicht völlig zu entmutigen - denn die Menschen schämen sich bei Veröffentlichung ihrer früheren Fehler, selbst wenn dieselben bereits getilgt sind und es keine Gefahr mehr bedeutet -, gibt er ihnen, damit man nicht glaube, sie allein trügen die Schuld, einen Mitschuldigen, und zwar einen mächtigen Mitschuldigen. Und wer ist dieser? Der Teufel. So macht er es auch im Briefe an die Korinther. Nachdem er nämlich gesagt: "Täuschet euch nicht; weder Unzüchtige noch Götzendiener usw. werden das Reich Gottes in Besitz nehmen"1 , setzt er dort hinzu: "Und so waret ihr zum Teil." Er sagt nicht schlechthin: "so waret ihr", sondern; "So waret ihr zum Teil", d. h. so ungefähr waret ihr. -

Bei dieser Stelle holen die Häretiker2 keck wider uns zum Angriff aus. Sie behaupten nämlich, dies sei von Gott gesagt, und ihren frechen Mund gewaltig voll nehmend, beziehen sie auf Gott, was einzig vom Teufel gilt. Wie nun werden wir sie zum Schweigen bringen? Mit den Worten des Textes selbst. Gott ist gerecht, wie auch ihr zugeben werdet. Hat er aber dieses getan,[so wisset]: wer so handelt, ist nicht mehr gerecht, sondern im hohen Grade ungerecht und ruchlos. Ruchlos aber kann Gott nie und nimmer sein. - Warum aber nennt der Apostel den Teufel den Fürsten dieser Welt? Weil fast das ganze Menschengeschlecht sich ihm ergeben hat und alle freiwillig und vorsätzlich ihm dienen. Auf Christus, der unzählige Güter in Aussicht stellt, achtet kaum einer: ihm dagegen, der nichts

Derartiges verheißt, vielmehr in die Hölle stürzt, fügen sich alle. Und obschon seine Herrschaft nur auf diese Welt beschränkt ist, hat er doch - dank unseres Leichtsinnes - beinahe mehr und gehorsamere Diener als Gott. - Weiter heißt es: "nach dem [Willen des] Fürsten im Reich der Luft, des [Luft-]Geistes". Das will besagen, daß der Teufel den Raum unter dem Himmel beherrscht; und die Luftgeister sind die unkörperlichen Wesen, durch welche er wirkt. Daß seine Herrschaft nur eine zeitliche ist, das heißt zugleich mit der gegenwärtigen Zeit aufhört, darüber höre die Worte gegen den Schluß unseres Briefes: "Wir haben nicht zu kämpfen gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Fürstentümer, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Zeit"3 . Damit du nämlich den Ausdruck "Weltbeherrscher" nicht so verstehst, als sei der Teufel unerschaffen, setzt er hinzu: "der Finsternis dieser Zeit". Auch anderweitig bezeichnet er als böse Zeit den verkehrten Zeitgeist, ohne darunter die Geschöpfe zu verstehen. Ich halte nämlich dafür, daß er, einmal Fürst unter dem Himmel geworden, auch nach dem Sündenfalle seine Herrschaft nicht verloren hat. - "Der noch jetzt", heißt es weiter, "in den Söhnen des Unglaubens wirksam ist". Siehst du, daß er nicht mit Gewalt und Zwang, sondern durch Überredungskunst verführt? Er gebraucht den Ausdruck Unglaube4 , was so viel besagen will als: durch Betrug und Überredungskunst zieht er alle an sich.

Doch nicht bloß dadurch richtet Paulus sie auf, daß er ihnen einen Mitschuldigen gibt, sondern auch dadurch, daß er sich mit ihnen auf eine Stufe stellt. Er sagt: "unter welchen auch wir alle einst wandelten". Alle; denn man kann nicht sagen, daß irgendwer ausgenommen war. "...in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und des Herzens vollzogen und von Natur Kinder des Zornes waren, wie auch die übrigen alle"; das heißt, ohne Sinn für das Geistige. Damit er aber nicht in Verdacht komme, als wolle er mit diesen Worten das Fleisch herabsetzen5 , und damit man nicht die Verschuldung des Fleisches zu hoch anschlage, sieh, wie er sich sicherstellt! Indem wir "den Willen unseres Fleisches", sagt er, "und unseres Herzens vollzogen", d. h. die sinnlichen Gelüste. Wir haben Gott gereizt und erzürnt, d. h. wir waren Gegenstand des Zornes und nichts anderes. Wie nämlich das Kind eines Menschen von Natur aus Mensch ist, so waren auch wir "Kinder des Zornes, wie auch die übrigen"; d. h. niemand war frei, sondern alle taten, was Gottes Zorn verdiente.

V.4: "Gott aber, welcher reich ist an Erbarmen ..."

Nicht schlechthin barmherzig, sondern "reich" an Erbarmung, wie es auch an einer anderen Stelle heißt: "Nach der Menge deiner Erbarmungen"6 ; und wiederum: "Erbarme dich meiner nach deiner großen Barmherzigkeit"7 . "... um seiner großen Liebe willen, womit er uns geliebt hat." Der Apostel zeigt, woher die Liebe Gottes zu uns stammt. Denn das, was er anführt, verdient nicht Liebe, sondern Zorn und strengste Strafe. Also muß sie aus seiner großen Erbarmung stammen.

V.5: "und obwohl wir tot waren durch Übertretungen, hat er uns mitbelebt in Christus"

Wiederum steht Christus in der Mitte und ist die Sache glaubwürdig. Denn wenn der Erstling lebt, so auch wir; wenn er jenen belebt hat, so auch uns.

1: 1 Kor 6,9 f.
2: Manichäer
3: Eph 6,12
4: ἀπείθεια
5: er hat die Gnostiker und Manichäer im Auge
6: Ps 68,17
7: Ps 50,3

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger