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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Vierte Homilie [Kap. II, Vers 1-10]

4.

Auch wir sprechen nicht deshalb soviel von der Güte Gottes, daß wir im Vertrauen auf sie alles Mögliche uns erlauben sollten - denn dann würde die Güte zum Verluste unserer Seligkeit ausschlagen -, sondern damit wir, statt in unseren Sünden zu verzweifeln, Buße tun. Denn die Güte Gottes will dich zur Buße leiten1 , nicht zu noch größerer Bosheit. Wenn du aber schlecht wirst wegen seiner Güte, so bringst du sie bei den Menschen eher in Verruf; denn viele, wie ich sehe, klagen die Langmut Gottes an. Du wirst also für den Mißbrauch derselben bestraft werden. - Gott ist menschenfreundlich? Ja; aber auch ein gerechter Richter. - Er verzeiht die Sünden? Ja; aber er vergilt auch einem jeden nach seinen Werken. - Er geht über die Ungerechtigkeiten hinweg und tilgt die Vergehen? Ja; aber er ahndet sie auch. - Wie, sind das nicht Widersprüche? Es sind keine Widersprüche, wenn wir sie der Zeit nach trennen. Er tilgt die Vergehen hienieden durch die Taufe und die Buße; er bestraft die Missetaten im Jenseits durch Feuer und Qualen. - Wenn ich also, sagst du, nur wenige Sünden begangen habe und wegen einer einzigen davon verworfen und aus dem Himmelreiche ausgeschlossen werde, warum sollte ich nicht alle möglichen Sünden begehen? -

Das ist die Sprache eines undankbaren Knechtes; aber trotzdem wollen wir auch auf diesen Einwand erwidern. Begehe die Sünde nicht, zu deinem eigenen Frommen! Denn [durch die Sünde] werden wir zwar alle in gleicher Weise vom Himmelreich ausgeschlossen, aber in der Hölle nicht alle in gleicher Weise bestraft werden, sondern der eine strenger, der andere gelinder. Wenn zwei von euch den göttlichen Willen verachten, der eine oft, der andere selten, so werdet ihr wohl in gleicher Weise vom Himmelreiche ausgeschlossen werden. Wenn aber diese Verachtung bei beiden nicht die gleiche ist, sondern bei dem einen größer, bei dem andern geringer, so werdet ihr in der Hölle den Unterschied gewahr werden. - Warum nun, höre ich fragen, droht der Herr denjenigen, welche nicht Barmherzigkeit üben, mit dem Feuer, und zwar nicht mit dem Feuer schlechthin, sondern mit jenem, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist? Weshalb und warum? - Weil keine Sünde Gott so erzürnt, als wenn man den Freunden wehe tut. Wenn man selbst die Feinde lieben muß, welche Strafe wird dann nicht derjenige verdienen, der sich sogar von den Freunden abwendet und hierin schlechter ist als die Heiden? In diesem Falle also ist es die Größe der Sünde, die einen solchen mit Recht in Gesellschaft des Teufels hinfahren läßt. "Wehe dem", sagt die Schrift, "der nicht Barmherzigkeit übt!"2 . Galt dies schon im Alten Bunde, um wieviel mehr dann im Neuen! Wenn dort, wo der Erwerb und Genuß zeitlicher Güter und die Sorge dafür erlaubt war, für die Unterstützung der Armen so große Sorge getragen wurde, um wie viel mehr gilt dies hier, wo uns befohlen wird, alles hinzugeben! Was taten nicht jene alles? Sie gaben Zehnte auf Zehnte für Waisen, Witwen und Proselyten. [Bei uns] dagegen sagte mir einer im Tone der Verwunderung: Der und der gibt den Zehnten. O der Fülle von Schmach, wenn das, was bei den Juden als selbstverständlich galt, bei den Christen Gegenstand der Verwunderung geworden ist! Wenn es damals gefährlich war, die Abgabe des Zehnten zu unterlassen, so erwäge, um wie viel größer die Gefahr jetzt ist!

Weiters: auch die Trunksucht hat keinen Teil am Himmelreiche. - Wie aber lautet der Wahlspruch so vieler? "Nun es gereicht mir zu nicht geringem Troste, daß es anderen ebenso ergeht." Was können wir darauf erwidern? Vor allem: Du wirst nicht die gleiche Strafe zu erdulden haben wie sie; dann aber: Es liegt darin kein Trost für dich. Denn Leidensgenossen zu haben, gewährt nur dann Trost, wenn die Leiden innerhalb gewisser Grenzen bleiben; sobald sie aber [jedes] Maß übersteigen und uns zum Wahnsinn treiben, lassen sie keinen Trost mehr zu. Sage z. B. dem, der mißhandelt wird und den Scheiterhaufen besteigen muß: Der und der leidet auch so! - er wird nicht die Spur von Trost empfinden. Sind nicht die Israeliten alle miteinander zugrunde gegangen? Was für einen Trost gewährte ihnen dies? Vermehrte nicht eben dieser Umstand noch ihren Schmerz? Darum sagten sie auch: " Wir sind verloren, wir sind gänzlich verloren, wir sind vernichtet"3 . Was ist das also für ein Trost? Vergeblich trösten wir uns mit solchen Vorspiegelungen. Es gibt nur einen wirklichen Trost: nicht hineingestürzt zu werden in jenes unauslöschliche Feuer. Wer aber hineingestürzt wird, der kann keines Trostes teilhaftig werden an dem Orte, wo Zähneknirschen, wo Heulen, wo der Wurm, der nicht stirbt, wo das Feuer, das nicht erlischt. - Sag' mir doch, wirst du da überhaupt noch einen Trost fühlen in jener großen Trübsal und Bedrängnis? Nein; denn du wirst immerfort mit dir allein bleiben.

Geben wir uns doch, ich bitte und beschwöre euch, nicht eitler Selbsttäuschung hin! Trösten wir uns nicht mit solchen Ausflüchten, sondern tun wir das, was in Wahrheit uns retten kann! Du hast die Aussicht, mit Christus im Himmel zu thronen und du willst in so kleinlicher Weise darum markten? Denn hätten wir auch sonst keine Sünde an uns: welche Strafe müßten wir nur für solche Reden uns zuziehen, weil wir so träge, so elend und gleichgültig sind, daß wir, trotzdem solche Ehre winkt, eine derartige Sprache führen? Oh, wie wirst du seufzen, wenn du alsdann hörst, wie die Vollbringer guter Werke ins Himmelreich eingeladen und geehrt werden! Wenn du siehst, wie sie aus Knechten und Niedriggeborenen für die kurzen Mühen hienieden im Jenseits des königlichen Thrones mitteilhaftig werden für alle Ewigkeit! Wird dies nicht sie ärgste Strafe für dich sein? Wenn du es schon jetzt für die schlimmste aller Strafen erachtest, mitansehen zu müssen, wie andere geachtet sind, obschon du persönlich nichts zu leiden hast; wenn du einzig deshalb dich abhärmst, über dich selbst wehklagst, weinst, dir tausendfach den Tod wünschest: was wirst du erst alsdann ausstehen? Wenn es auch keine Hölle gäbe, wäre nicht der Gedanke an den [Verlust des] Himmels allein schon hinreichend, dich zu verderben und zu vernichten? Und daß es sich wirklich also verhalten wird, lehrt die Erfahrung zur Genüge. Suchen wir uns also nicht vergeblich mit derlei Reden zu beschwichtigen, seien wir vielmehr auf unser Heil bedacht und sorgen wir dafür; befleißigen wir uns der Tugend und ermuntern wir uns zur Vollbringung des Guten, damit wir gewürdigt werden, so große Herrlichkeit zu erlangen in Christus Jesus, unserm Herrn, mit welchem dem Vater und dem Heiligen Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit! Amen.

1: vgl. Röm 2,4
2: vgl. Ekkli 12,3
3: Num 17,12; Mt 27

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger