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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Vierte Homilie [Kap. II, Vers 1-10]

3.

Damit aber keiner, nachdem er vernommen, daß nicht durch die Werke, sondern durch den Glauben alles gewirkt worden ist, die Hände müßig in den Schoß lege, so beachte, wie er hierauf fortfährt:

V.10: "Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott im voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln."

Beachte den Sinn dieser Worte! Er spielt hier auf die Wiedergeburt an. Das ist in der Tat eine zweite Schöpfung. Aus dem Nichtsein wurden wir ins Dasein gerufen. Was wir früher waren, dem sind wir abgestorben, nämlich dem alten Menschen: was wir früher nicht waren, das sind wir geworden. Also ist es in der Tat eine Schöpfung, und zwar eine kostbarere als die erste; denn der ersten verdanken wir bloß, daß wir leben, der zweiten aber, daß wir gut leben. - "Zu guten Werken, die Gott im voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln"; nicht, daß wir nur einen Anlauf nehmen, sondern "damit wir wandeln." Denn unsere Tugend muß beständig sein und bis zum Tode dauern. Wenn wir in die Residenzstadt gehen müßten, und dann, nachdem wir den Großteil des Weges zurückgelegt haben, uns zuletzt aus Müdigkeit setzen würden, so nützte es nichts, daß wir uns auf den Weg gemacht haben. Ebensowenig kann die Hoffnung der Berufung den Berufenen nützen, wenn wir nicht des Berufenden würdig wandeln. - Da wir also zu guten Werken berufen sind, so laßt uns sie allezeit und alle vollbringen! Denn wir sind dazu berufen, nicht bloß ein gutes Werk, sondern alle auszuüben. Wie wir fünf Sinne haben und sie alle dazu verwenden müssen, wozu sie bestimmt sind, so auch alle Tugenden. Wenn einer keusch ist, aber unbarmherzig; oder barmherzig, aber habsüchtig; oder zwar des fremden Gutes sich enthält, aber von dem eigenen nicht mitteilt: so ist alles umsonst. Denn eine Tugend allein reicht nicht hin, um vor dem Richterstuhle Christi mit Zuversicht zu erscheinen, sondern wir bedürfen dazu vieler, mannigfaltiger, von jeglicher Art. Höre nur, was Christus zu seinen Jüngern spricht: "Gehet hin und lehret alle Völker... und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe1 ; und wiederum: "Wer nur eines dieser Gebote, auch der kleinsten, auflöst, der wird der Geringste heißen im Himmelreich"2 , d. h. bei der Auferstehung. Er wird nicht ins Himmelreich eingehen. Denn es ist bekannt, daß der Herr auch die Zeit der Auferstehung Himmelreich nennt. "Wer auch nur eines auflöst", sagt er, "der wird der Geringste heißen "; also bedürfen wir aller. - Betrachte, wie wir ohne die Barmherzigkeit nicht in den Himmel eingehen können, sondern, wenn uns auch nur diese einzige Tugend fehlt, hinab müssen in das [höllische] Feuer! "Weichet von mir", sagt der Herr, "ihr Verfluchten in das ewige Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist! "Weshalb und warum?

"Denn ich war hungrig, und ihr habt mich nicht gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt"3 . Siehst du, wie sie, ohne eine weitere Anklage, aus diesem einzigen Grunde, verloren gingen? Auch die [törichten] Jungfrauen wurden aus diesem einzigen Grunde von dem Brautgemach ausgeschlossen, obschon sie die Keuschheit bewahrt hatten: aber weil sie der Unterstützung durch Werke der Barmherzigkeit entbehrten, durften sie nicht mit dem Bräutigam eintreten. "Seid auf Frieden bedacht mit allen", sagt der Apostel, "und auf Heiligung, ohne welche niemand den Herrn schauen wird"4 . Bedenke daher, daß es zwar ohne Keuschheit unmöglich ist, den Herrn zu schauen, daß man aber auch mit Keuschheit nicht durchaus schauen kann; denn oft besteht ein anderes Hindernis. - Ein anderer Fall. Wenn wir in allem recht handeln, aber dem Nächsten keinen Nutzen bringen, auch so werden wir nicht in das Himmelreich eingehen. Woraus erhellt dies? Aus dem Gleichnis von den Dienern, denen die Talente anvertraut wurden. Jener Knecht war in jeder Hinsicht vollkommen tadellos, und keine Tugend mangelte ihm; aber weil er im Geschäfte saumselig gewesen, wurde er mit Recht hinausgestoßen.

Man kann auch wegen eines einzigen Schimpfwortes in die Hölle gestürzt werden; denn der Herr spricht: "Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr, wird des höllischen Feuers schuldig sein"5 . Wenn also einer in allem übrigen recht handelt, aber schmähsüchtig ist, so wird er nicht [in den Himmel] eingehen. Zeihe keiner Gott der Grausamkeit, wenn er jene, die solcherart gefehlt haben, vom Himmelreich ausschließt! Auch bei den Menschen wird, wer irgendwelche Gesetzesübertretung begeht, vom Angesichte des Königs verbannt, selbst wenn er nur ein einziges der bestehenden Gesetze verletzt. Wer eine verläumderische Anklage stellt, verliert sein Amt. Wer des Ehebruches überführt wird, wird ehrlos; mag er noch soviel Gutes getan haben, es hilft ihm nichts. Wer erwiesenermaßen einen Mord begangen, für den ist dies hinreichend, ihn zu verderben. Wenn aber schon die Gesetze der Menschen so streng gehandhabt werden, um wieviel mehr die Gesetze Gottes! - Aber, sagst du, Gott ist gütig. - Wie lange noch führen wir diese törichte Rede im Munde? Töricht nannte ich sie, nicht als ob Gott nicht gütig wäre, sondern weil wir meinen, seine Güte komme uns in dieser Beziehung zustatten, wiewohl wir uns hierüber schon unzählige Male ausgesprochen haben. Höre das Wort der Schrift: "Sage nicht: Seine Barmherzigkeit ist groß, er wird mir die Menge meiner Sünden vergeben"6 . Sie verbietet uns nicht, zu sagen: Seine Barmherzigkeit ist groß. Das sei ferne! Statt davor zu warnen, verlangt sie vielmehr, daß wir dies ohne Unterlaß sagen, und Paulus setzt zu dem Zwecke alle Mittel in Bewegung. Nein, die Warnung geht auf die folgenden Worte. Bewundere, das ist der Sinn der Stelle, die Menschenfreundlichkeit nicht, um daraufhin zu sündigen und zu sagen: Seine Barmherzigkeit wird mir die Menge meiner Sünden vergeben.

1: Mt 28,19.20
2: Mt 5,19
3: Mt 25,41 f
4: Hebr 12,14
5: Mt 5,22
6: Ekkli 5,6

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger