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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Epheser (In epistulam ad Ephesios commentarius )
Zweite Homilie [Kap. I, Vers 11-14]

4.

Siehst du, daß die Tugend naturgemäß, das Laster hingegen naturwidrig ist, wie etwa die Krankheit und die Gesundheit? - Und was könnte uns zu Lüge und Meineid nötigen? Weder Zwang noch Gewalt; nein, freiwillig begehen wir diese Sünde. Man glaubt uns sonst nicht, höre ich erwidern. Man glaubt uns nicht, weil wir es so wollen. Wir könnten uns durch die Lebensart größere Glaubwürdigkeit verschaffen als durch Eidschwüre. Sage mir doch, warum glauben wir den einen nicht, selbst wenn sie schwören, während wir den anderen auch ohne Schwur Glauben schenken? Siehst du, daß es der Eidschwüre gar nicht bedarf? Wenn der oder der es gesagt hat, kann man oft hören, glaube ich es auch ohne Eid; dir aber nicht, auch wenn du einen Eid ablegst. Also ist das Schwören überflüssig und eher ein Beweis der Unglaubwürdigkeit als der Glaubwürdigkeit. Denn die leichtfertige Bereitwilligkeit zum Schwören läßt den Glauben an Gewissenhaftigkeit nicht aufkommen. Wer sich daher bei jeder Gelegenheit gleich des Eides bedient, hat vom Eide sicher nicht den entsprechenden Nutzen; wer dagegen sich nie desselben bedient, der genießt den Nutzen davon. Der Eid sollte also dazu dienen, sich Glauben zu verschaffen? Sehen wir doch, daß gerade denen Glauben geschenkt wird, welche nicht schwören! - Oder was? Ist man gezwungen, den Nächsten zu beschimpfen? Ja, lautet die Antwort; der Unmut regt die Seele auf, setzt sie in Feuer, läßt sie nicht ruhig bleiben. Beschimpfung, mein Freund, ist nicht eine Folge des Unmutes, sondern einer kleinlichen Gesinnung. Käme sie vom Unmut her, so müßten alle Menschen im Zorne zu Beschimpfungen hingerissen werden. Den Unmut haben wir, nicht um unsere Mitmenschen zu beschimpfen, sondern um die Fehlenden auf den rechten Weg zu lenken, uns selbst aufzurichten und nicht der Trägheit zu verfallen. Der uns innewohnende Unmut soll uns gewissermaßen ein Ansporn sein, dem Teufel die Zähne zu weisen und ihm trotzig zu widerstehen, nicht aber gegeneinander feindlich aufzutreten. Wir führen Waffen, nicht um uns selbst zu bekriegen, sondern um die Waffenrüstung gegen den Feind zu gebrauchen. - Du bist zum Zorne geneigt? So sei es gegen deine Sünden, schilt deine Seele, geißle dein Gewissen, gehe streng ins Gericht mit deinen eigenen Fehltritten und verurteile sie unerbittlich! Dann ist der Zorn gewinnbringend; deswegen hat ihn Gott in uns gelegt. - Oder geschieht vielleicht der Raub aus Zwang?

Keineswegs. Denn, sage mir doch, was sollte zwingen zu rauben? Was dazu nötigen? Die Armut, erwidert man, bringt einen dazu und die Sorge um das Notwendige. Aber dazu mußt du noch nicht zum Raube schreiten; ein Reichtum, auf solche Art erworben, hat keinen sicheren Bestand. Du handelst gerade so, wie wenn einer auf die Frage: warum denn gründest du dein Haus auf Sand? zur Antwort gäbe: wegen der Kälte, wegen des Regens. Gerade darum durfte er es nicht auf Sand gründen, denn Regen, Sturm und Wind bringen es in Bälde zum Einsturz. Wenn du also reich sein willst, so hüte dich vor Übervorteilung; wenn du deinen Kindern Reichtum hinterlassen willst, so erwirb dir einen gerechten, falls es überhaupt einen solchen gibt; denn ein solcher bleibt und hat dauernden Bestand; der ungerechte dagegen zerrinnt schnell und geht verloren. Wie, du möchtest reich sein und vergreifst dich deshalb an fremdem Gut? Und doch besteht nicht darin der Reichtum, sondern im Besitze rechtmäßigen Eigentums. Wer fremdes Gut in Händen hat, kann nicht als reich gelten. Sonst müßte man auch die Verkäufer der Seidenkleider, die fremde Ware auf Lager haben, wohlhabender und reicher als alle nennen: gehört doch zur Stunde die Ware ihnen. Dennoch heißen wir sie nicht reich. Warum denn wohl? Weil das, was sie haben, fremder Besitz ist. Denn wenn auch die Stoffe ihnen gehören, so gehört ihnen doch nicht der Preis; und wenn auch der Preis ihnen gehört, so ist das doch nicht Reichtum. Wenn aber das vertraglich überkommene nicht reich macht, weil wir uns schnell wieder seiner entäußern müssen, wie sollte geraubtes Gut reich machen können? Strebst du aber durchaus nach Reichtum - eine Sache, die nicht unumgänglich notwendig ist -, welchen Genuß willst du dir in reicherem Maße verschaffen? Vielleicht ein längeres Leben? Aber derartigen Leuten wird leicht ein kurzes Leben zuteil. Häufig nämlich müssen sie ihren Raub und Betrug dadurch büßen, daß sie vor der Zeit sterben und für den Genuß, den sie nur kurze Zeit von ihren Schätzen gehabt, in die Hölle kommen; häufig kommen sie auch infolge von Ausschweifungen, Überanstrengung und Sorgen durch Krankheit um. Schon längst hätte ich gerne gewußt, weshalb die Menschen auf den Reichtum so versessen sind. Und doch setzte Gott darum der Natur Maß und Ziel, damit wir nicht gezwungen wären, den Reichtum zu suchen. So z.B. will er, daß wir den Leib mit einem oder höchstens einem zweiten Gewande bekleiden, und mehr braucht es auch nicht zum Schutze. Wozu die Unzahl der Kleider, die von Motten zerfressen werden? - Es gibt ein bestimmtes Maß für den Magen, und was ihm darüber hinaus gereicht wird, richtet notwendig den ganzen Menschen zugrunde.

Wozu die Rinder und Schafherden und Schlächtereien? - Wir haben nur ein Obdach nötig. Wozu die Hallen und kostspieligen Paläste? Damit Geier und Dohlen nisten können, ziehst du die Armen aus? Welch schwere Höllenstrafe verdient nicht das! Viele lassen oft in Gegenden, die sie nicht einmal gesehen haben, glänzende Bauten mit Säulen und wertvollen Steinen aufführen - was haben sie nicht schon alles ausgeklügelt! -, und weder sie noch sonst jemand hat einen Genuß davon; denn die Entlegenheit hindert sie, dahin zu ziehen. Trotzdem geben sie das Bauen nicht auf. Siehst du, daß dies nicht einmal des Gewinnes halber geschieht, sondern daß die Ursache von all dem vielmehr Torheit, Unvernunft und Eitelkeit ist? Diese, ich bitte euch, laßt uns fliehen, damit wir imstande seien auch den andern Übeln zu entgehen und der Güter, welche Gott denen verheißen hat, die ihn lieben, teilhaftig zu werden in Christus Jesus, unserm Herrn, mit welchem dem Vater samt dem Hl. Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit ! Amen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger