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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Fünftes Buch [378—428]

9. Schreiben der Synode in Konstantinopel an die Bischöfe des Abendlandes1

„Den verehrtesten und hochwürdigsten Herrn, Brüdern und Mitbischöfen, Damasus, Ambrosius, Britton, Valerian, Acholius, Anemius, Basilius und den übrigen heiligen Bischöfen, welche in der großen Stadt Rom versammelt sind, entbietet die heilige Synode der in der großen Stadt Konstantinopel versammelten rechtgläubigen Bischöfe Gruß im Herrn.

Es ist sicher überflüssig, Ew. Hochwürden wie Unwissende zu belehren und die Menge der Leiden aufzuzählen, die uns von der Gewalttätigkeit der Arianer zugefügt worden sind. Denn wir glauben, daß Euere gottesfürchtige Gesinnung unsere Angelegenheiten nicht für so nebensächlich halte, daß sie diese Dinge erst erfahren müßte, über welche sie Mitleid empfinden sollte. Auch sind die Stürme, die uns umbraust haben, keineswegs derart, daß sie wegen ihrer Geringfügigkeit unbeachtet bleiben konnten. Die Zeit der Verfolgung gehört der jüngsten Vergangenheit an und ist noch in lebhafter Erinnerung nicht nur bei denen, welche sie erduldet haben, sondern auch bei denen, welche aus Liebe die Schicksale der Leidenden zu den ihrigen machten. Denn erst gestern sozusagen und vorgestern sind die einen, befreit [S. 275] von den Banden des Exils, unter tausenderlei Bedrängnissen zu ihren Kirchen zurückgekehrt und sind von den anderen, die in der Verbannung den Tod gefunden, die Reliquien zurückgebracht worden. Einige sind auch nach ihrer Rückkehr aus der Verbannung der schäumenden Wut der Häretiker zum Opfer gefallen und haben in der Heimat noch Schlimmeres erduldet als in der Fremde, indem sie von jenen zu Tode gesteinigt wurden wie der selige Stephanus2. Andere, erschöpft von verschiedenen Mißhandlungen, tragen noch heute die Wundmale Christi3 und die Striemen an ihrem Körper. Die Geldstrafen aber und die außerordentlichen Schätzungen der Städte, die Achtserklärungen Einzelner verbunden mit der Konfiskation ihrer Güter, die listigen Nachstellungen, Gewalttätigkeiten und Einkerkerungen, wer vermöchte sie alle aufzuzählen? Sind doch in der Tat alle Trübsale über uns gekommen, Trübsale ohne Maß und Zahl, vielleicht weil wir zu büßen hatten für unsere Sünden, vielleicht auch weil Gottes Güte durch die Menge der Leiden uns prüfen und üben wollte.

Hierfür sei nun Gott Dank gesagt, der seine Diener durch so viele Drangsale erziehen wollte und nach der Menge seiner Erbarmnisse4 uns wieder zur erquickenden Ruhe führte5. Wir bedürften nun einer dauernden Muße und vieler Zeit und Mühe zur Wiederaufrichtung der Kirchen, damit wir den Leib der Kirche wie nach einer langen Krankheit durch sorgfältige Pflege allmählich wieder von der Krankheit befreien und zur früheren Gesundheit, d. i. zur Rechtgläubigkeit, zurückführen. Denn wenn es auch noch so sehr den Anschein hat, daß wir den heftigsten Sturm der Verfolgung überstanden haben und daß wir die geraume Zeit im Besitz der Häretiker befindlichen Kirchen eben jetzt wieder zurückerhalten, so verursachen uns doch die Wölfe noch immer schwere Sorge, da sie auch nach ihrer Ausstoßung aus der Hürde in Tälern und Schluchten die Herden [S. 276] plündern, Gegenversammlungen veranstalten, Volksaufstände erregen und nichts unterlassen, was den Kirchen zum Schaden gereichen kann. Es wäre also, wie gesagt, nötig, daß wir noch längere Zeit hindurch angestrengt arbeiten.

Nachdem Ihr aber als Beweis Eurer brüderlichen Liebe gegen uns zu der Synode, die Ihr durch Gottes Fügung in Rom feiert, durch das Schreiben des gottgeliebtesten Kaisers auch uns eingeladen habt als zu Euch gehörige Glieder, auf daß, nachdem wir früher den Trübsalen allein ausgesetzt waren, Ihr jetzt bei der Übereinstimmung der Kaiser im rechten Glauben nicht ohne uns herrschet, sondern damit nach dem Ausspruch des Apostels auch wir mit Euch herrschen6: da wünschten wir, wenn es möglich wäre, alle miteinander unsere Kirchen verlassen und mehr der Sehnsucht des Herzens als der Notwendigkeit folgen zu können. „Denn wer wird uns Flügel geben, wie die einer Taube, und wir werden fliegen und bei Euch ruhen7.” Da aber dieses die Kirchen, welche eben erst am Anfang ihrer Erneuerung stehen, vollständig entblößen würde und da die Sache den meisten auch ganz und gar unmöglich wäre — wir sind nämlich in Konstantinopel zusammengekommen gemäß dem vorigjährigen Schreiben, das von Euren Hochwürden nach der Synode zu Aquileja8 an den gottgeliebtesten Kaiser Theodosius gesandt worden ist; wir haben uns nur für diese Reise bis Konstantinopel ausgerüstet und bringen nur zu dieser Synode die Zustimmung der in den Provinzen gebliebenen Bischöfe mit; die Notwendigkeit einer größeren Reise haben wir [S. 277] weder vorausgesehen noch überhaupt etwas davon gehört, bevor wir nach Konstantinopel kamen; dazu kommt, daß der angesetzte Termin wegen seiner Nähe nicht die nötige Zeit bietet weder zur Vorbereitung einer längeren Reise noch auch dazu, alle Bischöfe unserer Gemeinschaft in den Provinzen davon in Kenntnis zu setzen und deren Zustimmung einzuholen —, da also dieses und außerdem noch vieles andere der Mehrzahl das Reisen unmöglich macht, so haben wir das getan, was das Nächstliegende war, um die (kirchlichen) Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen und zugleich unsere Liebe zu Euch zu bezeigen: wir haben unsere hochwürdigsten und verehrungswürdigsten Brüder und Amtsgenossen, die Bischöfe Cyriacus, Eusebius und Priscianus ersucht, die Mühen der Reise zu Euch gütig übernehmen zu wollen. Durch diese Männer wollen wir sowohl unsere friedliebende und auf die Erhaltung der Einigkeit gerichtete Gesinnung wie auch unseren Eifer für den gesunden Glauben kundgeben.

Wenn wir nämlich Verfolgungen oder Drangsale oder kaiserliche Drohungen oder die Grausamkeiten der Statthalter oder irgendeine andere Anfechtung von Seiten der Häretiker auszustehen hatten, so haben wir dieses erduldet für den evangelischen Glauben, der zu Nizäa in Bithynien von den dreihundertachtzehn Vätern festgestellt worden ist. Dieser muß auch Euch und uns allen genügen, welche nicht das Wort des wahren Glaubens verkehren wollen, da er sehr alt ist und der Taufformel entspricht und uns lehrt, zu glauben an den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, so daß nämlich eine Gottheit, Macht und Wesenheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes geglaubt wird und ebenso gleiche Ehre und Würde und gleichewige Herrschaft in drei ganz vollkommenen Hypostasen oder drei vollkommenen Personen, so daß weder die Krankheit des Sabellius Platz findet, wonach die Hypostasen vermischt und die Eigentümlichkeiten derselben aufgehoben werden, noch auch die gotteslästerliche Lehre der Eunomianer, Arianer und Pneumatomachen Kraft gewinnt, derzufolge die Wesenheit oder Natur oder Gottheit geteilt und der ungeschaffenen, [S. 278] gleichwesentlichen und gleichewigen Dreifaltigkeit eine Art von nachgeborener, geschaffener und wesensverschiedener Natur hinzugefügt wird. Auch die Lehre von der Menschwerdung des Herrn bewahren wir ohne Verdrehung; wir nehmen nicht an, daß die menschliche Natur ohne Seele oder ohne Vernunft oder unvollkommen gewesen, sondern wir wissen, daß der Gott Logos ganz vollkommen und vor aller Zeit ist, daß er aber in den letzten Tagen um unseres Heiles willen ein vollkommener Mensch geworden ist9.

So lautet also in Kürze der von uns ohne Rückhalt und Scheu gepredigte Glaube. Ihr werdet Euch darüber noch eingehender unterrichten können, wenn Ihr das in Antiochia von der dort versammelten Synode verfaßte10 und das voriges Jahr in Konstantinopel von der ökumenischen Synode aufgestellte Glaubensbekenntnis11 einsehen wollt, in denen wir unseren Glauben ausführlicher dargelegt und gegen die in jüngster Zeit aufgetretenen Irrlehren schriftlich das Anathem ausgesprochen haben.

Was aber die besondere Verwaltung in den Kirchen betrifft, so besteht, wie Ihr wißt, ein altes Gesetz in Kraft und eine Verordnung der heiligen Väter zu Nizäa, daß in jeder Provinz die zur Provinz Gehörigen und, [S. 279] wenn diese wollen, mit ihnen der Nützlichkeit halber auch die Angrenzenden die Weihen vornehmen. Diesen Bestimmungen gemäß werden bei uns, das möget Ihr wissen, die übrigen Kirchen verwaltet und sind auch für die angesehensten Kirchen die Priester eingesetzt worden. So haben wir für die sozusagen neugegründete Kirche von Konstantinopel, die wir eben erst mit Gottes barmherziger Hilfe aus der Gotteslästerung der Irrlehrer wie aus dem Rachen eines Löwen herausgerissen haben, den hochwürdigsten und gottgeliebtesten Nektarius zum Bischof geweiht, und zwar auf der ökumenischen Synode mit Stimmeneinhelligkeit, in Gegenwart des gottgeliebtesten Kaisers Theodosius und des ganzen Klerus und unter Zustimmung der ganzen Stadt. Für die so alte und wahrhaft apostolische Kirche zu Antiochien in Syrien, in der zuerst der ehrwürdige Name der Christen in Gebrauch kam, haben die zur Provinz und zur morgenländischen Diözese Gehörigen in einer allgemeinen Versammlung und auf kanonische Weise den hochwürdigsten und gottgeliebtesten Bischof Flavianus gewählt und geweiht, wozu die ganze Kirche ihre Zustimmung gab, gleich als ob sie den Mann mit einem Munde hätte ehren wollen. Diese Weihe wurde auch von der gesamten Synode als gesetzmäßig anerkannt12. Ferner geben wir Euch bekannt, daß in der Kirche zu Jerusalem, der Mutter aller Kirchen, der hochwürdigste und gottgeliebteste Cyrillus Bischof ist, der vor langer Zeit von den zur Provinz Gehörigen auf kanonische [S. 280] Weise aufgestellt und geweiht wurde und sehr viele Kämpfe mit den Arianern zu verschiedenen Zeiten bestanden hat.

Wir bitten deshalb Euere Frömmigkeit, über diese unsere kirchlichen Verhältnisse als über solche, die auf gesetzmäßige und kanonische Weise zustande gekommen sind, sich mit uns zu freuen durch Vermittlung des Geistes der Liebe und der Furcht des Herrn, welche alle menschliche Voreingenommenheit zurückdrängt und die Erbauung der Kirchen höher stellt als private Freundschaft und Zuneigung. So werden wir einig sein in der Lehre des Glaubens, wird die christliche Liebe in uns befestigt und werden wir nicht mehr sagen, was von den Aposteln verurteilt ist: 'Ich bin des Paulus, ich des Apollo, ich des Kepha13', sondern wir werden alle als Schüler Christi erscheinen, der in uns nicht geteilt ist, und werden mit Gottes Hilfe den Leib der Kirche vor Trennung bewahren und mit Zuversicht vor den Richterstuhl des Herrn treten14.”

Dieses haben sie gegen den Irrwahn des Arius, Aëtius und Eunomius und ebenso auch gegen Sabellius, Photinus, Marcellus, Paulus von Samosata und Macedonius geschrieben. In gleicher Weise haben sie aber auch ganz deutlich die Neuerung des Apollinaris verurteilt, indem sie sagten: „Auch die Lehre von der Menschwerdung des Herrn bewahren wir ohne Verdrehung, indem wir annehmen, daß die menschliche Natur weder ohne Seele noch ohne Vernunft noch überhaupt unvollkommen gewesen sei15.”

Auch der berühmte Damasus hat, als er von der Entstehung dieser Häresie erfuhr, nicht nur den Apollinaris, sondern auch dessen Schüler Timotheus verurteilt und verdammt. Dieses berichtet er den Bischöfen des Morgenlandes in einem Schreiben, von dem ich glaube, daß es nützlich sei, es in meine Darstellung aufzunehmen.

1: Im Jahre 382.
2: Vgl. Apg. 7, 58.
3: Vgl. Gal. 6, 17.
4: Vgl. Ps. 50, 3 [Ps. 51, 3].
5: Vgl. ebd. [Ps.] 65, 12 [Ps. 66, 12].
6: 1 Kor. 4, 8.
7: Ps. 54, 7 [Ps. 55, 7].
8: Eine Synode von Aquileja im Jahre 381, welche sich mit der Untersuchung der Lehre zweier arianischer Bischöfe Illyriens (Palladius und Secundianus) befaßte, hatte an die Kaiser (Gratian, Valentinian II. und Theodosius) die Bitte gestellt, ein großes Konzil in Alexandrien zu veranstalten. Daraufhin berief Theodosius die Bischöfe seines Reiches bald nach Beendigung des zweiten allgemeinen Konzils zu einer neuen Synode, aber nicht nach Alexandrien, sondern wieder nach Konstantinopel. Hefele, II ², 34 ff.
9: Dieses Glaubensbekenntnis ist vielfach irrigerweise dem zweiten allgemeinen Konzil vom Jahre 381 zugeschrieben worden. Es kann aber insofern ökumenischen Charakter beanspruchen, als es, obgleich nur von einem griechischen Plenarkonzil aufgestellt, doch den Glauben der Gesamtkirche wiedergibt. Hefele a. a. O. 38 f.
10: Hefele (a. a. O. S. 21 ff. u. 39) hält die hier erwähnte Synode für die große antiochenische Synode des Jahres 378, welche einen von Papst Damasus und der römischen Synode vom Jahre 369 an die Orientalen gesandten Tomus annahm und mit ihrem Synodalschreiben als ihr eigenes Glaubensbekenntnis nach Rom schickte.
11: Die in neuester Zeit vielfach vertretene Ansicht, daß das zweite allgemeine Konzil (381) überhaupt kein Glaubensbekenntnis aufgestellt habe, wird durch die obige bestimmte Erklärung des Konstantinopeler Konzils vom Jahre 382, wie es scheint, hinreichend wiederlegt. — Vgl. auch Funk-Bihlmeyer, Kirchengeschichte, 7. Aufl., S. 199 f.
12: Die Abendländer wollten anfangs den Nektarius nicht anerkennen, sondern entschieden sich für Maximus. Ebenso verweigerten sie dem Flavian die Anerkennung und hielten auch fernerhin Paulinus als Nachfolger des Eustathius für den rechtmäßigen Bischof von Antiochien. Aus dieser Haltung der Abendländer erklärt sich das sichtliche Bestreben der morgenländischen Bischöfe, in ihrem Synodalschreiben an die Bischöfe des Abendlandes ihre Wahlen möglichst zu rechtfertigen. — Vgl. oben V 8, S. 272 und Hefele, CG II ², 7 f. 20. — Diözese ist in der alten Kirche gleich Patriarchatssprengel; s. oben S. 6 A. 1. Die Diözese Oriens ist das Patriarchat von Antiochien. S. Atlas zur Kirchengeschichte von Heussi-Mulert, Karte I.
13: 1 Kor. 1, 12.
14: Vgl. Röm. 14, 10.
15: S. oben S. 278.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger