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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Fünftes Buch [378—428]

39. Der Glaube des Kaisers Theodosius1 und seiner Schwestern

[S. 321] Es war aber der gegenwärtige Kaiser, der diesen Schatz in jene Stadt zurückgeführt hat, er, der von seinem Großvater nicht nur den Namen geerbt, sondern auch dessen gläubige Frömmigkeit unverfälscht bewahrt hat. Dieser preßte seine Augen und seine Stirne auf den Reliquienschrein und leistete für seine Eltern Abbitte und flehte um Verzeihung für das Unrecht, das sie ihm aus Unwissenheit zugefügt hätten.

Denn seine Eltern waren schon längst gestorben und hatten ihn noch ganz jung als Waisen zurückgelassen. Doch der Gott seiner Väter und Vorfahren ließ es nicht zu, daß er seine Verwaisung besonders zu fühlen hatte. Denn er sorgte dafür, daß er die Nahrung der rechtgläubigen Frömmigkeit erhielt, bewahrte sein Reich vor Aufruhr und zügelte die revolutionären Gelüste. Eingedenk dieser Wohltaten ehrte der Kaiser seinen Wohltäter immer mit Lobpreisungen. Bei diesen Lobgesängen unterstützen ihn als Genossinnen seine Schwestern, welche lebenslängliche Jungfräulichkeit üben, die Beschäftigung mit den heiligen Schriften als den größten Genuß betrachten und die Hände2 der Dürftigen als sichere Schatzkammer erachten. Den Kaiser selbst aber zieren außer vielen anderen Vorzügen nicht zum wenigsten seine Menschenfreundlichkeit und Sanftmut, eine unerschütterliche Gemütsruhe und ein unverfälschter, bewährter Glaube. Als deutlichen Beweis hierfür will ich folgendes Beispiel anführen.

Ein Mann, der zwar die aszetische Lebensweise erwählt hatte, aber doch eine etwas anmaßende Gemütsart besaß, kam einst zum Kaiser mit einer Bitte. Als er dieses öfter tat und keine Erhörung mehr fand, entzog er dem Kaiser die kirchliche Gemeinschaft und ging nach Auferlegung des Bandes von dannen. Als [S. 322] nun der überaus gläubige Kaiser in seinen Palast zurückgekehrt und die Zeit zur Tafel gekommen und die Gäste bereits versammelt waren, erklärte er, er werde keine Speise zu sich nehmen, bevor er vom Banne befreit sei. Er schickte deshalb einen seiner vertrautesten Höflinge zum Bischof mit dem Ersuchen, dem Manne, der das Band geknüpft habe, zu befehlen, daß er es wieder löse. Der Bischof antwortete, man brauche das Band nicht von jedem beliebigen Menschen anzunehmen, und erklärte dasselbe für gelöst. Der Kaiser nahm jedoch die Lösung nicht an, bis derjenige, der ihn gebunden hatte, mit vieler Mühe gesucht war und ihm selbst die Gemeinschaft zurückgab. So sehr gehorchte er den göttlichen Gesetzen.

Aus demselben Grunde ließ er auch die noch übrigen Reste der Götzentempel von Grund aus zerstören, so daß die nach uns kommenden Menschen keine Spur mehr von dem früheren Irrtum wahrnehmen werden. Diesen Gedanken hat er nämlich selbst in dem hierüber erlassenen Gesetze zum Ausdruck gebracht3.

Er erntet aber auch beständig die Frucht von einem so guten Samen; denn der Herr der Welt steht ihm mit seiner Fürsorge stets zur Seite. So zum Beispiel, als Roilas, ein Fürst der nomadischen Scythen, mit einem äußerst zahlreichen Heere den Ister überschritt und Thrazien verheerte und plünderte und drohte, die Kaiserstadt zu belagern und in raschem Anlauf einzunehmen und zu zerstören, da sandte Gott vom Himmel her Blitze und Donner, streckte ihn selbst darnieder und vernichtete sein ganzes Heer.

Etwas Ähnliches hat Gott auch im Perserkriege gewirkt. Als nämlich die Perser von der anderweitigen Beschäftigung der Römer erfuhren und unter Verletzung der Friedensverträge den Krieg gegen die angrenzenden Gebiete eröffneten und den Bekriegten niemand zu Hilfe kam — der Kaiser hatte nämlich im Vertrauen auf den Frieden Feldherrn wie Soldaten zu anderen Kriegen ausgesandt —, da schickte Gott heftigen Regen und gewaltigen Hagel und hinderte dadurch [S. 323] das weitere Vordringen der Feinde und hemmte den Lauf ihrer Pferde, so daß sie in zwanzig Tagen nicht einmal die gleiche Zahl von Stadien zurücklegen konnten, bis endlich die (römischen) Feldherrn anlangten und die Soldaten sammelten.

Auch in dem vorhergehenden Kriege hatte Gott eben dieselben, als sie die dem Kaiser gleichnamige Stadt4 belagerten, zu Schanden gemacht. Während nämlich Gororanes5 die eben genannte Stadt mehr als dreißig Tage lang vollständig umzingelt hielt, viele Helepolen (Mauerbrecher) heranführte, unzählige Kriegsmaschinen in Tätigkeit setzte und draußen vor der Stadtmauer hohe Türme aufführen ließ: leistete ihm der heilige Bischof mit Namen Eunomius allein Widerstand und brach er allein den Anprall der angreifenden Maschinen; und während unsere Feldherrn dem Kampf mit den Feinden auswichen und nicht wagten, den Belagerten zu Hilfe zu kommen, trat dieser dem Feind entgegen und schützte die Stadt vor der Zerstörung. Und als einer von den Königen bei den Barbaren zu seiner gewohnten Gotteslästerung sich verstieg und die Worte des Rapsaces und Sennacherib6 gebrauchte und zu der wahnsinnigen Drohung sich hinreißen ließ, den heiligen Tempel anzuzünden: da konnte jener heilige Mann solchen Übermut nicht mehr ertragen, sondern ließ die Wurfmaschine, die den Namen des Apostels Thomas führte, auf der Mauerzinne aufstellen und befahl einen großen Stein daraufzulegen und im Namen des Gelästerten abzuschießen. Der Stein fuhr nun geradewegs auf jenen gottlosen König los, traf den frevelnden Mund, zerquetschte ihm das Gesicht, zerschmettert den ganzen Kopf und spritzte das Gehirn auf die Erde. Als Gororanes, der das Heer gesammelt und gehofft hatte, die Stadt einnehmen zu können, dieses sah, brach er eilends auf, gestand so durch die Tat seine Niederlage und schloß voller Furcht den Frieden. So trägt also der König des Weltalls Sorge für den überaus [S. 324] gläubigen Kaiser, was nicht zu verwundern ist, da auch dieser sich offen zu seinem Dienste bekennt und dem Herrn die gebührende Huldigung erweist.

Dieser gab die Reliquien des großen Lichtes des Erdkreises der sehnsüchtig verlangenden Stadt zurück. Doch geschah dieses erst zu einer späteren Zeit.

1: Theodosius II. 408—450.
2: Parmentier hat hier χρείας [chreias] Ich möchte aber der Lesart χεῖρας [cheiras] den Vorzug geben sowohl aus inneren Gründen, als auch weil Kassiodor bzw. der Scholastikus Epiphanius in seiner Vorlage ebenfalls χεῖρας [cheiras] gelesen und daher manus übersetzt hat.
3: Vgl. Cod. Theod. XVI, 10, 25.
4: Theodosiopolis.
5: Der Perserkönig Bahram V., der Sohn des Isdigerdes.
6: 4 Kön. 18, 17 ff.; Is. 36, 2 ff.

 

 

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