Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Fünftes Buch [378—428]

24. Bischof Flavian von Antiochien und die Trennung der Abendländer wegen des Paulinus

In Antiochien folgte auf den großen Meletius im bischöflichen Amte Flavian, der gemeinsam mit Diodorus jene zahlreichen Kämpfe für die Rettung der Schafe bestanden hatte. Es wollte zwar Paulinus die Regierung der Kirche an sich reißen, allein die Priesterschaft widersprach mit der Begründung, derjenige, der die Anerbietungen des Meletius nicht angenommen habe, dürfe nach dessen Tod auch den Sitz desselben nicht einnehmen, sondern es gezieme sich, daß derjenige Hirte werde, der sich durch viele Mühen ausgezeichnet und so lange Zeit hindurch für die Schafe Gefahren bestanden habe1.

Diese Wahl veranlaßte nun bei den Römern und Ägyptern eine sehr lange dauernde feindselige Stimmung gegen das Morgenland. Denn nicht einmal durch den Tod des Paulinus wurde die Feindschaft beigelegt, sondern auch nach ihm, als Evagrius dessen Sitz einnahm, blieben sie dem großen Flavian abgeneigt und blieben es, obschon Evagrius im Widerspruch mit dem kirchlichen Recht aufgestellt worden war. Es hatte ihn nämlich Paulinus allein erhoben, wodurch er gleichzeitig [S. 305] viele Kanones verletzte. Denn dieselben gestatten nicht, daß der Sterbende sich selbst den Nachfolger bestelle, sondern sie fordern die Berufung aller Bischöfe der Provinz, und wiederum verbieten sie, daß eine Bischofsweihe von weniger als drei Bischöfen vorgenommen werde. Aber von allen diesen Vorschriften wollten jene nichts wissen, hielten sich zur Gemeinschaft des Evagrius und wußten die Ohren des Kaisers gegen Flavian einzunehmen.

Oftmals darum angegangen, berief ihn nämlich der Kaiser nach Konstantinopel und befahl ihm, nach Rom zu reisen2. Flavian wies jedoch darauf hin, daß Winter sei, versprach aber, mit Eintritt der milderen Jahreszeit den Befehl auszuführen. Hierauf kehrte er wieder in seine Heimat zurück. Da jedoch die Bischöfe von Rom, nicht nur der bewunderungswürdige Damasus, sondern auch dessen Nachfolger Siricius und der auf Siricius folgende Anastasius dem gläubigfrommen Kaiser heftigere Vorwürfe machten3 und ihm vorhielten, daß er zwar die Empörer gegen seine eigene Herrschaft unterdrücke, dagegen diejenigen, welche sich gegen die Gesetze Christi auflehnten, in ihrer unrechtmäßigen Herrschaft belasse, so ließ ihn der Kaiser abermals zu sich rufen und wollte ihn zwingen, nach Rom zu reisen. Da sprach nun der überaus weise Flavian mit lobenswertem Freimut: „Wenn einige, o Kaiser, meinen Glauben als häretisch verdächtigen oder mein Leben für des Priestertums unwürdig erklären, so will ich meine Ankläger selbst als Richter erkennen und das von ihnen gefällte Urteil gerne annehmen. Wenn sie aber um den bischöflichen Stuhl und Vorsitz streiten, so will ich nicht rechten und kämpfen mit denjenigen, welche ihn mir entreißen wollen, sondern ich will zurücktreten und auf das bischöfliche Amt verzichten. Gib also, o Kaiser, den Stuhl von Antiochien, wem du willst.” Der Kaiser bewunderte den Mut und die Weisheit des Flavian und befahl [S. 306] ihm, in sein Land zurückzukehren und die ihm anvertraute Kirche weiter zu regieren.

Seitdem war eine geraume Zeit verstrichen, als der Kaiser nach Rom kam und von den Bischöfen wiederum dieselbe Klage hören mußte, daß er nämlich der unrechtmäßigen Regierung des Flavian kein Ende mache. Da verlangte er von ihnen, daß sie die Art der unrechtmäßigen Herrschaft näher bezeichneten, und fügte bei, er selbst sei Flavian und zum Anwalt desselben geworden. Und als sie darauf erwiderten, mit dem Kaiser könnten sie nicht streiten, da ermahnte er sie, fernerhin die Kirchen zur Eintracht zurückzuführen, den Streit ruhen zu lassen und das unnütze Gezänke zu unterdrücken. „Denn Paulinus ist schon längst gestorben und Evangrius auf unrechtmäßige Weise erhoben worden4. Die Kirchen des Morgenlandes anerkennen den Vorsitz des Flavian, und außer dem Morgenlande steht die ganze Provinz Asien, der Pontus und selbst Thracien mit ihm in Gemeinschaft und Verbindung, und ebenso erkennt ihn ganz Illyrien als Vorsteher der Bischöfe des Morgenlandes.” Diesen Vorstellungen gaben die Bischöfe des Abendlandes nach und versprachen, die Feindseligkeit aufzugeben und die Gesandten, die geschickt würden, wohlwollend aufzunehmen.

Auf die Kunde hievon schickte der heilige Flavian einige lobwürdige Bischöfe und von Antiochien mehrere Priester und Diakonen nach Rom. An der Spitze der gesamten Gesandtschaft stand Acacius, der mit der Regierung der Kirche von Beröa in Syrien betraut und überall zu Wasser und zu Lande bekannt und berühmt war. Dieser kam mit den übrigen Abgeordneten nach Rom, machte der langwierigen, siebzehn Jahre dauernden Spaltung ein Ende und vermittelte den Kirchen den Frieden. Auf die Nachricht hievon gaben auch die Ägypter ihre Feindschaft auf und schlossen sich dem [S. 307] allgemeinen Frieden an5. Damals leitete die Kirche der Römer Innozenz, der Nachfolger des Anastasius, ein durch Umsicht und Weisheit ausgezeichneter Mann6. Zu Alexandrien regierte Theophilus, dessen ich schon früher gedachte7.

In dieser Weise vermittelte also der glaubenseifrige Kaiser den Frieden der Kirchen.

1: Vgl. oben IV 25, S. 250 und V 3, S. 265 A. 2.
2: Zur Synode von Capua 391/92. Vgl. Hefele CG II ², 52 f.
3: Damasus regierte 366—384, Siricius 384—399, Anastasius 399—401. Da Anastasius erst 399 zum Bischof von Rom gewählt wurde, kann er als Papst dem Kaiser Theodosius, der schon 395 gestorben war, keine Vorwürfe mehr gemacht haben.
4: Paulinus starb 388. Sein Nachfolger Evagrius, der das von Athanasius verfaßte Leben des hl. Antonius ins Lateinische übersetzte, schied schon um 393 aus dem Leben; er erhielt keinen Nachfolger mehr, da Flavian die Wahl eines solchen zu verhindern wußte. Vgl. Sokrates HE V 15, bei Migne 67, 601 ff.
5: Große Verdienste um die Aussöhnung zwischen dem Morgen- und Abendland erwarb sich Chrysostomus als Patriarch von Konstantinopel. Er gewann zunächst seinen Konsekrator, den Patriarchen Theophilus von Alexandrien, für Flavian; und derselbe Bischof Acacius von Beröa in Syrien, der ein Schreiben des Chrysostomus über seine Erhebung nach Rom brachte, war zugleich Führer einer antiochenischen, von Flavian abgeordneten Gesandtschaft, welche in Rom für die Aussöhnung wirken sollte. Es gelang ihr auch, die Anerkennung des Papstes Siricius für Flavian zu erreichen. Es war im Jahre 398, siebzehn Jahre nach der Wahl Flavians (381). Nunmehr schlossen sich auch die Bischöfe von Ägypten, Arabien und Cypern, die bisher mit den Abendländern auf Seite der Eustathianer gestanden waren, an Flavian an. Ein Teil der Eustathianer blieb allerdings noch einige Zeit in hartnäckiger Trennung, bis sie endlich Flavians zweiter Nachfolger Alexander durch freundliches Entgegenkommen für sich gewann. S. unten V 37, S. 320. Ein letzter Rest unterwarf eich 482. — Kirchenlexikon (2. Aufl.) VIII 1232 f. Funk-Bihlmeyer, KG (7. Aufl.) S. 202.
6: Theodoret irrt, wenn er behauptet, daß damals Innozenz I. die Kirche von Rom geleitet habe. Denn 398 regierte noch Siricius (384—399); auf ihn folgte 399 Anastasius und erst 401 Innozenz I.
7: Vgl. oben V 23, S. 303 f.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Erstes Buch [323—337]
. Zweites Buch [337—361]
. Drittes Buch [361—363]
. Viertes Buch [363—378]
. Fünftes Buch [378—4...
. . Mehr
. . 16. Amphilochius, ...
. . 17. Das Blutbad ...
. . 18. Der Freimut ...
. . 19. Die Kaiserin ...
. . 20. Der Aufstand ...
. . 21. Allgemeine ...
. . 22. Die Zerstörung ...
. . 23. Theophilus, ...
. . 24. Bischof Flavian ...
. . 25. Die Empörung ...
. . 26. Das Ende des ...
. . 27. Der Kaiser ...
. . 28. Die Frömmigkeit ...
. . 29. Der göttliche ...
. . 30. Die Zerstörung ...
. . 31. Die Kirche ...
. . 32. Seine Sorge ...
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger