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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Fünftes Buch [378—428]

20. Der Aufstand in Antiochien

Durch seine häufigen Kriege sah sich der Kaiser genötigt, den Städten eine außerordentliche Abgabe aufzuerlegen. Die Stadt Antiochien nahm aber die neue Steuer nicht an, sondern als das Volk sah, daß die Eintreiber in Angst schwebten, verübte es neben anderem Unfug, den der Pöbel zu treiben pflegt, wenn er Anlaß zu Ausschreitungen findet, auch den, daß es die eherne Bildsäule der allgemein verehrten Placilla — so hieß nämlich die Kaiserin — umstürzte und durch einen großen Teil der Stadt schleifte. Als der Kaiser dieses erfuhr, geriet er begreiflicherweise in Zorn, nahm der Stadt ihre Vorrechte und verlieh den Rang einer Hauptstadt der benachbarten Stadt, weil er glaubte, sie [S. 298] dadurch am empfindlichsten strafen zu können. Laodicea war nämlich schon seit längerer Zeit auf Antiochien eifersüchtig. Außerdem drohte er der Stadt, sie anzuzünden, zu zerstören und in ein Dorf zu verwandeln. Übrigens hatte der Magistrat selbst schon einige, die auf frischer Tat ergriffen worden waren, mit dem Tode bestraft, noch ehe der Kaiser von der traurigen Geschichte Kunde erhielt. Dieses alles befahl zwar der Kaiser, aber es kam nicht zur Ausführung, weil das Gesetz im Wege stand, das auf die Mahnung des großen Ambrosius hin gegeben worden war1. Als aber die Überbringer der kaiserlichen Drohungen ankamen, nämlich Ellebechus, der damals Feldherr war, und der Palastvorsteher Cäsarius — die Römer nennen den Inhaber dieses Amtes magister —, da erschauderten alle in Angst und Schrecken vor den Drohungen.

Doch die Helden der Tugend, welche am Fuße des Berges wohnten — und ihrer waren zu der Zeit viele und ganz ausgezeichnete —, wandten sich an jene Männer mit vielen Bitten und Ermahnungen. Der überaus heilige Macedonius, der von den auf das Leben bezüglichen Dingen nichts verstand und selbst in den heiligen Schriften ganz unwissend war, der aber auf den Gipfeln der Berge sich aufhaltend Tag und Nacht dem Erlöser der Menschheit reine Gebete darbrachte, erschrak weder vor dem Zorn des Kaisers noch kümmerte er sich um die Macht der Abgesandten, sondern faßte mitten in der Stadt den einen am Mantel und forderte beide auf, von den Pferden zu steigen. Als diese das kleine, alte und in armselige Lumpen gehüllte Männchen sich ansahen, wurden sie zuerst unwillig, als ihnen aber einige von den Vornehmeren die Tugend des Mannes schilderten, sprangen sie von ihren Pferden, umfaßten seine Knie und baten ihn um Verzeihung.

Dieser aber sprach, von der göttlichen Weisheit geleitet, folgende Worte zu ihnen: „Saget, meine lieben Männer, dem Kaiser: Du bist nicht nur Kaiser, sondern auch Mensch. Sieh also nicht allein auf deine kaiserliche Würde, sondern denke auch an deine Natur! Du [S. 299] bist ein Mensch und herrschest über Wesen derselben Art. Die menschliche Natur aber ist nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen. Laß also das Bild Gottes nicht so grausam und unbarmherzig vernichten! Denn du erbitterst den Schöpfer, wenn du sein Bildnis so schlimm behandelst. Bedenke nur, daß auch du diese Strafen verhängen willst, weil du wegen der Mißhandlung eines ehernen Bildes erzürnt bist! Wie viel aber ein beseeltes, lebendes und vernunftbegabtes Bild vor einem leblosen voraus hat, das ist allen Verständigen klar. Außerdem beherzige auch dieses, daß es uns leicht ist, statt des einen viele andere eherne Bilder fertigen zu lassen, daß es dir aber ganz und gar unmöglich ist, auch nur ein einziges Haar der Getöteten wieder herzustellen.”

Nachdem jene bewunderungswürdigen Männer diese Worte gehört hatten, überbrachten sie dieselben dem Kaiser und löschten damit die Flamme seines Zornes. Und an Stelle seiner früheren Drohungen verfaßte er jetzt eine Verteidigungsschrift und gab darin die Ursache seines Zornes kund. „Denn”, so sagte er, „wenn auch ich selbst gefehlt habe, so brauchte doch diese alles Lobes überaus würdige Frau nicht nach ihrem Tode eine solche Schmach zu erleiden, sondern die Erzürnten hätten ihre Erbitterung gegen mich richten sollen.” Er fügte noch hinzu, daß er es lebhaft bedauere, hören zu müssen, daß einige vom Magistrat hingerichtet worden seien.

Ich aber habe dieses erzählt, weil ich es nicht für recht halte, die Freimütigkeit des berühmten Mönches der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, und weil ich zeigen wollte, wie nützlich jenes Gesetz gewesen, welches der große Ambrosius veranlaßt hatte.

1: S. oben S. 294 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger