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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Fünftes Buch [378—428]

17. Das Blutbad in Thessalonich1

Indessen ist es nicht leicht, allen Fallstricken des gemeinsamen Feindes der Menschen zu entgehen. Häufig wird, wer der Neigung zur Ausschweifung entrinnt, von der Schlinge der Habsucht erfaßt; wenn er auch diese überwindet, so gähnt von der anderen Seite der Abgrund des Neides; und wenn er auch diesen wieder überspringt, findet er das Netz des Zornes vor seinen Füßen; diese und tausend andere Fußangeln legt der böse Feind den Menschen, um sie ins Verderben zu stürzen. Dazu findet er in den körperlichen Leidenschaften Gehilfinnen für die Nachstellungen, die er der Seele bereitet. Einzig und allein der wachsame Geist behält die Oberhand, indem er durch das Streben nach dem Göttlichen den Andrang der trügerischen Versuchungen bricht. Diese menschliche Natur besaß nun auch der Kaiser, und er hatte auch teil an den [S. 291] Leidenschaften, und so führte die zu dem gerechten Zorne sich gesellende Maßlosigkeit zu einem grausamen, ungerechten und schmerzlichen Ereignis. Ich will des Nutzens der Leser wegen auch diesen Vorfall berichten, da derselbe nicht nur eine Anklage gegen den vielbewunderten Kaiser, sondern auch ein der Erinnerung höchst würdiges Lob in sich schließt.

Thessalonich ist eine sehr große und volkreiche Stadt, die zur Provinz Mazedonien gehört, zugleich aber auch die Hauptstadt ist von Thessalien, Achaia und sehr vielen anderen Provinzen, die dem Statthalter von Illyrien unterstehen. Hier waren bei Gelegenheit eines Aufstandes einige Beamte gesteinigt und mißhandelt worden. Der Kaiser geriet auf die Nachricht hievon in flammende Entrüstung, konnte die heftige Aufwallung seines Zornes nicht bändigen und das ungestüme Drängen desselben auch mit den Zügeln der Vernunft nicht aufhalten, sondern überließ es demselben, das Strafurteil zu fällen. Nachdem aber der Zorn einmal im Besitze der Macht war, zerriß er, willkürlich und gewalttätig wie der Zorn eben ist, alle Bande, schüttelte das Joch der Vernunft ab, zückte das ungerechte Schwert gegen alle und tötete mit den Schuldigen auch die Unschuldigen. So wurden, wie man sagt, siebentausend Menschen niedergemacht, ohne daß eine gerichtliche Untersuchung vorausgegangen wäre und ohne daß eine Verurteilung der Urheber jener Frevel stattgefunden hätte, sondern sie wurden, wie bei einer Ernte die Ähren, alle zumal hinweggemäht.

1: Im Frühjahr 390.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger