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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Zweites Buch [337—361]

4. Zweite Verbannung des seligen Athanasius. Erhebung und Ende des Gregorius

Mit solchen und ähnlichen Reden wußten sie den leichtbeweglichen Sinn des Kaisers für sich einzunehmen und zu überreden, den Athanasius von seiner Kirche zu vertreiben. Dieser gewahrte jedoch frühzeitig die drohenden Nachstellungen, ging ihnen aus dem Wege und begab sich nach dem Abendlande1. Die Eusebianer hatten nämlich ihre gegen Athanasius ersonnenen Anklagen auch dem Bischof von Rom übersandt. Julius regierte damals die dortige Kirche. Derselbe hielt sich an das kirchliche Gesetz und befahl deshalb den Anklägern, auch ihrerseits nach Rom zu kommen; ebenso berief er den heiligen Athanasius vor seinen Richterstuhl. Letzterer machte sich, nachdem er die Vorladung erhalten hatte, sofort auf den Weg; jene aber, welche das Ränkespiel angezettelt hatten, kamen nicht nach Rom, weil sie wohl erkannten, daß ihr Lügengewebe leicht zu zerreißen sei; dagegen stellten sie für die Herde, die sie ihres Hirten beraubt sahen, einen Wolf als Hirten auf. Derselbe hieß Gregorius und behandelte die Herde sechs Jahre lang grausamer als ein wildes Tier, bis er endlich für seine Frevel büßte, indem er von seiner eigenen Herde gräßlich ermordet wurde.

[S. 96] Athanasius aber begab sich zu Konstans — Konstantin nämlich, der älteste unter den Brüdern, war im Kriege gefallen —, beschwerte sich über die Nachstellungen der arianischen Partei, klagte über ihren Kampf gegen den apostolischen Glauben, erinnerte ihn an seinen Vater und an die von demselben berufene große Synode und wie derselbe an der Versammlung persönlich teilgenommen und die Beschlüsse der Bischöfe durch ein Staatsgesetz bestätigt habe. Durch solche Klagen und Vorstellungen rief er im Kaiser den Eifer seines Vaters wach. Denn kaum hatte dieser solches vernommen, da schrieb er sofort an seinen Bruder und ermahnte ihn das väterliche Erbe der frommen Rechtgläubigkeit unversehrt zu bewahren; denn jener habe durch seinen frommen Glauben seine Herrschaft befestigt, die tyrannischen Herrscher der Römer gestürzt und die ringsum wohnenden Barbaren unterworfen.

Auf dieses Schreiben hin erließ Konstantius den Befehl, daß die Bischöfe des Morgen- und Abendlandes in Sardika, einer Stadt Illyriens, der Hauptstadt der Provinz Dacien, sich versammeln sollten. Denn es gab in der Kirche auch noch viele andere Übelstände, welche eine synodale Behandlung erheischten2.

1: Athanasius wurde von den Eusebianern auf einer Synode zu Antiochien (wohl schon zu Beginn des Jahres 339, nicht erst 340) abgesetzt und der Kappadozier Gregor, bisher Gefälleinnehmer in Konstantinopel, zum Nachfolger geweiht und unter militärischem Schutz nach Alexandrien geführt. Er langte kurz vor Ostern in Alexandrien an und nahm unter vielen Greueln und Gewalttaten Besitz von den dortigen Kirchen. Athanasius war vier Tage vor Gregors Ankunft geflohen; er hatte sich auf den Weg nach Rom begeben. Vgl. Hefele, CG I ², 493 ff.
2: Theodoret übergeht hier verschiedene Ereignisse, die noch vor der Synode von Sardika liegen. So hat er schon oben S. 95 allem Anschein nach absichtlich verschwiegen, daß Athanasius auf einer antiochenischen Synode abgesetzt worden sei, und so berichtet er auch hier nichts von der römischen Synode des Jahres 340, welche die Absetzung des Athanasius und des Marcellus von Ancyra für ungerecht erklärte und beide Männer wieder in die Kirchengemeinschaft aufnahm, und ebenso erwähnt er nichts von der Kirchweihsynode zu Antiochien 341, welche nacheinander drei oder vier Glaubenssymbole aufstellte, die in der Hauptsache einander gleich, nicht eigentlich arianisch, aber auch nicht ganz orthodox waren, da sie das nizänische ὁμοούσιος [homoousios] (gleichwesentlich) ängstlich vermieden. Vgl. Hefele I ², 499. 502 bis 530. — Theodoret mochte diese Vorgänge vielleicht für weniger wichtig halten, aber der Hauptgrund für das Verschweigen derselben wird wohl darin gelegen sein, daß sie ihm für Antiochien und die in Betracht kommenden Bischöfe weniger ehrenvoll erschienen. Theodoret huldigt nämlich dem Grundsatz, daß man auch in der Geschichtschreibung die Fehler der Orthodoxen [S. 97] möglichst zudecken müsse. S. unten V, 36 S. 318. Vgl. hierzu die Einleitung zur neuesten griechischen Ausgabe der Kirchengeschichte Theodorets von Parmentier (1911), Kap. 14: “Theodoret als Geschichtschreiber”, p. XCV: II sqq. bes. p. CII.

 

 

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