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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Zweites Buch [337—361]

15. Die Synode in Mailand1

Als nach dem Tode des Konstans Magnentius sich der Herrschaft über das Abendland bemächtigt hatte, brach Konstantius selbst nach Europa auf, um gegen den Usurpator zu Felde zu ziehen2. Aber selbst dieser schwierige Krieg setzte dem Krieg gegen die Kirchen kein Ziel. Man überredete nämlich den Kaiser, der sich leicht für alles gewinnen ließ und bereits das Gift der Häresie in sich aufgenommen hatte, nach Mailand, einer Stadt Italiens, eine Synode zu berufen und zuerst alle, die da zusammenkommen würden, zu zwingen, der in Tyrus von jenen ungerechten Richtern ausgesprochenen Absetzung beizupflichten, dann aber, wenn auf diese Weise Athanasius aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen wäre, ein neues Glaubensbekenntnis aufzustellen. Allein die Bischöfe kamen zwar auf das kaiserliche Schreiben hin zusammen, wollten aber weder das eine noch das andere tun, sondern machten dem Kaiser ins Gesicht hinein geradezu den Vorwurf, daß er Ungerechtes und Gottloses von ihnen verlange, und wurden [S. 123] daraufhin von ihren Kirchen vertrieben und zur Verbannung an die äußersten Grenzen der Erde verurteilt. Auch dieses hat wieder der bewunderungswürdige Athanasius in seiner schon genannten Apologie3 uns aufgezeichnet.

„Wer könnte das alles erwähnen, was jene getan haben? Die Kirchen erfreuten sich seit kurzem wieder des Friedens, und das Volk betete bei den gottesdienstlichen Versammlungen; da wurden der Bischof von Rom, Liberius, und Paulinus, der Bischof der Metropole Galliens, Dionysius von der Metropole Italiens, Lucifer von der Metropole der sardinischen Inseln und Eusebius aus Italien4, lauter gute Bischöfe und Herolde der Wahrheit, ergriffen und in die Verbannung geführt, und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil sie der arianischen Häresie nicht beipflichten und die verleumderischen Anklagen, welche die Arianer gegen uns erhoben, nicht unterschreiben wollten. Von dem großen und hochbetagten Bekenner Hosius, der in Wahrheit ein Hosius (das heißt ein Heiliger) war, ist es überflüssig, auch nur ein Wort zu sagen; denn sonder Zweifel ist es allen bekannt geworden, daß sie auch dessen Verbannung durchgesetzt haben. Dieser ehrwürdige Greis ist ja nicht unbekannt, sondern weitaus der berühmteste von allen. Auf welcher Synode hätte er nicht den Vorsitz geführt und durch seine zutreffenden Worte alle überzeugt? Welche Kirche bewahrt nicht die schönsten Erinnerungen an seine Hirtensorge? Wer wäre jemals traurig zu ihm gekommen und nicht freudig von ihm weggegangen? Wer hätte sich jemals mit einer Bitte an ihn gewandt und hätte sich entfernt, ohne erlangt zu haben, was er wünschte? Und dennoch haben sie sich auch an diesen Mann herangewagt, weil auch er, ihre gottlosen [S. 124] Verleumdungen klar durchschauend, ihre Anschläge gegen uns nicht unterzeichnen wollte.“

Was man sich also gegen jene heiligen Männer alles erlaubte, zeigt uns die vorstehende Schilderung. Wie viel Schlimmes aber die Anführer der arianischen Sekte sehr vielen anderen zugefügt haben, auch das erzählt uns derselbe heilige Mann in der gleichen Schrift5.

„Wen haben sie nicht, wenn sie ihn verfolgt und ergriffen hatten, nach Laune und Willkür mißhandelt? Wen haben sie nicht, nachdem sie ihn gesucht und gefunden hatten, so übel zugerichtet, daß er entweder elend sterben oder doch an allen Gliedern Schaden nehmen mußte? Denn was man sonst die Richter tun sieht, das vollziehen jetzt diese, ja noch mehr, erstere sind die Diener ihres Willens und ihrer Schlechtigkeit. Wo ist ein Ort, der nicht irgendein Erinnerungszeichen ihrer Bosheit aufzuweisen hätte? Welche Andersgesinnten haben sie nicht zugrunde gerichtet, und zwar unter erlogenen Vorwänden nach Art der Jezabel? Welche Kirche ist nicht in Trauer infolge ihrer Nachstellungen und Verfolgungen? Antiochien trauert um den rechtgläubigen Bekenner Eustathius, Balaneä um Euphration, Paltos und Antarados um Kymatius und Karterius, Adrianopel um Eutropius, den Freund Christi, und um dessen Nachfolger Lucius, der oftmals von ihnen in Ketten gelegt und so zu Tode gemartert worden ist, Ancyra trauert um Marcellus, Beröa um Cyrus, Gaza um Asklepas6. Diese alle haben jene hinterlistigen Menschen zuerst vielfach mißhandelt und dann auch noch in die Verbannung schicken lassen. Dem Theodulus und Olympius, beide aus Thrazien, sowie uns und unseren Priestern ließen sie so eifrig nachspüren, daß es uns, wären wir gefunden worden, den Kopf gekostet hätte, und wir wären wohl so dem Tode verfallen gewesen, wenn wir ihnen nicht wider Erwarten auch damals entronnen wären. So lauten nämlich die Schreiben, welche in [S. 125] Betreff des Olympius an den Prokonsul Donatus und unsertwegen an Philagrius gerichtet wurden.“

Dieses waren also die verwegenen Unternehmungen jener gottlosen Partei gegen die heiligen Männer. Der genannte Hosius aber war Bischof von Corduba. Er hatte sich schon auf der großen Synode zu Nizäa ausgezeichnet und auf der Versammlung zu Sardika den Vorsitz geführt.

Ich will nunmehr die freimütige Verteidigung der Wahrheit durch den berühmten Liberius und die bewunderungswürdigen Worte, die er an Konstantius richtete, in meine Erzählung aufnehmen. Dieselben sind nämlich von gottliebenden Männern der damaligen Zeit aufgezeichnet worden, weil sie geeignet sind, bei den Freunden göttlicher Dinge den Eifer zu wecken und zu fördern. Liberius leitete die römische Kirche nach Julius, dem Nachfolger des Silvester7.

1: Im Jahre 355. — Theodoret berichtet über die Synode von Mailand erst in diesem Kapitel, obschon sie chronologisch und dem kausalen Zusammenhange nach der Verbannung des Athanasius und den in Kapitel 13 und 14 erzählten Ereignissen voranging. Vgl. oben S. 117 A. 1.
2: Vgl. oben S. 91 A. 2 und 117 A. 1.
3: Athanas. Apol. de fuga sua c. 4 u. 5, bei Migne ser. gr. 25, 649.
4: Paulinus von Trier, Dionysius von Mailand, Lucifer von Calaris, Eusebius von Vercelli. Der erstgenannte Bischof Paulinus von Trier wurde aber nicht erst von der Synode von Mailand, sondern bereits zwei Jahre früher von der Synode von Arles gebannt. Vgl. oben S. 117 A. 1.
5: Athanas. Apol. de fuga sua c. 3, bei Migne ser. gr. 25, 648 f.
6: Antiochien, Paltos und Beröa sind Städte in Syrien, Balaneä und Antarados in Phönizien, Adrianopel in Thrazien, Ancyra in Kleinasien (Galatien), Gaza in Palästina.
7: Silvester I. regierte 314—35; diesem folgte zunächst Markus 336, sodann Julius I. 337—52 und Liberius 352—66.

 

 

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