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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Zweites Buch [337—361]

13. Dritte Verbannung und Flucht des Athanasius1.

Diejenigen, welche den Konstantius nach ihrem Belieben lenkten, riefen ihm jetzt ins Gedächtnis zurück, [S. 118] wie er um des Athanasius willen mit seinem Bruder in Zwist geraten sei und wie sie beinahe die Bande der Natur zerrissen und Krieg gegeneinander begonnen hätten. Hierdurch erbittert, befahl Konstantius nicht etwa nur, den heiligen Athanasius zu verbannen, sondern sogar ihn zu töten. Er sandte einen gewissen Sebastianus als Anführer mit einer sehr großen Heeresmacht und mit dem Befehle, ihn umzubringen wie einen Verbrecher. Wie dieser hierbei zu Werke ging und wie jener durch die Flucht sich entzog, wird derjenige, der dieses erlitten hat und wider Erwarten gerettet wurde, selbst am besten zu erzählen wissen. In der Apologie seiner Flucht berichtet er nämlich folgendes2:

„Mögen sie gleichwohl auch die Art und Weise meiner Flucht ins Auge fassen und mögen sie sich dieselbe erzählen lassen von ihren eigenen Leuten! Denn es waren Arianer, die mit den Soldaten mitliefen, um sie anzutreiben und uns denen zu zeigen, die uns nicht kannten. Und wenn sie vielleicht auch eben deswegen teilnahmslos sind, so mögen sie uns doch wenigstens aus Scham ruhig anhören! Schon war nämlich die Nacht angebrochen, und einige aus dem Volke wollten sie durchwachen in Erwartung der gottesdienstlichen Feier. Da erschien plötzlich der Befehlshaber mit mehr als fünftausend Soldaten, welche Waffen, entblößte Schwerter, Bogen, Pfeile und Keulen mit sich führten, wie schon früher gesagt worden ist. Er umzingelte die Kirche und stellte die Soldaten so dicht nebeneinander, daß ihnen niemand, der aus der Kirche herauskam, entgehen konnte. Ich hielt es aber für unpassend, in einer so großen Verwirrung das Volk zu verlassen und nicht vielmehr an seiner Spitze die Gefahr zu bestehen; daher [S. 119] blieb ich auf dem Thronsessel und befahl dem Diakon, einen Psalm zu lesen3, das Volk aber sollte antworten: „Denn seine Barmherzigkeit währet in Ewigkeit.“ Dann sollten sich alle entfernen und nach Hause gehen. Als aber endlich der Heerführer in die Kirche eindrang und die Soldaten den Chor umstellten, um uns gefangen zu nehmen, da fingen die anwesenden Kleriker und das Volk an zu rufen und uns aufzufordern, daß nun auch wir uns entfernen sollten. Ich aber erklärte dagegen mit noch größerer Entschiedenheit, daß ich mich nicht eher entfernen würde, bis alle anderen der Reihe nach fortgegangen wären. Ich stand also auf, befahl zu beten und forderte alle miteinander auf, währenddessen die Kirche zu verlassen, denn, so sagte ich, es ist besser, wenn ich in Gefahr gerate, als daß irgendjemand von Euch zu Schaden komme. Nachdem nun die meisten schon hinausgegangen waren, während die übrigen folgten, kamen die dort bei uns befindlichen Mönche und einige von den Klerikern zu uns hinauf und rissen uns mit sich fort. So entkamen wir, die Wahrheit ist uns Zeuge, während die Soldaten teils den Chor umstanden, teils die Kirche umzingelten, da der Herr uns führte und schützte; wir entgingen unbemerkt ihren Händen und lobten und priesen gerade Gott gar sehr dafür, daß wir einerseits das Volk nicht preisgegeben, sondern vor uns entlassen hatten, und daß wir andrerseits doch Rettung zu finden und den Händen derer, die uns suchten, zu entrinnen vermocht hatten.“

1: Im Jahre 356. — Als Kaiser Konstans, der mächtigste Beschützer des nizänischen Glaubens, 350 gestorben war und dessen Mörder, der Usurpator Magnentius, von Konstantius 351 überwunden, sich 353 selbst entleibte, da konnte Konstantius, nunmehr Alleinherrscher geworden und in seiner Herrschaft gesichert, wieder freier und offener für die Sache der Arianer eintreten. Auf den Synoden von Arles (353) und Mailand (355) wurde die [S. 118] Absetzung des Athanasius mit Gewalt erzwungen. Die Bischöfe, welche diesem ungerechten Urteil nicht zustimmten, wurden in die Verbannung geschickt, so Paulinus von Trier schon 353, die Bischöfe Eusebius von Vercelli, Dionysius von Mailand, Lucifer von Calaris, Liberius von Rom, Hosius von Corduba 355, Hilarius von Poitiers 356. In dem gleichen Jahre 356 mußte Athanasius neuerdings die Flucht ergreifen, um sein Leben zu retten. Dritte Verbannung 356—362. Vgl. Hefele CG I ². 652 ff.
2: Athanas. de fuga sua c. 24, bei Migne, s. gr. 25, 673—676.
3: Vielleicht Ps. 135 [Ps. 136]; vgl. Ps. 117, 1—4 u. 29 [Ps. 118, 1—4 u. 29].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger