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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Erstes Buch [323—337]

10. Schreiben des Kaisers Konstantin an die abwesenden Bischöfe in Betreff der Konzilsbeschlüsse

„Konstantin Augustus an die Kirchen.

Da ich aus dem befriedigenden Stande der öffentlichen Angelegenheiten erfahren habe, wie groß die Güte der göttlichen Macht ist, so glaubte ich vor allem dieses mir zum Ziele setzen zu sollen, daß bei dem glückseligen Volke der katholischen Kirche ein und derselbe Glaube, aufrichtige Liebe und gleichgesinnte Frömmigkeit gegen den allmächtigen Gott erhalten bleibe. Nachdem aber in dieser Beziehung eine feste und dauerhafte Ordnung nicht anders zu erreichen war als dadurch, daß alle oder doch die meisten Bischöfe an einem Orte sich versammelten und jede auf die heilige Religion bezügliche Frage in Untersuchung gezogen würde: so sind zu diesem Zwecke so viele Bischöfe wie möglich [S. 44] zusammengekommen, und war auch ich selbst wie einer aus Euch zugegen — denn ich möchte nicht in Abrede stellen, was mich sehr erfreut, daß ich nämlich Euer Mitarbeiter gewesen bin — und wurde jeglichem Punkte eine entsprechende Untersuchung so lange gewidmet, bis das dem alles überwachenden Auge Gottes gefällige Urteil zugunsten der Einheit und Einmütigkeit zutage gefördert war, so daß also durchaus kein Grund mehr vorhanden ist zur Zwietracht oder zu Glaubensstreitigkeiten.

Da kam nun auch die Frage wegen des hochheiligen Osterfesttages zur Sprache und wurde einstimmig für gut befunden, daß alle allenthalben dasselbe an einem und demselben Tage begehen sollten. Denn was kann es für uns Schöneres und was Erhabeneres geben, als wenn dieses Fest, von dem wir unsere Hoffnung auf Unsterblichkeit herleiten, von allen unentwegt genau nach einer Ordnung und nach klarer Berechnung gefeiert wird? In erster Linie nun erschien es unwürdig, dieses hochheilige Fest zu begehen im Anschluß an die Gewohnheit der Juden, die ihre Hände mit ruchlosem Frevel befleckt haben und die darum verdientermaßen als Unreine geistig geblendet sind. Denn nachdem dieses Volk verworfen worden, ist es geziemend, eine richtigere Ordnung, wie wir sie vom ersten Leidenstage an bis zur Gegenwart befolgt haben, auch für alle Zukunft beizubehalten und zu beobachten. Nichts soll uns also gemeinsam sein mit jenem so feindseligen Volke der Juden! Denn wir haben durch unseren Erlöser einen anderen Weg kennen gelernt; es ist uns für die Übung unserer heiligsten Religion ein Weg vorgezeichnet, der gesetzmäßig und geziemend zugleich ist. Diesen wollen wir also, verehrteste Brüder, gemeinsam einschlagen und von dem häßlichen Zusammengehen mit jenen uns losmachen! Denn es ist doch wahrhaftig nicht am Platze, daß jene sich rühmen, als ob wir ohne ihre Anweisung nicht fähig wären, Ostern richtig zu feiern. Im Gegenteil, was werden diese noch Rechtes zu denken vermögen, die da nach jener Ermordung unseres Herrn ihren Verstand verloren haben und nicht durch irgendeine vernünftige Erwägung, sondern durch einen ungezügelten Drang sich leiten lassen, wohin sie die in ihnen herrschende wahnwitzige [S. 45] Neigung auch treiben mag? Daher sehen sie auch in diesem Punkte die Wahrheit nicht, so daß sie, immer zu den größten Irrtümern geneigt, anstatt die entsprechende Verbesserung vorzunehmen, lieber in einem und demselben Jahre ein zweites Osterfest feiern1. Warum sollen wir also diesen folgen, die doch anerkanntermaßen in einem gewaltigen Irrtum sich befinden? Denn zum zweiten Male in einem und demselben Jahre Ostern zu feiern, das werden wir doch niemals über uns bringen können. Aber selbst wenn dieser Grund nicht vorläge, so wäre es doch Euere Pflicht, beständig mit aller Sorgfalt dahin zu wirken und darum zu beten, daß die Reinheit Euerer Gesinnung sich nicht durch irgendwelche Annäherung mit den Sitten ganz schlechter Menschen zu vermischen scheine.

Außerdem ist auch das zu bedenken, daß in einer so wichtigen Angelegenheit und bei der Feier eines solchen Festes das Vorhandensein einer Verschiedenheit ganz unzulässig ist. Denn nur einen Gedächtnistag unserer Befreiung oder, was dasselbe ist, seines hochheiligen Leidens hat uns unser Erlöser hinterlassen, nur eine sollte nach seinem Willen seine katholische Kirche sein, deren Glieder, wenn auch noch so sehr über viele und verschiedene Gegenden zerstreut, dennoch von einem Geiste, das ist von dem göttlichen Willen, belebt und erquickt werden. Darum möge die Einsicht Euerer Heiligkeit erwägen, wie sonderbar und unpassend es ist, wenn an den nämlichen Tagen die einen dem Fasten obliegen, andere dagegen miteinander Festmahle [S. 46] feiern, und wenn dann nach den Ostertagen die einen sich offen der festlichen Freude und Erholung hingeben, während andere noch dem vorgeschriebenen Fasten nachkommen. Aus diesem Grunde ist es also sicher der Wille der göttlichen Vorsehung, daß diese Angelegenheit die gebührende Verbesserung erfahre und in eine gemeinsame Form gebracht werde, was nach meinem Dafürhalten auch alle einsehen werden.

Da es also einmal angezeigt erschien, die Osterfeier so zu verbessern, daß wir nichts mit jenen vatermörderischen und gottesmörderischen Menschen gemein haben, und da ferner jene Ordnung nur gebilligt werden kann, welche alle Kirchen in den westlichen, südlichen und nördlichen Teilen der bewohnten Erde und auch einige in den morgenländischen Gegenden befolgen: so erachteten aus diesen Gründen alle es gegenwärtig für gut — und ich selbst bürgte dafür, daß es auch Euerer Einsicht entsprechen werde —, daß nämlich das, was in der Stadt Rom und in ganz Italien und Afrika, in Ägypten, Spanien, Gallien, Britannien, Libyen, in ganz Griechenland und in den Diözesen Asien und Pontus und in Zilizien einhellig und übereinstimmend beobachtet wird, daß dieses auch von Euerer Weisheit gebilligt und angenommen werde, indem Ihr erwäget, wie nicht nur die Zahl der in den vorgenannten Gegenden befindlichen Kirchen die größere ist, sondern auch, daß es Gott ganz besonders wohlgefällig ist, wenn alle übereinstimmend das wollen, was einerseits eine eingehende vernünftige Erwägung zu fordern scheint und was andrerseits mit dem meineidigen Wesen der Juden keine Gemeinschaft hat. Um endlich die Hauptsache kurz zusammen zu fassen, so hat es dem gemeinsamen Urteile aller gefallen, daß das hochheilige Osterfest an einem und demselben Tage gefeiert werde; denn es geziemt sich nicht, daß bei der Feier eines so heiligen Festes irgendein Unterschied obwalte, und dann ist es auch schöner, derjenigen Meinung zu folgen, bei welcher keinerlei Annäherung an fremdartigen Wahn und Irrtum sich findet.

Aus diesen Gründen möget Ihr also das himmlische Gnadengeschenk und die in Wahrheit von Gott herkommende Verordnung freudig entgegennehmen! Denn alles, [S. 47] was in den heiligen Versammlungen der Bischöfe beschlossen wird, das läßt sich auf den göttlichen Willen zurückführen. Indem wir daher allen unseren geliebten Brüdern das Vorstehende zu wissen tun, ist es nun Euere Pflicht, fortan den genannten Beschluß betreffend die genaue Feier des heiligsten Tages anzunehmen und durchzuführen, damit ich, wenn ich komme, den längst ersehnten Anblick Euerer Liebe zu genießen, das heilige Fest mit Euch an einem und demselben Tage begehen und in jeder Beziehung mit Euch mich freuen kann, wenn ich sehe, wie die Bosheit des Teufels von Gottes Macht in unserem Wirken überwunden wird und wie unser Glaube allenthalben lebendig ist und Friede und Eintracht blühen. — Gott möge Euch, geliebte Brüder, in seine Obhut nehmen!“

1: Die Juden nahmen es nach der Zerstörung Jerusalems nicht mehr so genau mit der Feier des Paschafestes, sondern begingen dasselbe oft schon vor dem Frühlingsäquinoktium, während es zur Zeit Christi immer nach demselben gefeiert wurde. Und auch manche Christen folgten dieser jüdischen Sitte. Man nannte sie später Protopaschiten. Wenn nun das vorhergehende Ostern nach der Frühlings-Tag- und -Nachtgleiche begangen worden war und das neue Osterfest vor derselben gefeiert wurde, so wurden im Zeitraume eines Jahres zwei Osterfeste begangen. Das sollte nach der Bestimmung der Synode anders werden; Ostern sollte immer nach dem Frühlingsvollmonde gefeiert werden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger