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Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)
Erstes Buch [323—337]

21. Hinterlistige Umtriebe des Eusebius und seiner Partei gegen den heiligen Eustathius, Bischof von Antiochien

[S. 70] Eusebius hatte also, wie bereits erwähnt, auch den Stuhl von Konstantinopel auf gewaltsame Weise an sich gebracht1. Sobald er aber hierdurch eine größere Macht erlangt hatte und, nahe beim Kaiser weilend, durch den häufigeren Umgang mit demselben freimütiger und zuversichtlicher geworden war, da traf er seine hinterlistigen Veranstaltungen gegen die Verteidiger der Wahrheit. Zunächst stellte er sich, als hätte er ein großes Verlangen, Jerusalem zu sehen. Und nachdem er hierdurch den Kaiser berückt hatte, als ob er das berühmte Bauwerk in Augenschein nehmen wollte, reiste er unter den größten Ehrenbezeigungen ab, indem ihm der Kaiser Pferde und Wagen und die sonstige Reiseausrüstung zur Verfügung stellte. Mit ihm reiste auch Theogonius von Nizäa, der, wie wir schon früher erwähnten, der Genosse seiner bösen Pläne war.

In Antiochien fanden sie, da sie sich mit dem Schein der Freundschaft umgaben, die denkbar freundlichste Aufnahme; denn der Vorkämpfer der Wahrheit, der große Eustathius, erwies ihnen in jeder Beziehung ein brüderlich wohlwollendes Entgegenkommen. Als sie aber die heiligen Stätten erreicht hatten und dort ihre Gesinnungsgenossen zu Gesicht bekamen, den Eusebius von Cäsarea, Patrophilus von Scythopolis, Aëtius von Lydda, Theodotus von Laodicea und alle die anderen, welche von dem Aussatz des Arius angesteckt waren: da deckten sie ihre geheimen Absichten auf und kehrten mit ihren (eben genannten) Gesinnungsgenossen nach Antiochien zurück. Als Vorwand für das Mitreisen der [S. 71] übrigen Bischöfe diente die Ehre der Begleitung, der geheime Zweck aber bestand in dem Kampf gegen die fromme Rechtgläubigkeit. Sie dingten nämlich eine buhlerische Frauensperson, die ihre jugendlichen Reize öffentlich um Geld feilbot, und überredeten sie, ihnen ihre Zunge mietweise zu überlassen. Hierauf traten sie zum Gericht zusammen. Nachdem sie alle anderen hatten hinausgehen lassen, führten sie die unglückselige Frauensperson herein. Diese zeigte ein säugendes Kindlein und behauptete, dasselbe aus dem Umgang mit Eustathius empfangen und geboren zu haben und nannte ihn laut einen schamlosen Menschen. Da forderte sie dieser, der die offenbar stattgefundene Bestechung durchschaute, auf, einen etwaigen Mitwisser der Sache, wenn sie einen solchen habe, öffentlich vorzuführen. Als sie erwiderte, daß sie keinen Zeugen für ihre Anklage habe, legten ihr diese äußerst gerechten Richter einen Eid auf, obschon das Gesetz ausdrücklich vorschreibt, daß eine Aussage nur auf zwei oder drei Zeugen hin für wahr gelten solle, und obwohl der Apostel ganz deutlich bestimmt, daß man auch gegen einen Priester eine Anklage ohne zwei oder drei Zeugen nicht annehmen dürfe. Allein diese Verächter der göttlichen Gesetze nahmen gegen einen so hervorragenden Mann eine Anklage ohne alle Zeugen an. Nachdem jene ihrer Behauptung den Eidschwur beigefügt und laut beteuert hatte, daß das Kind ganz bestimmt von Eustathius sei, da fällten diese wahrheitsliebenden Männer schließlich über Eustathius wie über einen buhlerischen Menschen ihren Urteilsspruch. Weil jedoch die anderen Bischöfe — es waren nämlich nicht wenige zugegen, die für die apostolischen Satzungen einstanden und von den hinterlistigen Anschlägen gar nichts wußten — offen widersprachen und nicht zulassen wollten, daß der große Eustathius jenem gesetzwidrigen Urteil sich unterwerfe, so eilten die Veranstalter der Untat auf dem kürzesten Wege zum Kaiser und redeten ihm ein, daß die Anklage wahr und das Absetzungsurteil gerecht sei, und bewirkten, daß der Kämpfer für Wahrheit und Enthaltsamkeit wie ein buhlerischer und herrschsüchtiger Mensch in die Verbannung geschickt wurde.

1: Theodoret berichtet auch hier ungenau (vgl. oben S. 67 Anm. 1). Bischof Eustathius von Antiochien wurde schon 330 auf einer Synode zu Antiochien abgesetzt. Damals aber war Eusebius noch Bischof von Nikomedien, und erst acht Jahre später (338) gelang es ihm, den wichtigen Stuhl von Konstantinopel zu erobern. Zu dem Inhalt dieses Kapitels vgl. Hefele, CG I ², 451 f. 489.

 

 

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