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Sulpicius Severus (um 420)
Drei Dialoge
(Dialogi; über den hl. Martinus)

1. Dialog

1.

Gallus und ich waren zusammengekommen. Dieser Mann ist mir überaus teuer, einmal wegen des Andenkens an Martinus, dessen Schüler er war, dann auch seiner eigenen Verdienste wegen. Unerwartet fand sich auch mein lieber Postumianus bei uns ein; er war unsertwegen aus dem Orient heimgekehrt. Vor drei Jahren hatte er sein Vaterland verlassen und sich dorthin begeben. Ich umarmte den liebtrauten Freund und küßte ihn auf Knie und Füße. Wir gingen voll Entzücken, Freudentränen in den Augen, einigemal auf und ab. Dann breiteten wir die rauhen Mäntel auf den Boden und ließen uns nieder.

Jetzt sah mich Postumianus an und begann zuerst: "Als ich im Herzen von Ägypten war, kam mir das Verlangen, an die Küste zu gehen. Dort fand ich ein Frachtschiff, das mit Waren beladen, gerade nach Narbonne abfahren sollte. In der gleichen Nacht kam es mir im Traume vor, als stündest du vor mir, zögest mich an der Hand und nötigtest mich, in jenes Schiff zu steigen. Als ich mich dann bei anbrechendem Morgen vom Orte meiner Ruhe erhoben hatte, dachte ich bei mir über den Traum nach. Da packte mich urplötzlich so heißes Verlangen nach dir, daß ich ohne Zögern das Schiff bestieg. Dreißig Tage später landete ich in Marseille, von da bin ich in zehn Tagen hierher1 gekommen; so günstig erwies sich die Fahrt meinem frommen Herzenswunsche. Du, um dessentwillen ich so viele Meere durchfahren, so viele Länder durcheilt habe, laß dich jetzt umarmen und genießen, gib dich mir ganz rückhaltlos". Darauf antwortete ich: "Auch ich war, solange du in Ägypten weiltest, immer ganz bei dir mit Geist und Herz; Tag und Nacht mußte ich an dich denken, die Liebe zu dir hielt mich ganz gefangen. Um so weniger werde ich jetzt, das glaube nur, mich dir auch nur einen Augenblick entziehen; ich will an deinem Mund hängen, dir ins Auge blicken, dir lauschen, mit dir reden, aber so, daß durchaus niemand sich zu uns in die Heimlichkeit der abgelegenen Zelle drängen darf. Ich kann ja voraussetzen, daß dir die Anwesenheit dieses unseres Gallus nicht lästig fällt; er ist ja, wie du sehen kannst, ob deiner Rückkehr ebenso freudetrunken wie ich". "Gut so", entgegnete Postumianus, "Gallus darf in unserm Kreise bleiben. Obwohl er mir nicht recht bekannt ist, soll er doch, weil er dein bester Freund ist, auch mir teuer sein, zumal, da er zu den Schülern des Martinus zählt. Es fällt mir nicht schwer, die Unterhaltung mit euch nach Belieben lang auszudehnen. Wenn ich kam, geschah es ja aus Verlangen nach meinem Sulpicius, um mit ihm nach Herzenslust plaudern zu können" — bei diesen Worten umschlang er mich mit beiden Armen.

1: Nach Primuliaeum

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger