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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

12.

In diesem Kloster sah ich zwei Greise, die, wie man mir sagte, schon vierzig Jahre im Kloster waren, ohne daß sie je einen Schritt außer dasselbe gesetzt hätten. Ich glaube von diesen reden zu müssen, da ich hörte, wie der Abt selbst und alle Brüder ihrer Tugend das rühmende Zeugnis ausstellten: den einen habe die Sonne nie essen, den anderen nie zornig gesehen"1 .

Da sah mich Gallus an und sprach: "Wenn jetzt nur jener euer Freund — ich will seinen Namen nicht nennen — zugegen wäre. Ich wünschte sehr, daß er dieses Beispiel hörte, er läßt sich ja, wie wir haben erfahren müssen, oftmals zu heftigem Zorn gegen viele Personen hinreißen. Ich habe zwar vernommen, daß er neulich seinen Feinden verziehen habe, aber es würde in ihm, käme ihm dieses Beispiel zu Ohren, die Überzeugung immer mehr erstarken, daß es eine herrliche Tugend ist, sich vom Zorne nicht bemeistern zu lassen. Ich will ja nicht in Abrede stellen, daß er gerechte Gründe für seinen Zorn hatte, allein wo der Kampf heißer, da ist die Krone auch ruhmvoller. Ich bin überzeugt, daß deshalb ein gewisser Mann — du kannst verstehen, wen ich meine2 — mit Recht hohes Lob verdient: als ihm ein Freigelassener undankbar davonlief, wollte er lieber Erbarmen üben als dem Flüchtling nachsetzen lassen. Selbst gegen den empfindet er keinen Groll, von dem jener, wie es scheint, entführt wurde".

Darauf entgegnete ich: "Hätte Postumianus nicht dies als Beispiel dafür angeführt, wie man den Zorn beherrschen muß, so wäre ich über diesen Flüchtling in heftige Aufregung geraten. Allein da man nicht zornig werden soll, darf ich über diesen Vorfall, der mir so peinlich ist, nicht weiter sprechen. Wir wollen lieber dich, Postumianus, weiter hören". "Sulpicius", sagte er darauf, "ich will deinem Wunsche nachkommen, da ihr, wie ich sehe, so begierig seid, weiteres zu hören. Aber ihr müßt wissen, ich erzähle euch dies nicht, ohne ein Entgelt von euch zu erwarten; gern erfülle ich euren Wunsch, wenn nur ihr bald darauf den meinigen nicht unerfüllt lasset". Da gab ich zur Antwort: "Wir haben nichts, womit wir dir das Darlehen selbst ohne Zinsen zurückzahlen könnten. Und doch verlange von uns, was dir beliebt, wenn du nur unsern Wünschen entsprichst, so wie du begonnen hast. Denn wir finden an deiner Erzählung großen Gefallen". Postumianus entgegnete: "Ich will eurem begeisterten Eifer durchaus keine Enttäuschung bereiten. Da die Tugend eines Eremiten euren Beifall gefunden, werde ich euch kurz über mehrere andere berichten,

1: Dasselbe sagt Cassian, De instit. coenob. V, 27 von einem Einsiedler namens PAesius und einem namens Johannes.
2: Es ist Sulpicius; ihm war ein Freigelassener namens Pomponius [vgl. Dial. III, 18], entlaufen. Dieser war wahrschemlich von Vigilantius dazu verfuhrt worden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger