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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

10.

Am Rande der Wüste lagen viele Klöster nahe beim Nil. Die Mönche wohnen manchmal an einem Orte bis zu hundert zusammen. Als wichtigste Regel gilt bei ihnen, nach dem Willen des Abtes zu leben, nicht nach eigenem Gutdünken zu handeln, in allem von dessem Willen und Befehl abzuhängen1 . Wenn einer von ihnen in sich das Verlangen nach vollkommenerer Tugend verspürt und sich in die Einöde begeben will, um hier als Einsiedler zu leben, so tut er diesen Schritt nur mit Erlaubnis des Abtes. Das ist also bei ihnen die Krone der Tugenden, sich fremdem Willen unterzuordnen. Denen, die mit Gutheißung ihres Abtes in die Wüste gegangen sind, wird Brot und andere Speise zugeschickt. Während der Tage meines Aufenthaltes hatte gerade ein Abt einem, der sich vor kurzem in die Einöde zurückgezogen und in einer Entfernung von nur sechs Meilen2 vom Kloster sich eine Zelle errichtet hatte, ein Brot durch zwei Knaben zugesandt. Der ältere von diesen war fünfzehn, der jüngere zwölf Jahre alt. Auf dem Heimweg trafen sie auf eine riesengroße Schlange; doch diese Begegnung erschreckte sie nicht. Sobald die Schlange bis zu ihren Füßen gekrochen war, drückte sie ihren dunkelblauen Kopf3 nieder, als wäre sie durch einen Zauberspruch gebannt. Der jüngere Knabe ergriff sie mit der Hand, wickelte sie in seinen Mantel und trug sie mit sich. Wie ein Sieger kam er im Kloster den Brüdern entgegen, vor aller Augen breitete er den Mantel auseinander und legte nicht ohne stolzes Prahlen das gefangene Tier vor sich auf den Boden. Die meisten rühmten den Glauben und die Tugend des Knaben. Der Abt aber in seinem weisen Bestreben4 , ihnen den jugendlichen Stolz zu benehmen, schlug beide mit der Rute; er schalt sie heftig aus, weil sie das verraten hätten, was der Herr durch sie gewirkt hatte. Nicht ihr Glaube habe das bewirkt, sondern die göttliche Wundermacht; sie müßten viel eher lernen, Gott in Demut zu dienen, nicht mit Zeichen und Wundertaten sich brüsten; denn besser sei es, seiner Schwachheit sich bewußt zu bleiben, als sich wegen seiner Wundertaten eitel zu erheben.

1: Diese Stelle hat wohl S. Benedikt Reg. c. 5 benützt.
2: Gegen 9 km.
3: "Caerula colla", Zitat aus Vergil, Aeneis II, 381.
4: "Altiore oonsilio" zitiert in Reg. S. Bened. c. 63.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger