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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

9.

Übrigens wie wahr und entschieden hat er über den vertraulichen Verkehr der Jungfrauen mit Mönchen und auch mit Klerikern sich geäußert! Es sollen ihm darob manche, deren Namen ich ungenannt lasse, nicht gar hold sein. Wie unser Belgier darüber bös ist, daß wir wegen übergroßer Eßlust gebrandmarkt worden sind, so knirschen diese Leute, wie es heißt, vor Wut, wenn sie in jenem Buche lesen: "Den ehelosen leiblichen Bruder verachtet die Jungfrau, aber den Fremden sucht sie sich zum Bruder"1 . "Du gehst zu weit, Gallus", warf ich da ein, "nimm dich in acht. Es könnte sich einer getroffen fühlen, wenn er das hört und dann auch dir wie dem Hieronymus seine Liebe versagen2 . Da du in der Schule studiert hast, darf ich nicht mit Unrecht meine Ermahnung in die Worte jenes Komikers kleiden: "Willfähriges Entgegenkommen macht Freunde, offene Wahrheit aber Feinde"3 . Postumianus, nimm du lieber wieder die Erzählung vom Orient auf, mit der du begonnen hast". "Was ich sagen wollte", fuhr er da weiter, "ich blieb sechs Monate bei Hieronymus. Sein beständiger Kampf und Streit gegen die Bösen zog ihm den Haß der Schlechten zu. Die Häretiker haßten ihn, weil er unablässig wider sie Fehde führte. Die Kleriker haßten ihn4 , weil er ihren Lebenswandel und ihre Vergehen geißelte. Dagegen sind alle Guten für ihn voll Bewunderung und Liebe; denn wer ihn für einen Häretiker5 hält, ist sicherlich nicht recht bei Sinnen. Wahrhaftig, ich behaupte, er ist ein Mann von katholischem Wissen und gesunder Lehre; immer ist er am Lesen, immer mit Büchern beschäftigt; weder bei Tag noch bei Nacht gönnt er sich Ruhe, immer liest oder schreibt er etwas. Hätte ich mir nicht fest vorgenommen und Gott versprochen gehabt, meinem früheren Plane entsprechend in die Einöde zu gehen, so hätte ich auch nicht einen Augenblick von der Seite eines solchen Mannes weichen mögen. So aber übergab und überließ ich ihm meine ganze Habe samt der Dienerschaft, die sich mir gegen meinen Willen angeschlossen hatte, mir aber nur hinderlich war. Jetzt sozusagen einer drückenden, schweren Last ledig geworden, ging ich vollkommen frei nach Alexandrien zurück. Dort besuchte ich die Brüder und begab mich dann in die obere Thebais, d. h. bis an die Grenzen von Ägypten. Man hatte mir nämlich gesagt, daß sich in den dortigen weiten Wüsteneinöden viele Mönche aufhielten. Es würde jedoch zu weit führen, wollte ich alles erzählen, was ich gesehen habe. Ich will mich kurz fassen.

1: Hieron. Ep. 22, 14.
2: Anspielung auf Hier. Ep. 61, 1.
3: Zitat aus Ter., Andr. I, 1, 41.
4: Vgl. Hieron. Ep. 130, 19; 52, 17.
5: Vgl. Hieron. Ep. 61, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger